Die "junge Welt" demontiert Konrad Adenauer

Altkanzlerbeschimpfung

Am 5. Januar 2001 wäre Konrad Adenauer, Gründungsvater der CDU und erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, 125 Jahre alt geworden. Auch wir Neusser Patrioten verehren den Altkanzler, ist er doch einerseits verwandtschaftlich mit dem hiesigen Werhahn-Clan verbunden und andererseits verantwortlich für den ranzigen Charme der Jahre 1949 bis 1963. Ein Denkmal für den Mann mit der prägnanten Sprache gibt es in unserer Stadt zwar noch nicht, aber dafür haben wir den Konrad-Adenauer-Ring. Und es soll sogar mit dem Gedanken gespielt werden, eine unserer großen Kirchen in Adenauer-Kathedrale umzubenennen.
Doch ausgerechnet jetzt hat ein übler Geselle namens Werner Rügemer die Akten über Konrad Adenauer, die im Historischen Archiv der Stadt Köln und im Bundesarchiv Berlin lagern, unverschämter Weise durchwühlt. Die Fakten, die er dort über Konrad Adenauers Zeit als Oberbürgermeister von Köln ausgegraben hat, präsentiert er nun in zwei langen Artikeln, die am 17. bzw. 18. Januar diesen Jahres in der Berliner Tageszeitung "junge Welt" erschienen sind. Um vorzuführen, wie übel unserem Mann mit dem Pepitahut darin mitgespielt wird, dokumentieren wir voller Empörung die schlimmsten Passagen:

Schwarze Kasse im Rathaus

Am 18.9.1917 wurde der langjährige erste Beigeordnete Konrad Adenauer zum Kölner Oberbürgermeister gewählt. Zur Beruhigung des Publikums stimmte er einem Beschluß der Stadtverordnetenversammlung vom selben Tag zu. Danach war der OB verpflichtet, alle Tantiemen an die Stadtkasse abzuliefern, wenn er »als Vertreter der Stadt zum Mitgliede des Aufsichtsrates oder Vorstandes einer Erwerbsgesellschaft bestellt werden sollte.« Der tiefkatholische Zentrumspolitiker ließ zwei Monate später den Beschluß abändern, was umso leichter fiel, da aufgrund des preußischen Dreiklassenwahlrechts im Stadtrat noch keine Sozialdemokraten oder andere lästige Vertreter sozialer Interessen saßen. Am 23.11.1917 wurde das Gegenteil beschlossen: »... steht die hieraus aufkommende Vergütung zur freien Verfügung des Oberbürgermeisters.« Es wurde zwar nebulös festgelegt, das Geld solle »zum Wohle der städtischen Beamten« verwendet werden, aber für alle Fälle hieß es: »Eine Rechnungslegung findet nicht statt.«
Auf dieser Grundlage glitt der neue OB skrupellos vom Legalen zum Illegalen. Er ließ das Konto »Dispositionsfonds« einrichten. Darauf lenkte er die erheblichen Summen, die ihm von seinen Aufsichtsratsmandaten zuflossen. 14 000 Mark jährlich kamen von der Provinzial Feuerversicherung. Das schon damals mächtige Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) überwies Adenauer jährlich ebenfalls etwa 14 000 Mark, manchmal auch 19 000. Die schwarze Kasse wurde von Geschäftspartnern auch direkt aufgefüllt. So spendete Direktor Dr. Brüning von der Kölner Filiale der Deutschen Bank 30 000 Mark in den Fonds, versehen mit dem unnötigen Zusatz »zur freien Verwendung«.

Förderung von Militaristen

Besonderes Gewicht legte der Zentrumspolitiker auf die Förderung von militaristischen Vereinigungen und großdeutschen Bestrebungen. Dabei wird nebenbei die Legende widerlegt, Adenauer sei ein »rheinischer Separatist« gewesen. Vor allem war er, spätestens seit Mitte der 20er Jahre, ein Großdeutscher. Er stiftete zwar schon mal die Ehrenpreise für das »Rheinlandbefreiungsschießen« 1930 und half der Mainzer Rudergesellschaft beim Kauf eines »Befreiungsachters«. Als Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft (»Unerbittlich fordern wir Deutschlands Recht auf eigene Kolonien«) bestritt er aus der schwarzen Kasse 25 Exemplare »Deutscher Kolonialkalender« für die Volksbüchereien der Stadt. Er nervte den Schuldezernenten Linnartz so lange, bis dieser dem Geschenk von nochmals 50 Exemplaren des Kalenders zustimmte und sie in den Schulen verteilte. Der Kölner Kreiskriegerverband und der Preußische Landeskriegerverband durften für das- Kriegerdenkmal im Hindenburgpark ebenso auf eine Gabe hoffen wie das Kürassierregiment 8, das immerhin 2 000 Mark bekam.
Für die Kundgebung »Danzig bleibt deutsch« des Vereins für das Deutschtum im Ausland floß aus dem Dispositionsfonds eine Spende wie für das Wohltätigkeitskonzert zur »Unterstützung notleidender Kolonialdeutscher in Ost- und Westafrika«. Adenauer subventionierte Auslandsvereine wie den Deutschen Schulverein Antwerpen und die Landsmannschaft Eupen-Malmedy--Monschau. Rittmeister a. D. Habermann bekam eine Spende für das »Deutsche Haus« in Olmütz. Aus dem Fonds bezahlte Adenauer ab 1931 auch das Abonnement der »Deutschen Führerbriefe«, die von seinem Freund Paul Silverberg herausgegeben wurden, Chef der Rheinbraun AG, die für die Beteiligung Hitlers an der Reichsregierung warben. Als früher Bewunderer Benito Mussolinis förderte er sogleich nach dem Sieg des Faschismus in Italien die Errichtung des Italienischen Kulturinstituts in Köln und bedachte es mit einer Spende aus seiner schwarzen Kasse.

Rathaus als Zockerbüro

Zeitweise glich sein Rathausvorzimmer einem Zockerbüro. »Wir machen höflichst darauf aufmerksam, daß unsere Bestände in achtprozentigen Goldpfandbriefen zur Neige gehen und bitten Sie, im Bedarfsfalle möglichst umgehend bei uns oder unseren Niederlassungen Offerten einzuholen«, so hieß es etwa in einem Angebot der Deutschen Bank, das im Rathaus umgehend bearbeitet werden mußte. Adenauer unterhielt für seine umfangreichen Deals nicht nur zwei Girokonten bei der Städtischen Sparkasse Köln, sondern Konten und Aktiendepots bei mehreren Banken: C.G. Trinkaus (Düsseldorf), Sal. Oppenheim (Köln), Deutsche Bank (Köln) und Comes & Co (Berlin).
Die privaten Aktiendeals ihres OB waren für die städtischen Beamten so normal, daß sie ihm schon mal ein paar Millionen aus der Stadtkasse vorstreckten. So traf am 27.1.1923 mit vertraulichem Schreiben im Rathaus das Angebot der Deutschen Bank über den Bezug junger Aktien der Rheinbraun AG ein, bei der Adenauer im Aufsichtsrat saß. Die 41 111 Aktien kosteten 613 111 Mark, die Entscheidung mußte am selben Tag getroffen werden. Der Bürodirektor fertigte eine Zahlungsanweisung an die Stadtkasse (»außerordentliche Bedürfnisse«), zwei Tage später meldete die Kämmerei der am höchsten verschuldeten deutschen Stadt Vollzug. Bemerkenswert hierbei ist auch, daß die Verwaltungsspitze der Stadt diesen Rechtsbruch ausnahmslos mittrug - eine Überweisung dieser Größenordnung und Dringlichkeit mußte von mehreren Spitzenbeamten abgesegnet werden. Erst drei Monate später ordnete Adenauer an: »Der von der Stadthauptkasse verauslagte Betrag von 613 000 M wird dieser aus meinem Girokonto 8081 bei der Städtischen Sparkasse erstattet.« Natürlich ohne Zinsen. Solche Beträge - heute wären das gut fünf Millionen DM - waren auf Adenauers Girokonto ohne Schwierigkeit verfügbar. Gleichzeitig wußte der christliche Politiker auf den damaligen Katholikentagen geläufig gegen »Materialismus und Mammonismus im deutschen Volke« zu wettern und den »Schwund des Religiösen« zu beklagen, als hätte er bei seinem heutigen Fan Josef Kardinal Meisner die Weihnachtspredigt gehört.