Jedes Ding hat zwei Seiten, das behaupten nicht nur Münzsammler, das gilt
auch für den weißen Mammutk(l)otz am Tranktor, der seit wenigen Wochen
Kreisverwaltung, Kino und Theater beherbergt. Kreishaus steht dran - obwohl
es eckig ist, eine Mogelpackung also, aber was für eine: ach-so-anmutig-geschwungen
verspricht die Vorderfront dem potentiellen Besucher das reine, das weiße
Glück, und zwar nicht ohne Grund - denn Aldi, Theater und Kino in einem,
ist das nicht das ultimative Glücksversprechen schlechthin? Unterhaltsamen
Verzehr, pur, sofort und ohne Reue verspricht das "Ingenhoven-und-Ingenhoven-und-wieviel-Ingenhoven-eigentlich-noch-Konstrukt"
von vorne und von außen.
Dahinter aber spricht die Architektur in klarer Sprache darüber, dass Ideen
nichts sind, wenn Protz und Bürgertum auf Ausdruck oder gar ins neue Jahrtausend
drängen: die Einkaufspassage schnurgerade, einfallslos, potthässlich
und überhell, wie sie nur der tumbe Mathe-Freak ersinnen kann. Konsequent
huldigt sie einer einzigen Form, dem rechten Winkel, einer einzigen Farbe, dem
Weiß und einem einzigen Material, dem Glas, wie sie ja auch nur einem
einzigen Zweck dient: dem Mammon. Eigenartig nur, dass der Zugang zum Paradies
erschwert wird durch riesige Pfützen und Türen, die schwer zu öffnen
sind.
Ein Kino-Aufgang, den nicht nur von Klaustrophobie Geplagte als kleiner, enger
und beklemmender als die meisten Notausgänge dieser Welt empfinden, macht
klar, dass sich ins Abseits begibt, wer sich von Leinwand-Träumen verführen
lässt, statt geflissentlich im Parterre zu konsumieren - Rückweg im
Zweifelsfall ausgeschlossen. Dazu ein Theater-Eingang, nüchtern, rechtwinklig
aus Glas und Stein: zwischen kühlem Machtprotz und kleinkariert-abgeschottetem
Bürgeridyll hat ein Theater, das die Stadtoberen per Mietvertrag in den
Würgegriff genommen haben, seinen neuen, seinen adäquaten Ort gefunden.
Der ausgestellte PKW gibt zur Vermutung Anlass, dass es sich auch um den Showroom
eines Autohändlers handeln könnte.
Erst von hinten aber zeigt sich der Charakter des Baus in ganzer - sagen wir
ruhig: unverhohlener - Härte: gibt es Trostloseres als die Kompanie fest
gebundener, in grauem Beton eingeschlossener Bäume, der jeder auch noch
so geringe freie Wuchs durch unzählige Stahlseile verwehrt ist und die
ohne Ausweg in Betonkarrées stramm zu stehen hat? Keine einzige Sitzgelegenheit
lädt zum Verweilen ein. Vorgesehen ist nur die Passage zum Parkhaus. Vor
weißer, unantastbar glatter Fassade darf sich hier allenfalls der Theater-Kunde
wohlfühlen. Und das auch nur in der klaren Gewissheit, dass alles auf der
Bühne gesehene Gefühl reine Imagination ist, dass Natur (die grüne
ebenso wie des Menschen eigene) dagegen in der betonumrandeten Wirklichkeit
längst unter strenger Kontrolle steht. Ungebrochener Fortschrittsglaube
tarnt den eigenen monomanen Zweck hier nicht wie sonst in der postmodernen Architektur
mittels Material- und Nischenvielfalt, sondern kommt unverblümt zur Sache:
wie wüst und öde sein Ziel, wie absolut sein Herrschaftsanspruch ist,
hier wird's offenbar. Und wer das nicht mag, der gehe gefälligst hinein,
imaginiere oder konsumiere und lasse sich so betäuben. Ein Ausweg ist nicht
vorgesehen. Da ist der Monumentalk(l)otz wenigstens ehrlich.
Cornelia Unterbach