Interview mit Geschäftsführer Reinhard Mlotek

Fünf Jahre beim Theater am Schlachthof

Ende des vergangenen Jahres sprachen Franz Anger und HP Jacobitz mit Reinhard Mlotek, der seit 1995 als Geschäftsführer im Theater am Schlachthof (TaS) arbeitet, über die Schwierigkeiten, die Vorteile und die Erfolge eines freien Theaters in einer christdemokratisch dominierten Provinzstadt.

Neusser Monat: Herr Mlotek, schildern Sie bitte mal die Anfänge des Theaters am Schlachthof.

Reinhard Mlotek: Am Anfang gab es das Neue Tendenz Theater mit Martin Maier-Bode und Thomas Hover, später kamen Claudia Brasse und Jürgen Eick dazu, die haben Stücke geschrieben und aufgeführt. Dann kamen noch weitere Gruppen hinzu, und zwar in einem Theater an der Uhlandstraße. Dies wurde 1993 abgebrochen und 1994 gab es die Möglichkeit, alte, nicht mehr genutzte Wirtschaftsgebäude am Schlachthof zu beziehen. Es gab viele Gespräche mit der Stadt, vornehmlich mit dem Kulturdezernenten Grosse-Brockhoff. Das Geld, das ursprünglich für den Abbruch ausgegeben werden sollte, wurde nun für die Renovierung bzw. Herrichtung benutzt. Das Theater wurde durch die Eigenarbeit der Künstler in unzähligen Arbeitsstunden aufgebaut, dabei hat sich damals ein fester Kern herausgebildet. Man orientierte sich an Düsseldorf, dort gab es zu der Zeit schon eine sehr reichhaltige freie Theaterszene. Das TaS machte seinerzeit hauptsächlich Kabarett und zusätzlich Theater. Heute steht das Theater bei uns im Vordergrund.

N.M.: Wann sind Sie als Geschäftsführer zu den Theaterleuten gestoßen?

R.M.: Ich bin seit 1995 am TaS. Von der Logistik eines Theaters hatten die damals nicht so ein großes Wissen. Bis zu meiner Einstellung war hier eine Angestellte tätig, die halb im Theater am Schlachthof und halb in der Stadt beim Kulturamt beschäftigt war. Dies war schon ein Kuriosum für ein "freies Theater". Der Zustand wurde durch die Schaffung der Stelle eines Geschäftsführers beendet. Der Etat bestand 1994 aus 15 000 DM Betriebskostenzuschuss pro Jahr. Es gab noch Zuschüsse für bestimmte Produktionen, die damals noch nicht so umfangreich waren wie heute.
Zu dieser Zeit spielten "Kabarett ohne Ulf", "Opossum Comedy", "Exekution 27/b" und das "Neue Tendenz Theater". Gastspiele vervollständigten den Spielplan. Die Leute mussten ja nebenher ihren Lebensunterhalt bestreiten. Im ersten Jahr kamen ca. 4000 Zuschauer. 1996 gründeten wir das Ensemble "Theater am Schlachthof". Ab 1997 sind wir in die Ensembleförderung des Landes NRW hineingekommen. Mit diesen finanziellen Mitteln konnten wir auf einem anderen Niveau produzieren, namhafte Regisseure verpflichten und professionelle Probezeiten ansetzen. Das Kabarett hatte von Anfang an eine große Zugkraft, denn so eine vielfältige Szene hatte es bis dahin in Neuss nicht gegeben.

N.M.: Was bedeutet Theater in Selbstverwaltung?

R.M.: Die Selbstverwaltung gibt es bis heute. Im Vorstand waren und sind nur die Künstler. Der solidarische Charakter ist bis heute beibehalten worden, das heißt man springt ein beim Kartenverkauf, Ausschank etc. Es gibt nach innen drei Stellen über "Arbeit statt Sozialhilfe" sowie eine ABM-Kraft im Sekretariat. Wir haben inzwischen DM 600 000,- Umsatz pro Jahr bei über 150 Vorstellungen. Aber es funktioniert immer noch auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und der Solidarität. Ohne ein solches Engagement würde so ein Haus nicht funktionieren im Vergleich zu den staatlichen Häusern mit ihrem ganzen Apparat, angeschlossener Schlosserei, Schneiderei und so weiter.

N.M.: Gibt es einen Förderverein?

R.M: Jeder kann Mitglied im "EIGEN-art e.V.", dem Trägerverein, werden und mit seinem Mitgliedsbeitrag das Theater fördern. Die Geschäftsführung liegt beim Geschäftsführer und dem Vorstand. Die Mitgliederversammlung ist aber oberstes Entscheidungsgremium. Doch nur durch die personelle Besetzung der Geschäftsstelle sind viele Projekte überhaupt möglich. Schon seit längerem existierten die Pläne zum Ausbau des Hauses um eine weitere Probebühne. Als endlich 1998 die Möglichkeit bestand, an die entsprechenden Gelder zu kommen, haben wir zugegriffen. Der Anbau wird jetzt aber durch Firmen durchgeführt, aufgrund des Spielbetriebes ist ein Selbstausbau wie am Anfang hier am Schlachthof natürlich nicht mehr möglich. Jetzt werden bis zu 90 Prozent der Ausbauarbeiten von Handwerkern vorgenommen. Die Finanzierung wird zu 100 Prozent von Stadt und Land übernommen. Wir versprechen uns vom Ausbau eine Qualitätssteigerung, denn die Probemöglichkeiten werden enorm verbessert.


N.M.: Der Verein und die verschiedenen Theatergruppen und das Ensemble "Theater am Schlachthof" - wie funktioniert das?

R.M.: Es gibt nicht die festgefügte Form des Ensembles, sondern es gibt einen Kern von 12 bis 15 Leuten, dazu kommen je nach Bedarf Gäste. Viele haben in den letzten Jahren entschieden, nicht mehr nur Kabarett zu machen, sondern auch Theater spielen zu wollen. Und so ist es eine sehr gemischte und sehr offene Sache geworden. Die Einzelnen spielen in verschiedenen Produktionen mit. Natürlich gab und gibt es auch in Konstruktionen wie dieser Konflikte und auch Trennungen, wie z. B. die von Patrick W. Schad. Von ihm haben wir uns aber erst nach langwierigen Gesprächen und Versuchen, den Bruch zu vermeiden, getrennt.
Neben dem Ensemble pflegen wir auch das politische Theater, dank einiger zuverlässiger Förderpartner haben wir zwei sehr erfolgreiche Stücke produzieren können: "Kein schöner Land Rostock Lichtenhagen - Tage der Gewalt" und "Die weiße Rose". Großen Erfolg haben auch unsere "Stunksitzungen" in Neuss und Düsseldorf und die Theatertage in Zons. Aber nur die Einnahmen, die in Neuss eingespielt werden, kommen dem Theater zugute. Tourneeeinnahmen bleiben bei der jeweiligen Gruppe. Das war auch immer unser Wunsch. Denn das ist die Grundlage der freien Theater: Wir sind das Zentrum und die Gruppen reisen herum und arbeiten "frei". Da wollten wir immer hin. Dies ist auch die Tradition des Theaters. Das ist die künstlerische Freiheit und ich halte es für einen großen Erfolg, wenn dabei auch noch bei einigen Produktionen Geld verdient wird. Mit ehrenamtlichem Engagement allein kann unser Spielbetrieb nicht aufrecht erhalten werden.

N.M.: Wie kümmert ihr euch darum, die Jugend fürs Theater zu begeistern?

R.M.: Wir machen seit Anbeginn pädagogische Kinder- und Jugendarbeit. Dies war immer Teil der Konzeption. So sind zum Beispiel unsere Sommeraktionen (seit 94) ziemlich einzigartig. Theater für Kinder wird regelmäßig angeboten und seit 1997 wird mit dem Jugendensemble gearbeitet. Wir wirken auch in den Stadtteil hinein, so z. B. mit der Produktion "Il Campiello", die im Sommer 2001 draußen auf dem Spielplatz vor dem Theater am Schlachthof gespielt wird. Wir arbeiten mit der Barbaraschule, mit Herrn Reich, erfolgreich zusammen. Viele unserer Veranstaltungen tauchen gar nicht im Veranstaltungskalender auf. Nicht zu vergessen unsere Eine-Welt-Arbeit in Zusammenarbeit mit Monika Dülge (Eine Welt Initiative Neuss e.V.). Wir füllen hier viele Lücken, um die sich sonst keiner in Neuss kümmert. Unsere jüngste Nachwuchsarbeit im Kabarettbereich (Dalais Lama) ist zwar von der Presse verrissen worden, aber hier wurde zu sehr an den anderen Kabarett-Gruppen des Hauses gemessen. Man muss bedenken, freies Theater braucht auch Nachwuchs und solidarische Kritik. Wir verlieren natürlich auch immer wieder gute Leute, die jetzt an anderen Bühnen spielen. Aber die neuen Leute müssen sich auch entwickeln können und man darf sie nicht an schon bereits erreichtem Niveau messen. Freies Theater heißt auch, neuen Gruppen eine Chance zu geben.
"Hase, Hase" ist ein Beispiel für gute Nachwuchsarbeit. Frauke Nelißen, die die zweite Hauptrolle spielt, kommt hier aus der Jugendarbeit. Sie hat bei uns mit "Zeitrave" angefangen. Da sieht man mal, wie effektiv solche Arbeit ist, die wir hier machen.

N.M.: Die Neusser Stadtoberen sind von eurem Kabarett nicht begeistert. Woran liegt das?

R.M.: Die Scheu mancher Politiker ist schon eine merkwürdige Geschichte, wenn man dies vergleicht mit früheren Kabarettvorstellungen, z.B. der Münchner Lach- und Schießgesellschaft etc., bei deren Darbietungen sich selbst die CDU-ler auf die Schenkel geklopft haben, wenn sie durch den Kakao gezogen wurden. Das gehört doch zur Kultur dazu.

N.M.: Wie ist das Verhältnis zwischen dem Theater am Schlachthof (TaS) und dem Rheinischen Landestheater (RLT)?

R.M.: Es gab immer schon Kontakte zwischen den Schauspielern hier in Neuss. Einige unserer Schauspieler haben ja bereits als Gast im Rheinischen Landestheater gespielt. Wir gehen ins RLT, um uns die Stücke anzuschauen. Und die Leute vom RLT kommen hierher; wir würden uns allerdings freuen auch Herrn Mauer und Herrn Latchinian öfter in einer unserer Vorstellungen begrüßen zu dürfen.
Wir haben immer versucht, hier eine gut Arbeit zu machen. Das wird zur Kenntnis genommen, wodurch ein von uns nicht gewolltes Konkurrenzdenken entsteht. Zu wünschen wäre aber eine größere Kooperation, ein größerer Austausch. Diese merkwürdigen Berührungsängste zwischen Stadttheatern und freiem Theater kann ich nicht nachvollziehen. Es ist begrüßenswert, dass in den letzten zehn Jahren die freie Theaterszene in Neuss wie in Deutschland so zugenommen hat. Beide Formen - Stadt- bzw. Landestheater und freies Theater - haben ihre Schwächen und Stärken. Wir haben keine 11 Millionen wie das RLT, dafür haben wir unsere künstlerische Freiheit und sind nicht so eingeengt. Dadurch haben wir natürlich weniger Geld und müssen strenger disponieren. Geld nützt sicherlich oft auch bei der künstlerischen Umsetzung, das darf man nicht vergessen. Eine reichhaltige Landschaft ist für jede Stadt eine Zier.
Es ist doch Blödsinn, dass man nur ein großer Künstler wird, wenn man eine Schauspielschule besucht hat. Es hat immer große Schauspieler und Schauspielerinnen gegeben, die nie eine Schauspielschule besucht haben. Das Gleiche gilt für Regisseure. Eine fundierte Ausbildung ist natürlich wichtig und hat sehr viele Vorteile. Aber jeder Mensch hat seine eigenen Kriterien, woran er wächst. Jede Kunstform ist gut und hat ihre Berechtigung. Für mich zählt vielfältiges künstlerisches und kulturelles Leben in der Stadt. Künstlerischer Ausdruck, der sich auch nach außen vermittelt und an dem die Menschen teilhaben. Das ist wichtig. Wir sind ein sehr vielfältiges Haus, das sehr viele künstlerische Möglichkeiten bietet und das soll und wird so bleiben.

N.M.: Herr Mlotek, wir danken für das Gespräch.