Protest gegen den Frauenabschiebeknast

Luther-Aktion der Telefonkette Neuss

Am Vortage von Weihnachten trafen sich MitgliederInnen der Telefonkette Neuss (TKN) und lokale Pressevertreter, um vor dem Innenministerium, dem Justizministerium und der Staatskanzlei von Ministerpräsident Wolfgang Clement wie weiland Thesenanschläger Martin Luther mit großen Plakatwänden und Transparenten gegen die Inhaftierung von Kindern, Jugendlichen, Schwangeren und psychisch Kranken im Frauenabschiebeknast zu protestieren. Sie forderten: Weg mit der Abschiebehaft!

Aktionen, Depressionen
und Kommunikationsverweigerungen

Die Aktion blieb nicht unbemerkt. AutofahrerInnen bekundeten durch Hupen und Winken das Gefallen an dieser Installation. Besonders hat die MitgliederInnen der Telefonkette Neuss die begleitende Berichterstattung von WDR und News 89,4 gefreut. Obwohl an allen Plakaten ein Zettel der TKN befestigt wurde, auf dem die Demontage am 24.12.00 angekündigt wurde, sind die plakativen Informationen durch staatliche Stellen bis zum Abend entfernt worden. Wie wir aber jetzt von Stephan Thönnessen erfuhren, wurden die Plakate inzwischen wieder zurückgegeben. Leider gab es auch zu Weihnachten und zum Jahreswechsel keinen Lichtblick für die inhaftierten Frauen. Die Gefängnisleitung ließ auch zu den Festtagen keine Besuche zu. Das Eingesperrtsein aus dem alleinigen Grund, dass frau den falschen Pass besitzt, und die Trennung von der Familie erzeugte Depressionen. Die unentgeltlich tätigen BetreuerInnen und die Gefängnisseelsorger richteten an Heiligabend eine Feier aus, die durch Spenden der Bevölkerung unterstützt wurde.
Der Luther-Aktion vorangegangen war das mittlerweile vierte Gespräch im Innenministerium, das wieder für viel Verdruss sorgte. Trotz festem Gesprächstermin hatten weder der Innenminister noch Vertreter des Justizministerium Zeit für Gespräche. Offenbar ist die Brisanz der momentanen Atmosphäre im (weltweit einzigen) Frauen-Abschiebegefängnis in Neuss den Angesprochenen nicht bewusst. Aufgrund der langen Haftdauer und der bedrückenden Verhältnisse kam es schon zu Gewalttätigkeiten.
Die Besorgnis erregenden Zustände in der Haftanstalt veranlassten Stephan Thönnessen (TKN) am 10. Dezember 2000 zu einem Brief an Innenminister Behrens, dessen Wortlaut wir hiermit zur Kenntnis geben:

Staatsbürgerliche Verantwortung

Sehr geehrter Herr Minister,
vor einiger Zeit haben wir einen Gesprächstermin mit Ihrem Ministerium für Dienstag, den 12.12.00, um 15.45 vereinbart. Darüber hinaus hatten wir uns persönlich bei dem Zeughausgespräch Politik und Moral kennengelernt. Wir erlauben uns, Sie persönlich anzusprechen, da die Situation im Gefängnis zwischenzeitlich besorgniserregend geworden ist. So wurde von gewalttätigen Auseinandersetzungen berichtet oder der Inhaftierung einer 14 jährigen Schwarzen. Nach wie vor wird die medizinische Betreuung im wesentlichen von Männern durchgeführt. Zum einen kann keiner Interesse an weiterer Eskalation haben - zum anderen steht Weihnachten vor der Tür, was üblicherweise die inhaftierten Frauen zusätzlich belastet. Wir bitten Sie daher, einige Minuten mit uns zu sprechen, um eine schnelle Lösung der Probleme herbeizuführen Da wir unterstellen, dass Ihre Mitarbeiter/innen und die Gefängnisbediensteten das ihnen Mögliche unternehmen, sehen wir Sie in der Pflicht, Veränderungen herbeizuführen. Schließlich war es Ihr SPD-Amtsvorgänger Herr Schnoor, der die unzumutbaren Abschiebeplätze überhaupt eingeführt hat. In unserem Gespräch in Neuss beschrieben Sie die Möglichkeiten, wie künftig auf A-Haft verzichtet werden kann. Wir würden eine Umsetzung gerne konkretisieren. Desweiteren müssen nun schnell Maßnahmen ergriffen werden, um die für alle kritische und nervenbelastende Situation zu beenden. Mit Ihren Mitarbeiter/innen werden wir die nicht umgesetzten Punkte der vergangenen Protokolle besprechen. Eine Stellungnahme der eva (ehrenamtlichen Betreuerinnen) liegt anbei. In der Hoffnung auf eine konstruktive Kommunikation verbleiben wir
mit freundlichen Grüßen aus Neuss

Stephan Thönnessen