Tschechows "Drei Schwestern" im RLT

Sieg des Realitätsprinzips über verschwommene Utopie

Kurz vor der Wende ins dritte Jahrtausend unserer Zeitrechnung wurde das neue Domizil des Rheinischen Landestheaters (RLT) mit phrasengespickten Reden, amüsantem Shakespeare, guten Getränken und wohlschmeckenden Speisen eröffnet. Der Umzug von einem Gebäude, das einer Baracke gleicht, in großzügige und funktionale Räume findet seinen angemessenen Ausdruck in der Bezeichnung "Schauspielhaus". Nun müsse in die schöne Spielstätte kritischer Geist einziehen, sagte uns ein wichtiger Theatermann bei einem Glas Rotwein. Dass die angegrauten Damen, die zuvor für Garderobe und Verköstigung zuständig waren, durch flotte Girls ersetzt worden sind, wird er damit nicht gemeint haben.

Premierengeist

Eine Probe des kritischen Geistes ist allerdings die Inszenierung der "Drei Schwestern" von Anton Tschechow, deren Premiere unlängst im neuen Haus über die Bühne ging. Sewan Latchinian, der das 1901 uraufgeführte Stück für die Neusser Bühne inszeniert hat, versteht es zu vermeiden, dass die Zuschauer sich behaglich zurücklehnen, um Probleme und Konflikte, die nicht die ihren sind, goutieren zu können. Die geistige Aktivierung der (?) Zuschauer gelingt ihm, indem er mittels Streichungen den Arbeitsbegriff als zentrales Thema herausarbeitet und das Bild des russischen Offiziers aktualisiert: aus feinen Herren sind wüste Landsknechte geworden.

Andere Gesellschaft

Der Ort der Handlung ist das Haus der Prosorows in einer öden russischen Provinzstadt. Dort müssen die drei Schwestern Mascha, Irina und Olga zusammen mit ihrem Bruder Andrej leben und von einem besseren Leben in Moskau träumen. Tobias Wartenbergs Bühnenbild macht die Trostlosigkeit ihres Lebens sinnfällig: Das Haus, in dem die Besuche der Soldaten die einzige Abwechslung sind, ist umsäumt von zerstörten Birken.
Tschechow ging es nicht darum, lediglich individuelles Scheitern von Lebensträumen mal drei zu zeigen, sondern ihm schwebte neben der Kritik am dekadenten Adel, vor allem dem auf dem Lande, eine Veränderung der russischen Gesellschaft vor. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang seine Vorstellung vom positiven Wert der Arbeit, durch die der Mensch zum Menschen werden soll. Da hat bei ihm selbst der tumbe Baron noch Chancen zur Menschwerdung, wenn ihn nicht wieder ein reaktionäres Ritual, ein tödliches Duell, an der Arbeitsaufnahme hinderte. Versperrt ist damit auch der Fluchtweg der jüngsten Schwester Irina, deren Entwicklung vom optimistischen Mädchen zur resignierenden Frau von Juschka Spitzer exzellent gespielt wird. So gebrochen, könnte sie eigentlich auch mit den Soldaten, die inzwischen zu marodierenden Freischärlern mutiert sind, ziehen. Dies verspricht allemal aufregender zu werden als das Versauern in der Provinz. Doch es gibt weder für Irina noch für ihre beiden älteren Schwestern eine reale Chance, in ihr ersehntes "Moskau" zu gelangen, weil "Moskau" eben mehr ist als nur die russische Metropole. "Moskau" ist die Metapher für eine andere Gesellschaft.

Arbeitsbegriff

Mit Bravour gibt Illi Oehlmann die Wandlung Natalja Iwanowas, der Frau Andrejs, von der Landpomeranze zur herrischen Chefin des Clans. Mit ihr hat Tschechow eine Bühnenfigur geschaffen, die zeigt, wohin die "Sinngebung durch Arbeit" führt. Sie modernisiert das Adelsnest mit brutaler Lebenstüchtigkeit, indem sie beispielsweise den Rausschmiss der alten Dienerin betreibt. Auf den mitleidigen Hinweis, diese sei doch schon dreißig Jahre im Haus, entgegnet Natalja schroff: "Aber jetzt kann sie nicht mehr arbeiten, sie schläft nur oder sitzt da."
Der lang anhaltende Applaus jedoch, mit dem die Premierengäste, unter denen etliche Lebenstüchtige vom Schlage Nataljas gewesen sein sollen, die Neusser Aufführung bedachten, lässt vermuten, dass auch dieses Theaterstück unter dem Vermerk "schön gespielt" abgelegt werden kann.

HPJ & fa