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Andreas Speit, Mitarbeiter der antifaschistischen Zeitschrift "Der
Rechte Rand", machte am 25. Juni dem Linken Zentrum in Düsseldorf
seine Aufwartung. Trotz des Biergartenwetters ließen sich einige Unverdrossene
von der Ankündigung eines Streifzuges durch die Geisterwelt verführen
und lauschten dem Vortrag über die übersinnlichen Erfahrungen der
Anthroposophen, insbesondere ihres Urahns, des Hl. Rudolf Steiner (1861 -
1925), inklusive der durchaus sinnlich zu erfahrenen irdischen Konsequenzen.
Die anschließende, durchaus kontrovers geführte Diskussion ließ
Befürworter und Gegner anthroposophischer Gedanken zu Wort kommen. Dabei
polarisierten sich die Positionen. Auf der einen Seite meinte der Vertreter
der Geisterwelt, Bescheidenheit und Zurückhaltung sei eine Zierde, die
seit 1916 leider out sei, während die gottlosen Materialisten hinter
dem Ansinnen der Anthroposophen den staatlich erzwungenen Untertanengeist
wiederfanden, der in der Nazizeit zur Höchstform auflief.
Immer wieder sehen sich die Anthroposophen dem Vorwurf ausgesetzt, sie hätten
ein rassistisches Weltbild. Untermauert werden diese Behauptungen mit realexistierenden
Zitaten aus dem umfassenden Werk Steiners. Hier finden sich diskriminierende
Äußerungen über die Natur des "Negers" oder antijüdische
Parolen. Die Reaktionen der Anthroposophen sind vielfältig. Da wird zum
einen behauptet, Steiner sei schließlich Kind seiner Zeit gewesen. Sehr
verräterisch ist diese "Entschuldigung". Sie impliziert, dass
die Lehren und Schlussfolgerungen Steiners nicht irgendeiner übersinnlichen
Eingebung entstammen, sondern durchaus den realen politischen Anforderungen
der Zeit entsprachen. Und genau das macht noch heute die auf der Steiner-Pädagogik
beruhenden Waldorfschulen für den Staat so interessant, dass er sie als
Ergänzungsschulen anerkennt und weitgehend finanziell ausstattet: Die
Steiner-Religion ist flexibel. Sie passt sich den jeweiligen politischen und
wirtschaftlichen Anforderungen maßgeschneidert an. Heute würde
kaum ein Waldorflehrer die diskriminierenden Steiner-Sprüche in den Mund
nehmen. Schließlich sind Diskriminierungen nach Hautfarbe, Religion
und Herkunft geächtet, hingegen ist der Nützlichkeitsrassismus à
la Greencard angesagt.
Zum anderen erklärt man die nicht zu übersehenden Steiner-Sprüche
aus Übertragungsfehlern mitstenographierter Vorträge. Exklusiv ist
die Exkulpation Steiners durch den Verweis auf dessen übersinnliche Einsichten,
die ein normal Sterblicher kaum nachvollziehen könne. Bisweilen machen
es sich die Anthroposophen auch ganz einfach: Sie schicken ihre Rechtsanwälte
gegen die Kritiker ins Rennen oder bemühen gleich die Staatsanwaltschaft.
Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Steiner-Jünglingen ist müßig,
denn bekanntlich sind gläubige Menschen, zu denen die Anthroposophen
gehören, resistent gegen jedes Argument, das nicht ihrem ideologischen
Strickmuster entspricht.
Sinnvoll hingegen ist es zu untersuchen, was Menschen sich antun, die sich
diesem mystischen Quatsch unterwerfen.
1. Die anthroposophische Religion
Nach Steiner sind wir Menschenkinder lediglich Ausfluss und Verwirklichungsform
eines überirdischen Prinzips. Er ergänzt diese Determination durch
die Freiheit des Menschen, diesem Prinzip zu genügen oder nicht. Wer
das Prinzip verfehlt, bekommt die Rache des Überirdischen zu spüren
und findet sich nach seinem Ableben in einem minderwertigen Körper -
sei es ein Stein oder ein Rindvieh - wieder.
Der Mensch entdeckt überall, in der belebten und unbelebten Natur, seinen
eigenen Wesenskern, den Weltgeist wieder. So verbietet es sich, der Natur
zweckgerichtet gegenüberzutreten, sie zum Mittel seiner Interessen zu
instrumentalisieren. Das Jagen nach dem schnöden Mammon, die Beurteilung
und die Veränderung der politischen und ökonomischen Verhältnisse
nach Bekömmlichkeit und Nutzen stört das weltgeistlich geformte
Weltgefüge. Menschen, die derartige verwerfliche Ziele verfolgen, haben
sich gegen den Geist im Körper versündigt.
2. Die anthroposophische Früherziehung
Damit nicht solche Gestalten die Geschicke der Welt steuern, bedarf es einer
entsprechenden Erziehung. Zunächst wird der kleine Mensch bis zum 7.
Lebensjahr als "rein nachahmendes Wesen" (Steiner) definiert. Er
bekommt, weil ihm die Urteilsfähigkeit total abgeht (genervte Eltern
eines Trotzkopfes glauben es besser zu wissen), das volle Moralprogramm eingeimpft:
"... es soll das Kind etwas als wahr empfinden, wenn der selbstverständlich
innig verehrte Lehrer es als wahr empfindet." (Steiner) Unbedingte Gefolgschaft
der kleinen Plagegeister ist der Zweck der Steinerschen Indoktrination.
Wird das Kleinkind dennoch mit "Gedächtnisstoff" überladen,
rächt sich das später in der Form von "Stoffwechselkrankheiten".
Der Weltgeist lässt nicht mit sich spaßen!
3. Der anthroposophische Unterricht
Die Erziehung in den Klassen 1 bis 4 soll "die Verehrung für den
Vatergott, für das Göttliche in der Natur wecken". (Carlgren)
Und das bezieht sich auf jedes zu unterrichtende Fach. So wittert der Anthroposoph
im Mathematikunterricht die Gefahr, dass die Kinder nicht nur Rechnen lernen,
sondern berechnende Typen werden: "In das Zählen, Vergleichen, Messen
schießt der Egoismus von selbst ein - besonders wenn nur an den Verstand
appelliert wird. Der Intellekt will seiner Natur nach ansichraffen, erobern,
neugierig sein - Herz und Wille müssen Selbstlosigkeit dagegen setzen."
(Carlgren)
Ähnliches gilt auch für die übrigen Fächern. Naturkundlicher
Unterricht geht nicht ab, ohne bei jeder physikalischen Formel das Lied vom
Wunder der Natur anzustimmen. Mittels der Heimatkunde soll sich das Kind "in
seiner Umwelt verwurzeln..." (Lindenberg) Beim Schnitzen sind nicht die
mehr oder weniger ansehnlichen Ergebnisse gefragt, sondern der Schüler
soll in die Arbeit eintauchen und sich mit der Sache verbinden. (Lindenberg)
Jedes zielgerichtetes, auf ein nützliches Ergebnis gerichtetes Handeln
soll unterbunden werden.
Dass Noten nicht in die Steiner-Schule gehören, versteht sich nun von
selbst. Nicht die Festlegung auf eine miese Lebensperspektive durch die schulische
Auslese ist Gegenstand der anthroposophischen Kritik, sondern genau das Gegenteil.
Dass Kinder mittels Noten sich Vorteile verschaffen, mögen die Interpretatoren
des Weltgeistes nicht. Dass Auslese also nicht stattfinden dürfe, meinen
hingegen die göttlich Inspirierten nicht: "Die wirkliche Auslese
geschieht besser durch die Bewährung in irgendeiner Praxis." (Lindenberg)
4. Vom Nutzen und Schaden der Anthroposophie
Die Agitatoren des Weltgeistes hassen das materielle Bestreben der Menschen,
weil es der eigentlichen Zweckbestimmung des Menschen widerspricht. Die bestehende
gesellschaftliche Ordnung, in der all' diese "Hässlichkeiten"
stattfinden, verklären sie hingegen zum Bestandteil ihrer weltgeistlich
durchtränkten Ordnung des Kosmos. Das gelingt, indem sie die Inhalte
der ökonomischen Gegensätze ignorieren und einfach die abstrakte
Zugehörigkeit der Beteiligten zu einem abstrakten, harmonischen Gefüge
zur Kenntnis nehmen. (Hier kann einem durchaus der Begriff "Volksgemeinschaft"
mit allen seinen Konsequenzen einfallen)
Dem Staat gefällt die Sichtweise, schließlich befördert sie
einen Antimaterialismus, der geeignet ist, die staatlich verlangten Opfer
auszuhalten. Darum genießt die Steinersche Ersatzschule genau wie die
kirchlichen Schulen einen Sonderstatus in unserer Gesellschaft.
Einige kritische Pädagogen halten nicht viel von den Ergüssen der
Waldorf-Pädagogen. Sie stört auf der einen Seite die religiös-mystische
Ausrichtung des Unterrichts oder die mangelnde Erziehung zur Kritikfähigkeit.
Auf der anderen Seite finden sie bei den Anthroposophen ihre eigenen Erziehungsideale
wieder. "Vom Wortgutachten über handwerklich- künstlerische
Betätigung bis zum projektorientierten Unterricht, von der Erziehung
zur Solidarität über ökologisches Denken bis hin zu sozialem
Verantwortungsgefühl - alles was modernen Pädagogen am Herzen liegt,
findet in der Waldorfschule seinen Platz." (Huisken) Grund genug, auch
die staatlichen Regelschulen einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.
Literatur:
Carlgren: Erziehung zur Freiheit. Die Pädagogik Rudolf Steiners
Lindenberg: Waldorfschulen: angstfrei lernen, selbstbewußt handeln
Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage
Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik
Steiner: Anthroposophische Menschenkunde und Pädagogik
Lesetipp:
Huisken, Freerk: Steinerpädagogik und Waldorfschule. in: Weder für
die Schule noch fürs Leben. Kritik der Erziehung - Teil 2, Hamburg 1992,
S. 308 ff
Interessante Informationen über die Anthroposophen:
http://www.idgr.de/lexikon/stich/a/anthroposophie/anthroposophie.html
Der Rechte Rand
http://www.nadir.org/nadir/periodika/drr/aktuelles.php