Meidet düstere Herbergen
Camus' "Das Missverständnis" im TaS

Seit Anfang Mai präsentiert das Theater am Schlachthof (TaS) Albert Camus' "Das Missverständnis" in der Inszenierung von Theo Meller.
Albert Camus schrieb dieses Stück 1941 im besetzten Frankreich. 1944 fand die Uraufführung in Paris statt, 1950 die deutsche Erstaufführung in Stuttgart.


Zum Stück und der Neusser Aufführung

Jan (Marc Andrä) kehrt nach 20 Jahren in die von Mutter (Ana Maria Gonzales) und Schwester Martha (Svenja Schwieger) betriebene Herberge zurück, gibt sich aber nicht zu erkennen, will prüfen, wie er ihnen finanziell unter die Arme greifen kann. Was er nicht weiß: Beide sind nur von einem Wunsch beseelt - endlich diesen öden Ort zu verlassen. Um aber dieses Ziel zu erreichen, rauben sie die wenigen wohlhabenden Herren, die bei ihnen absteigen, aus, betäuben und ertränken sie im nahen Fluss. Der Hausknecht, in stoischer Ruhe von Thomas Peters dargestellt, hilft ihnen dabei, nicht ohne sich einen kleinen Teil der abfallenden Beute zu sichern.
Die Mutter, eindrucksvoll von Ana Maria Gonzales gespielt, hat sich im Gegensatz zu ihrer Tochter noch einen Rest an "Anständigkeit" bewahrt, während die Tochter, gespielt von Svenja Schwieger, nur raus will aus dem düsteren Land. Sie will endlich leben. All ihr Sehnen gilt dem Weggehen. Diese Ausbrüche von Sehnsucht nach Sonne und Leben in einem warmen Land zeigt sie überzeugend, hat Martha doch bis dato "noch nie gelebt".
Unterstrichen wird diese verzweifelte und nur zu verständliche Sehnsucht durch das ganz in dunklen Brauntönen gehaltene Bühnenbild, gestaltet von Rainer Lehmann. Nur ein Bild an der Rückwand der Herberge gibt den Blick frei auf Meereswellen, aber auch dieses Bild der Sehnsucht verlässt den Rahmen nicht. Im zweiten Szenenbild, dem trostlosen Gästezimmer, wird das von Camus mit seinem Stück vermittelte Gefühl der Klaustrophobie noch unterstrichen durch einen Gitterrahmen, durch den der Zuschauer erst den Blick aufs Bühnengeschehen erhält. Zum Bühnenbild passen auch die trist gehaltenen Kostüme, die die von Camus beabsichtigte Trostlosigkeit und die Darstellung der in eine auswegslose Situation geworfenen Personen unterstreicht. Träume kann man da getrost vergessen, noch nicht einmal einen Zipfel an persönlichem Glück gibt es zu erhaschen.
Der heimkehrende Bruder soll und wird ihr letztes Opfer sein. Auch er wird für den nur vage skizzierten Traum der beiden Frauen vom "Sonnenland am Meer" dran glauben. Erst nach erfolgter Tat erkennen Mutter und Tochter, wen sie da ins Jenseits befördert haben. Doch die Trauer um den getöteten Sohn und Bruder gerät nur zu einer kurzen Gemütsaufwallung: Die Mutter, eh schon lebens"müde", sucht den nassen Tod, während die Tochter der das ganze Geschehen gar nicht raffenden Witwe und Schwägerin Maria (Karolin Stern) empfiehlt, "Ihren Gott... zu bitten ... den Steinen gleich" zu werden. Denn: "Das ist das Glück, ..., das einzige wahre Glück. Machen Sie es wie er, verschließen Sie die Ohren vor jedem Schrei, werden Sie Stein, solange noch Zeit ist." Auch der Hausknecht hat für die junge Witwe, die, nachdem sie - siehe oben - vergeblich Gott um Hilfe gebeten hat, ihn Mitleid erheischend anfleht, nur ein schlichtes "Nein" übrig. Wahrlich trübe Aussichten - wenn man Camus folgen mag.
HPJ

Weitere Aufführungen im Mai: Do. 22.5./Fr. 23.5. um 20 Uhr
Karten unter 02131 277 499

www.neusser-monat.de (13.5.2003)