
Die DKP & der Sozialstaat
Zur Großdemo am 3. April in Köln verteilte die DKP
eine Extra-Ausgabe ihrer Wochenzeitung „UZ“. Themen waren der Sozialabbau und
der Kampf dagegen. Neben einigen Mutmacher-Artikeln, die den erfolgreichen
Kampf gegen Stellenabbau in der Industrie und im Handel dokumentierten,
betätigt sich die UZ aufklärerisch, indem sie die Machenschaften von Regierung
und Opposition aufdeckt, nicht ohne zukunftsweisende Perspektiven aufzuzeigen.
Im zentralen Artikel „Propagandamärchen gegen den Sozialstaat“
lässt die DKP den Pfarrer i. R. Otto Meyer zu Wort kommen. Diesmal darf der
Gottesmann nicht dem Publikum das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es sein
irdisches Dasein brav und bescheiden bewältigt. Jetzt bläst er den Herrschenden
den Marsch!
Einheitsfront gegen Monopol und Staat
Nun mag es den einen oder
anderen verwundern, was wohl der Stellvertreter des Stellvertreters des
Allerhöchsten in einer Kommunistenzeitung zu suchen hat. Aber eine derart dumme
Frage wissen die gestandenen Parteikader schnell vom Tisch zu wischen. Da gibt
es schließlich die breite Masse von Arbeitern, Bauern, kleinen Angestellten,
Kleingewerbetreibenden, Beamten, Gottesdienern, Intellektuellen, Mittelständler
usw. usf., die alle – insbesondere in der neuen Zeit – unter den Monopolen und
ihrer Regierung leiden. Alle hätten laut DKP nun das objektiv gemeinsame
Interesse, die Monopole mitsamt ihrer Regierung hinwegzufegen und die
antimonopolistische Demokratie einzurichten.
Was kümmert es die DKP, wenn
der Kleingewerbetreibende händeringend nach billigster Arbeitskraft sucht und
den Beistand des Staates vermisst, der Bauer seine Viecher mit Antibiotika
vergiftet, um nicht pleite zu gehen, der Kioskbesitzer darauf wartet, den
Malochern nach überstandener Nachtschicht noch ein paar Kröten aus der Tasche
zu locken, der Beamte seine hoheitlichen Aufgaben gegen den Rest der
Bevölkerung durchsetzt, der Pfaffe mit Bibellesungen das Volk verdummt, der
Intellektuelle sich immer neue Tricks ausdenkt, die Produktion rationeller zu gestalten,
um Arbeitskräfte und Lohn einzusparen und nicht zuletzt der Vermieter, der
seinem arbeitslosen Mieter die Hölle heiß macht.
Die imaginäre Einheitsfront
gegen Monopolkapital und Staat will von derartigen Marginalien nichts wissen,
und deshalb darf der Pfarrer i. R. nicht obwohl, sondern weil er Gefolgsmann
Gottes ist, seinen Sermon abgeben.
Tatsächlich mag es sein, dass
nicht nur der Prolet den frischen Wind in der bundesdeutschen Politik spürt.
Die kapitalistische Konkurrenz kann auch den einen oder anderen Selbstständigen
oder Profiteur der Mehrwertproduktion von einem auf den anderen Tag ruinieren.
Doch unterscheidet sich der vom Besitz aller Produktionsmittel außer seiner
Arbeitskraft freigesetzte Arbeiter grundsätzlich vom Kleingewerbetreibenden
oder Hilfssheriff des Kapitals. Letztere können jedenfalls zeitweise auf ein
erkleckliches Einkommen auf Basis kapitalistischen Produzierens verweisen,
während ein auskömmliches Lohnarbeiterdasein dem einzig gültigen
gesellschaftlichen Interesse nach unbehinderter Gewinnproduktion widerspricht,
denn erfolgreiches kapitalistisches Produzieren beruht auf billiger Arbeit.
Die Regierung verkündet
Selten war ein Staat
ehrlicher. Seine Wahrheiten lauten: Unser Land soll in der Welt einen
Spitzenplatz einnehmen, politisch wie ökonomisch. Darum muss unsere Wirtschaft
nicht nur konkurrenzfähig sondern überlegen sein. Dazu benötigen wir
Spitzentechnologie, eine funktionstüchtige Wehrmacht und billige Arbeitskraft.
Unnötige Kostenfaktoren gilt es zu eliminieren.
Die sozialen Leistungen, die
bisher ihren Zweck erfüllten, dem Kapital eine funktionsfähige Arbeiterklasse
zu günstigen Konditionen zur Verfügung zu stellen, sind zum Teil überflüssig
geworden und können gestrichen werden. Warum sollen finanzielle Mittel auch für
diejenigen aufgebracht werden, die in absehbarer Zeit ohnehin nicht mehr fürs
Kapital gewinnbringend tätig sein können? Außerdem hat die Absenkung der
sozialen Leistungen eine lohndrückende Wirkung – ein Argument, mit dem die
Regierung offen hausieren geht.
Der Pfarrer predigt
Der DKP-Pfarrer kennt sich
mit den Untiefen der menschlichen Seele aus. Obwohl der Mensch weiß, dass
Ehrlichkeit am längsten währt, rutscht ihm dennoch bisweilen eine Lüge über die
Lippen, weil die Durchsetzung von Zwecken und Interessen sich nicht immer mit
dem christlichen, demokratischen oder sonst welchem Ideal vertragen.
Und da hat der
Kommunisten-Pfarrer eine unglaubliche Entdeckung gemacht: „Das Soziale am Staat
ist angeblich zu teuer. Schröder & Großkapital sagen, sie müssten ihn
billiger machen und umbauen“. Das fände der Gottesmann ja auch durchaus
korrekt, Aber in „Wirklichkeit geht es darum, dem Kapital Gewinne zu
verschaffen“. Um dies zu kaschieren, tischen uns Schröder & Co.
„Propaganda-Märchen“ auf.
- Das erste Märchen lautet:
„Kostenexplosion in den Sozialsystemen“. Schnell sind Schröder & Co. des
Schwindelns überführt, denn der Pfarrer hat nachgerechnet: Verglichen mit der
„Gesamtwirtschaftsleistung“ habe es in den letzten 25 Jahren kaum eine Änderung
gegeben. Das mag ja stimmen, nur rechnet der Staat da ganz anders. Er
vergleicht die Einnahmen der Sozialversicherungen mit den Ausgaben. Und da hat
sich tatsächlich ein Missverhältnis ergeben. Die durch die erhöhte
Produktivität freigesetzten Arbeitskräfte füllen nicht mehr die Sozialkassen,
sondern belasten sie. Die arbeitende Mannschaft haftet nämlich mit ihrem Lohn alleine für die Wechselfälle
des proletarischen Lebens. Und es wird eben nicht, wie der Pfaffe suggeriert
und so seinen Staat gerne hätte, die gesamte Wirtschaftsleistung in Anspruch
genommen.
- Der Pfarrer vergleicht das
Handeln des Staates also mit seinem Ideal einer volksnützlichen Staatsmacht. So
empfindet er die Behauptung, die „Lohnnebenkosten sind zu hoch!“ als zweites
Märchen. Sie seien nämlich „als Sozialabgaben ein wichtiger Teil der
Lohnkosten“. Die Kürzung der Lohnnebenkosten bedeuteten Lohnsenkung und
Steigerung der Gewinne der Unternehmer. Kurz und knapp bringt Meyer so die
Umbaumaßnahme des Sozialstaates auf den Punkt. Märchenhaft wird die staatliche
Beteuerung erst, wenn man dem Staat einen anderen Zweck unterstellt: Er habe
für seine Mannschaft zu sorgen und die Kapitalisten zu zwingen, sich anteilig
an den Kosten, die durch deren Geschäftspolitik entstehen, zu beteiligen. Falls
dieser Eindruck in der Vergangenheit entstanden ist, so haben ihn alle
maßgeblichen gesellschaftlichen Kräfte in den letzten Jahren deutlich
korrigiert: Der Sozialstaat ist für das kapitalistische Wachstum da und nicht
umgekehrt!
- Zum Schluss deckt der
Pfaff’ ein „Lügenmärchen“ auf, das er als „besonders dreist“ empfindet:
„Globalisierung zwingt zum Sozialabbau.“ Mit dem Hinweis auf Deutschland als
Exportweltmeister schlussfolgert er: „Derart hohe Exportüberschüsse zeigen,
dass deutsche Waren nicht mit zu hohen Löhnen, sondern mit zu niedrigen
Lohnstückkosten hergestellt werden. Die deutschen Arbeiter produzieren viel
mehr, als sie selber und die von ihnen mit zu unterhaltenden Kinder, Kranken,
Arbeitslosen und Alten verbrauchen! Der deutsche Sozialstaat und die deutschen
Löhne weisen ein zu niedriges Niveau auf.“ Die deutschen Erfolge in der
weltweiten Konkurrenz sind Resultat einer Ökonomie, die hohe Produktivität mit
billiger Arbeitskraft verbindet. Das hat der Pfarrer begriffen. Er hat
lediglich auszusetzen, dass die Lohnstückkosten zu niedrig sind. Er bettelt Staat und Wirtschaft an, sie mögen den
Gelackmeierten doch ein Stück vom großen Kuchen des Profits abgeben. Die
Antwort bleibt kategorisch. Der Staat macht das, wofür er da ist: Er schützt
und befördert mit aller Gewalt das Privateigentum. Und wer im Besitz der
Produktionsmittel ist, dem steht der erwirtschaftete Gewinn zu.
Basta!