
Die Kunst hat es in Düsseldorf schwer. Zuerst fällt der national anerkannte Maler Jörg Immendorf durch seinen ausschweifenden Lebensstil auf. Mit Huren treibt er es und schnupft dazu auch noch Kokain. Dann wird Nazi-Yuppie Torsten Lemmer kalt erwischt. Die Antifa will es ihm einfach nicht abnehmen, dass er den Ausstieg aus der Szene betrieben hat und reumütig heim ins Bundesreich zurückgekehrt ist. Alles Masche, so glaubt sie. Der will doch nur Publicity für seinen Auftritt im kommunalen Wahlkampf! Dafür hat er sich bei Kern und Schlingensief eingeschleimt und macht einen auf Kultur. Die wiederum, immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick, wollen im Rahmen des von der Regierung gesponserten "Aussteigerprogramm" ihre Schnitte machen. Zuletzt hat der Rektor der Kunstakademie, Markus Lüpertz, die Stirn, sich hinter Immendorf zu stellen, und beschuldigt die Staatsorgane sowie das berüchtigte Hotel, sie hätten seinem Professor "eine Falle gestellt".
Was will die Kunst?
Mit Kunst und Kultur hat das ganze Theater ziemlich wenig zu tun.
Aber jedermann weiß, dass Kultur ohne dieses Theater nicht stattfindet.
Dem Künstler ist es zu wenig, einfach nur als gut trainierter Pianist,
geübter Grimassenschneider oder Pinselschwinger die Welt mit den
unnützen Dingen des Vergnügens zu beglücken. Wer als Kunstschaffender
etwas auf sich hält und mit Erfolg gesegnet werden will, muss neben
seiner Kunst entweder durch eine exzentrische Persönlichkeit auffallen
oder seine Werke einem höheren Zweck unterordnen. Und der beflissene
Kunstsachverständige findet in den Werken folgerichtig weniger die
besondere Kunstfertigkeit wieder, stattdessen erfreut er sich an
tiefsinnigen Erkenntnissen über das Leben, die Tragik, das Schicksal
und den Tod. Er ringt um Worte, wenn er sein Feeling beschreiben muss.
Nach seiner Ansicht liegt das nicht an dem dürren philosophischen
Gehalt sondern eher daran, dass wohl nur die Kunst als solche derartig
menschlich bewegende Dinge ausdrücken kann.
Vergnügen zu bereiten ist also nicht Sache der ernsthaften Kunst. Und
der ernsthafte Künstler pflegt aus diesem Grunde Distanz zu seinem
eigentlichen Handwerk. Weltanschauliche Botschaften vertragen sich
nicht mit Genuss und Unterhaltung, so glaubt er mit Recht, und ein
gewisser Bertolt Brecht entwickelte die Störung des unterhaltsamen
Spiels mit der Einbildungskraft - jedem Oberschüler unter dem Begriff
"Verfremdung" bekannt - zu einem besonders in den siebziger und
achtziger Jahren anerkannten dramaturgischen Kniff. Dass künstlerische
Produkte durch das Sendungsbewusstsein der Produzenten nicht
vollständig ungenießbar werden, ist dem Umstand geschuldet, dass neben
der Heuchelei, die der "Kunstgenießer" vor sich her trägt, doch so
etwas wie Unterhaltung verlangt wird. Zwischen einem Gottesdienst und
einer Theateraufführung weiß der Zuschauer noch zu unterscheiden.
Kultur und Gesellschaft
Staatlicherseits wird mit der Unterstützung und Finanzierung der
Kunst- , Musik- und Schauspielschulen einiges getan, damit das der
christlich-abendländischen Kultur verpflichtete Gewaltmonopol eine
Berufungsinstanz vorweisen kann. Denn dieses schmückt sein Tun, wenn es
weltweit seine Soldaten zum Einsatz bringt oder im Innern die Menschen
mit verdächtigen Glaubensgrundsätzen verfolgt, mit den erhabenen und
erlesenen Werten der westlichen Kulturgemeinschaft.
Die Künstler haben sich hier als gut funktionierende Staatsbürger zu
bewähren. Kern und insbesondere Schlingensief, die bislang nicht den
besten Ruf in der staatlich anerkannten Kunstszene besaßen, haben einen
deutlichen Schritt in die rechte Richtung getan. Immendorf hingegen hat
sich danebenbenommen. So erklärte SPD-Frau Angelika Pick im
Kulturausschuss der Stadt Düsseldorf: "Immendorf ist mit seinem
Verhalten kein Vorbild". (RP, 13.2.04) Wahrscheinlich ist demnächst der
Beamtenstatus samt Pensionsberechtigung futsch - ein Schicksal, das
auch einmal seinem Lehrer Beuys drohte.
Und die linke Ergänzung
Die Diskussion innerhalb der Linken - jedenfalls wie sie in der TERZ
ausgetragen wird - verläuft ebenfalls entlang von Ansprüchen, die von
außen an die Kunst herangetragen werden. Anstatt die
Instrumentalisierung von Kunst und Kultur durch den Staat bzw. die
Selbstunterwerfung der Künstler unter Maßstäbe, die nichts mit der
Kunst selbst zu tun haben, zu benennen und zu kritisieren, entwickeln
Linke einen alternativen Moralkodex, vor dem sich Kunst zu beugen hat:
"Nimmt man die Rolle der Kunst in der Gesellschaft ernst und betrachtet
diese nicht als Spielwiese, auf der sich ein paar harmlose Irre nach
Belieben austoben können, impliziert das den Anspruch an Künstlerinnen
und Künstler für die Konsequenzen ihres Handelns gerade zu stehen.
Gerade wenn mit Mitteln der Kunst Auseinandersetzungen in Gang gebracht
werden sollen, mit denen man eine Veränderung der Gesellschaft zum
Positiven hin bewirken will, tragen Künstlerinnen und Künstler eine
immense Verantwortung. Vor dieser Verantwortung aber drücken sich im
Falle Hamlet die Beteiligten.
Schade um die Kunst." (TERZ, 02/04) Auch der "linke" Künstler überhöht
seine Tätigkeit, wenn er den Anspruch vor sich her trägt, "die
Gesellschaft zum Positiven hin zu verändern. So inhaltsleer diese
Aussage notwendigerweise ist - Kunst und Kritik sind eben zwei
verschiedene Paar Schuhe - desto wichtiger definiert der Künstler seine
Rolle in der Gesellschaft. Eine "immense Verantwortung" soll er tragen.
Und wer die nicht zu tragen vermag, schadet der Kunst. "Schade um die
Kunst" (ebd.), so beendet Krümel ihre Einschätzung des
Schmierentheaters um Lemmer, Schlingensief und co.
Dabei könnte man sich durchaus vorstellen, dass Künstler im Zeitalter
von Stefan Raab, DSDS und Dschungelshow anstatt langweiliger Krimis,
Science Fiktion mit meterdick aufgetragener Moral und Kunstschöpfungen,
die vor lauter Botschaft jeden künstlerischen Inhalt verdecken, mal
echte Spannung, Grusel, Komik, Hör- und Seherlebnisse schaffen.
Derartige Kunstprodukte mag es vielleicht auch geben, finden aber kaum
Beachtung, weil von links bis rechts jede Form von Kunst verdammt wird,
die die erwartete Moral vermissen lässt.