Tote Kinder

 

Die Rheinische Post veröffentlichte am 8. Oktober die gar nicht überraschende Meldung, fast 30 000 Kinder unter fünf Jahren stürben Tag für Tag „an behandelbaren oder vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall, Bronchitis, Masern oder Malaria“. Zwar konnte „die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern … zwischen 1960 und 2000 halbiert werden“, aber „im südlichen Afrika, Kambodscha und in mehreren Sowjetstaaten“ steige die Todesrate an.

Wenn das Kapital die gesamte Welt unter dem Gesichtspunkt betrachtet, wo es gewinnträchtige Anlagesphären gibt, fallen eben einige Gebiete aus dem Raster. Was vor Jahrzehnten noch politisch oder ökonomisch interessant war und entsprechend zugerichtet wurde, erfährt heute nur noch eine ordnungspolitische Behandlung. Dass dort die Menschen verrecken wie die Fliegen, weiß auch der letzte Ignorant. Nun könnte man zu dem Schluss kommen, die Begutachtung der natürlichen, technischen und menschlichen Ressourcen der Welt unter dem Blickwinkel der Gewinnmaximierung sei zumindest für die Menschen der III. Welt äußerst schädlich. Aber die offizielle Diagnose läuft genau in die andere Richtung: Die betroffenen Länder leiden nicht an zu viel, sondern an zu wenig Kapitalismus. Der freie Welthandel müsse ausgeweitet, Investitionsmöglichkeiten verbessert werden (G8-Gipfel in Genua). Genau der Grund, der das Elend in der III. Welt herbeigeführt hat, soll nun das adäquate Heilmittel sein.

So geht die ideologische Absicherung des Treibens des Kapitals mit allen seinen Folgen bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Ach ja, in der gleichen Ausgabe der Rheinischen Post wird der Chefspezialist für das Leben vor der Geburt und nach dem Tode, Papst Johannes Paul II., zitiert. Das Schicksal ungetaufter toter Kinder sei von „höchstem Interesse“. Wenn schon die Kinder verrecken, dann bitte – denn ihrer ist das Himmelreich - ohne Erbsünde!

 

Hedonismus unter Sozi-Empfängern

 

Es ist nicht so, dass die Rheinische Post die fälligen Reformen nach Hartz, Rürup usw. dem gemeinen Volke in ihrer ganzen Schönheit vorenthält. Auf den Cent genau bekommt der zukünftige Arbeitslosengeld II – Bezieher vorgerechnet, was er im kommenden Jahr zu erwarten hat. Da erhält eine Familie mit zwei Kindern statt bisher 937,50 € Sozialhilfe nun 1036 € Arbeitslosengeld II (RP, 5.10.04). Allerdings sind die zusätzlichen 98,50 € nicht zum Verjubeln gedacht, sondern sollen vom ALG II Bezieher in Eigenverantwortung für notwendige Anschaffungen, die bis dahin das Sozialamt übernommen hat, zurückgelegt werden.

Aber die Experten vor Ort befürchten in Kenntnis ihrer Klientel Schlimmstes. Manche hätten den richtigen Umgang mit Geld nie gelernt, zitiert die Rheinische Post den Dortmunder Kohlenpott-Sozialarbeiter Helmut Szymanski. „Viele Betroffene würden nicht realisieren, dass sie das zusätzliche Einkommen ansparen müssen, um über die Runden zu kommen, und das Geld für den privaten Konsum ausgeben.“

Der Dozent für Sozialhilferecht, der in seiner Freizeit in diversen Sozialforen und Arbeitslosen-Inis als Berater herumturnt, hat seinen Job begriffen. Er bringt den Elendsgestalten bei, wie man mit Geld, das zum Leben nicht reicht, trotzdem irgendwie überleben muss.

Solche Männer und Zyniker braucht das Land in unserer hart(z)en Zeit!

 

 www.neusser-monat.de (12.10.2004)