Kein Nachruf
Papst Johannes Paul II und das KZ
Auschwitz-Birkenau
Kurz bevor der Heilige
Vater sein irdisches Fenster schloss,
um die Himmelspforte zu öffnen, verfasste er noch die eine und
andere frohe
Botschaft an die Verbliebenen im sündigen Jammertal.
Und Mitte Januar hatte
er nachträglich einen besonders
schweren Fall von menschlicher Verfehlung anzuprangern:
Auschwitz-Birkenau.
Anlässlich des
60sten Jahrestags der Befreiung des
Vernichtungslagers ließ es sich der Pontifex Maximus nicht
nehmen, die „Manifestation
des mysterium iniquitatis“ („Geheimnis der Bosheit“,
abgeschrieben aus einem
Brief des Apostels Paulus an die Tessalonicher) in Gestalt der
Vernichtung von
„vielen Millionen Menschen … die ohne jede Schuld
unmenschliche Qualen ertrugen
und in den Gaskammern und Krematorien vernichtet wurden“ zu
beklagen. Insbesondere
dachte Karol Wojtyla da an die Glaubensbrüder aus dem gelobten
Land, mit denen
über den alttestamentarischen Abraham gemeinsame Wurzeln der
Mystifikation des
Irdischen bestehen: „Gerade dieses Volk, das von Gott das Gebot
empfangen hat:
‚Du sollst nicht töten’, hat an sich selbst in
besonderer Weise erfahren, was
das Töten bedeutet.“
Der Papst findet das
Wüten des Bösen so schlimm, dass er die
Menschheit von nun an als „befleckt“ ansieht. Und mahnt an,
solches dürfe nie
mehr wieder passieren. Der Adressat seiner Botschaft ist eindeutig:
„Diesen
Appell richte ich an alle, insbesondere an diejenigen, die im Namen der
Religion zu Unterdrückung und Terrorismus greifen.“ Damit
meint er natürlich
nicht den eigenen Verein, sondern Spielarten der Konkurrenz, deren Gott
auf den
Namen Allah hört.
Aber die Erinnerung an
das Menschenschlachten von
Auschwitz-Birkenau eignet sich nicht nur vortrefflich zu einem
Seitenhieb auf
diverse Heidenkinder. „Das Recht (Polens) auf einen eigenen Platz
auf der Karte
Europas“, „meiner Nation“, wie es der Papst
ausdrückte, soll die logische
Schlussfolgerung aus dem Desaster sein. Aber so einfach war die
„Gerechtigkeit
der Geschichte für diese Nation“ nicht zu haben.
Zunächst wurde Polen „an eine
andere zerstörerische Ideologie verkauft“: „den
Sowjetkommunismus“ Und hier
klopft sich der Heilige Stuhl auf die eigene Lehne und betont die
„beharrlichen
Anstrengungen meiner Landsleute“, damit „Polen den rechten
Platz auf der Karte Europas“
findet.
Die liebevollen
Anstrengungen der sozialistischen
Regierungen in Polen, den Katholiken in Polen nicht zu sehr auf die
Füße zu
treten, konnten den Papst nie irritieren. Der Hauptfeind der
gläubigen Menschheit
war der Kommunismus, und erst nach seinem Verschwinden konnte Polen
aufblühen
und „für alle Europäer Frucht“ bringen. Aber da
meint Karol nicht die
Spargelstecher und Schwarzarbeiter im deutschen Baugewerbe, sondern die
„gegenseitige geistige Bereicherung“. Denn das Wohlergehen
der Schäfchen ist
für die Verwalter der gläubigen Menschheit nur dann ein
Problem, wenn ihnen das
Material für ihre Missionierung auszugehen droht und engagierte
Pfaffen eine
„Theologie der Befreiung“ ausrufen meinen zu müssen,
die übrigens beim Verblichenen
in keinem guten Ruf stand.
Der Papst unterscheidet
sich in seinen Sprüchen kaum von
Politikern, die mit ähnlichen Worten die Befreiung der KZ’s
gefeiert und
kongenial instrumentalisiert haben. Kein Wort der Erklärung des
mörderischen
Treibens der Nazis geht dem Papst über den Griffel, die
Aussortierung der für
das Kriegsprogramm Hitlers als unzuverlässig diagnostizierten
Bevölkerungsteile
wird in der religiösen Sprache zu einem Kampf zwischen Gut und
Böse.
Da Religion Trost und
Hoffnung zu spenden hat, findet der
Papst auch inmitten der mörderischen Veranstaltung in Auschwitz
das Gute.
„Wenn ich von den
Opfern von Auschwitz spreche, kann ich
nicht umhin, daran zu erinnern, daß es inmitten dieser
unbeschreiblichen
Anhäufung des Bösen auch heldenhafte Äußerungen
des Festhaltens am Guten gab.
Gewiß gab es viele Menschen, die es in der Freiheit des Geistes
annahmen, dem
Leid ausgesetzt zu werden, und nicht nur den Mitgefangenen, sondern
auch den
Peinigern gegenüber Liebe zeigten. Viele taten dies aus Liebe zu
Gott und zum
Menschen, andere im Namen höchster geistiger Werte. Dank ihres
Verhaltens wurde
eine Wahrheit offenbar, die in der Bibel oft zum Vorschein kommt: Auch
wenn der
Mensch dazu fähig ist, Böses zu vollbringen, gelegentlich
ungeheuerlich Böses,
wird das Böse nicht das letzte Wort haben. Selbst im Abgrund des
Leidens kann
die Liebe siegen. Das Zeugnis einer solchen Liebe, die in Auschwitz
hervorgetreten
ist, kann nicht in Vergessenheit geraten.“
Wojtyla lobt das
untertänige Verhalten der disziplinierten
KZ-Insassen – wie er sie sich in seiner Vorstellung
zurechtgebogen hat – als
Ausdruck des Guten im Menschen. Denn überall in der Welt, wo er
herumreiste,
entdeckte er die selbe einfältige Botschaft - und dafür war
ihm jede Schandtat
recht -, das Böse zu verdammen und das Gute hochleben zu lassen.
Die Herrschenden und
Glaubensfürsten wissen, bei allen
Querelen, was sie an ihrem Mann in Rom haben. Und darum sind sie
– fast – alle
erschienen, als man der Hülle des alten Herrn unter dem Petersdom
eine vorläufige Bleibe verschaffte.
Karl Marx zur Religion
Das
religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des
wirklichen Elendes
und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die
Religion
ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer
herzlosen Welt, wie sie
der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des
Volkes.
Die
Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des
Volkes ist die
Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die
Illusionen über
einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand
aufzugeben, der
der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim
die Kritik
des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.
Die
Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt,
nicht damit der
Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die
Kette
abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion
enttäuscht den
Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein
enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich
selbst und
damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die
illusorische
Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich
selbst
bewegt.
Karl Marx: Zur
Kritik der
Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung.
MEW Bd 1, S. 378f