GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 12. Juli 2006
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 17. Juli 2006

Ahmadinedschad stellt den Holocaust in Frage und schreibt Bush einen offenen Brief

Der verfemte iranische Präsident verteidigt sich mit
moralischen Attacken auf die moralische Hegemonie des Westens

Seit Dezember des vergangenen Jahres macht der iranische Präsident von sich reden. Das Erkenntnis leitende Interesse Ahmadinedschads bei seiner Infragestellung des nationalsozialistischen Genozids an den Juden ist das, wofür dieser Völkermord heute steht: Für das absolut unbestreitbare Recht des israelischen Staates auf einen Platz in Palästina, für die Blankovollmacht, sich mit dem ständigen Einsatz auch staatsterroristischer Mittel zu verteidigen und territorial auszuweiten sowie für die Pflicht aller zivilisierten Nationen, Israel dabei zu unterstützen. Der Juniorpartner des amerikanischen Antiterrorkriegs, der den Palästinensern das Leben so gut wie unmöglich und seinen arabischen Nachbarn so schwer macht, soll selbst immer bloß ums blanke Überleben kämpfen. Dem widerspricht Ahmadinedschad. Er will nicht akzeptieren, dass seine palästinensischen Glaubensbrüder und die gesamte nahöstliche Region die historische Rechnung für etwas bezahlen müssen, mit dem sie ganz offensichtlich nichts zu tun haben, und er lehnt es ab, dass dies den Staat Israel und alle seine gewaltträchtigen Vorhaben ins Recht setzen soll. Also bestreitet er den moralischen Rechtstitel für die Existenz des Vorpostens des Westens im Nahen Osten. So meint er, dass für die historisch-moralische Legitimität Israels die Faktizität des Holocausts irrelevant ist, weil so oder so andere moralische Konsequenzen viel nahe liegender wären: „Wenn der Holocaust passiert ist, dann muss Europa die Konsequenzen ziehen und nicht Palästina den Preis dafür zahlen. Wenn er nicht passiert ist, dann müssen die Juden dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind.“ (Spiegel, Nr. 22/06) Die korrekte historisch-moralische Schlussfolgerung aus dem Holocaust lautet nach Ahmadinedschad:

„Wenn die Europäer mit der Behauptung die Wahrheit sagen, sie hätten sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg getötet, warum sollten die Palästinenser für dieses Verbrechen bezahlen. …Wenn ihr die Verbrechen begangen habt, dann gebt den Israelis ein Stück eures Landes irgendwo in Europa oder Amerika und Kanada oder Alaska, damit sie dort ihren eigenen Staat aufbauen können.“

Die Idee, dass diejenigen die territorialen Kosten der Wiedergutmachung übernehmen sollen, die die einschlägigen Schandtaten begangen haben und nun das Bedürfnis nach tätiger Reue verspüren – an anderer Stelle schlägt er mit hohem historischen Gerechtigkeitssinn ein „Gebiet zwischen Deutschland und Österreich“ vor –, mag für Außenminister Steinmeier ja „schockierend“ sein, von der Sache her ist sie wohl nicht ganz so „irrsinnig“, wie allenthalben diagnostiziert wird. Ahmadinedschad argumentiert auf derselben Ebene historisch-moralisch begründeter Rechtstitel, auf der auch die israelischen Rechtstitel angesiedelt sind. Er teilt grundsätzlich den Standpunkt, dass aus der Geschichte Rechte resultieren, dass also auch die Juden aus dem Holocaust – so es ihn gab – Rechtstitel ableiten können. Weil er jedoch diesem seinem Erzfeind überhaupt keine Rechte zubilligen will, macht er sich auch noch daran, die Faktizität der historischen Grundlage der israelischen Rechtstitel, den Holocaust, zu negieren. Hinter der Verwendung des Holocausts als kategorische Legitimation des Judenstaates sowie als Totschlägerargument gegen jede Israel-Kritik wittert er das Interesse Israels bzw. der westlichen Israelunterstützer an diesem Legitimationsgrund und schließt von da aus auf eine antiarabische Verschwörung: „Der Mythos vom Massaker an den Juden ist von den westlichen Staaten erfunden worden, um mitten in der islamischen Welt einen jüdischen Staat zu errichten.“ (Ahmadinedschad im Dezember 2005) Der kurze Schluss in all seiner Gedankenschlichtheit: Wem eine solche Generallegitimation nützt, der steht unter dem Verdacht, die Fakten, mit denen operiert wird, manipuliert zu haben. Zur propagandistischen Präsentation dieses Fundamentalangriffs auf die israelische Staatsideologie lädt er einige notorische Exemplare von braunen Holocaustleugnern als Kronzeugen zu einem ‚Holocaust-Kongress‘ nach Teheran ein, behandelt damit deren als ‚Auschwitzlüge‘ bekannt gewordenen Wahn als gleichwertige Position gegenüber den Erkenntnissen der universitären Faschismusforschung, erklärt so die historische Existenz des Holocaust zur offenen Frage und sich selbst zum Anwalt ihrer Lösung:

„Die Wurzeln des Palästina-Konflikts sind in der Geschichte zu suchen. Der Holocaust und Palästina stehen in direkter Verbindung zueinander. … Die Klärung dieser Frage trägt zur Lösung von Weltproblemen bei. Unter dem Vorwand des Holocausts fand weltweit eine sehr starke Polarisierung und Frontenbildung statt. Deshalb wäre es sehr gut, wenn eine internationale und unparteiische Gruppe der Sache nachginge, um ein für alle Mal Klarheit zu schaffen.“ (Spiegel, Nr. 22/06)

Und die sieht für Ahmadinedschad so aus, dass mit dem jüdischen Rechtstitel auf einen Platz in Palästina der israelische Staat selbst von der Landkarte verschwinden müsse, um endlich Frieden in der Region zu bekommen.

Die Reaktionen des Westens auf diese abweichende Vorstellung von einem nah-östlichen Friedensprozess sind genau spiegelbildlich: Der Grund des Übels im Nahen Osten ist nicht Israel, sondern seine Nichtanerkennung durch seine islamische Nachbarschaft, deren böseste Variante die Holocaust-Leugnung ist. Mit diesem moralischen Konter geben westliche Politiker und Medien den Schwarzen Peter zurück, ohne sich dabei groß auf Ahmadinedschads Ausführungen einzulassen. Stattdessen subsumieren sie mit kongenialer Gedankenschlichtheit seine gesamte Kritik an der Verlogenheit der westlich-israelischen Rechtstitel unter die Kategorie ‚Auschwitz-Lüge‘. Und weil die längst als ein schwerer Menschenrechtsverstoß definiert und zumindest in den Nachfolgestaaten des Hitlerreiches sogar kriminalisiert ist, ist damit das Urteil über die antiisraelische Wortmeldung und über ihren Autor auch schon perfekt. Ein amerikanischer Regierungssprecher: Himmelschreiend!“ Die Bundeskanzlerin: „Unfassbar!“ Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland will gar keinen Unterschied zwischen Täter und Interpreten mehr gelten lassen: „Ein zweiter Hitler!“ In Israel sieht man das genauso. Ein Regierungssprecher unter unüberhörbarem Verweis auf die stets gefechtsbereite israelische Militärmaschinerie: „Es wird keine zweite ‚Endlösung der Judenfrage‘ geben!“ Und Friedensnobelpreisträger Schimon Peres sekundiert mit der Drohung, „dass auch der Iran von der Landkarte gelöscht werden kann“.

Und dann schreibt Ahmadinedschad, der größte ‚Schurke‘ der ‚Achse des Bösen‘, auch noch einen offenen Brief – an George W. Bush, der bisher in Teheran als „Satan von Washington“ in Form einer Strohpuppe erhängt und verbrannt wird. Dabei demonstriert der iranische Präsident, dass auch er sich auf die hohe Kunst der diplomatischen Heuchelei versteht: Im vereinnehmenden Gestus eines gemeinsamen Strebens nach Frieden und Ordnung auf der Welt sowie eines gemeinsamen Glaubens an einen Allmächtigen will er „Widersprüche und offene Fragen“, die er „auf der internationalen Ebene“ ausgemacht hat, „zur Diskussion stellen, damit die Möglichkeit eröffnet wird, für Abhilfe zu sorgen“. Damit will er den mit großem propagandistischen Aufwand etablierten Standpunkt torpedieren, dass die Interessen Amerikas immer ein zutiefst berechtigtes und folglich von allen Nationen guten Willens anzuerkennendes und zu unterstützendes Anliegen sein sollen. Zu diesem Zweck nimmt er die Selbstdarstellung der amerikanischen Politik beim Wort, um sie an ihren eigenen moralischen Maßstäben zu blamieren und zugleich der iranischen Sicht der Dinge Respekt zu verschaffen. Ein Beispiel:

„Kann jemand Anhänger Jesu Christi … sein, sich der Achtung der Menschenrechte verpflichtet fühlen, den Liberalismus als Zivilisationsmodell präsentieren, seine Opposition zur Verbreitung von Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen verkünden, sich den »Krieg gegen Terror« auf seine Fahnen schreiben und schließlich an der Errichtung einer vereinten internationalen Gemeinschaft arbeiten…, aber gleichzeitig Länder überfallen, Leben, Ansehen und Besitz von Menschen zerstören und mit der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, dass sich einige wenige Kriminelle in einem Dorf, einer Stadt oder beispielsweise einem Konvoi befinden, das Dorf, die Stadt oder den Konvoi in Brand schießen? Oder kann es wirklich sein, dass nur aufgrund der reinen Möglichkeit der Existenz von Massenvernichtungswaffen in einem Land dieses jetzt besetzt ist, rund 100.000 Menschen ermordet, seine Wasserressourcen, Landwirtschaft und Industrie vernichtet, an die 180.000 Mann ausländischer Truppen stationiert wurden, die Unverletzlichkeit der Privatwohnungen seiner Bürger missachtet und das Land möglicherweise fünfzig Jahre in seiner Entwicklung zurückgeworfen wurde? … Diese große Tragödie brach unter dem Vorwand der Existenz von Massenvernichtungswaffen über beide Völker herein, das des besetzten Landes und das des Landes der Besatzer. Später wurde aufgedeckt, dass gar keine Massenvernichtungswaffen existierten. … Wenn es erlaubt ist, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt, wie passt das zu den oben genannten Werten? Glaubt denn jemand, dass auch dem Allmächtigen die Wahrheit abhanden kommen kann?“

Lauter Widersprüche! Natürlich ist es ein Leichtes, die wenig idealen Taten des Imperialismus an den hohen Idealen, in deren Namen sie vollbracht werden, zu blamieren. Was Bush zur Legitimation seiner Weltordnungspolitik dient, kreidet ihm Ahmadinedschad als Missbrauch von Moral an, stellt ihn selbst damit als unmoralisch hin und streicht sich als den wahren Hüter der Moral heraus. Während die von Ahmadinedschad zitierten Ideale & Werte dem ‚wiedergeborenen Christen‘ Bush dazu dienen, den Iran und seine ‚fundamentalistische‘ Führung der ‚Achse des Bösen‘ zuzuordnen, führt sein iranischer Amtskollege sie zum Nachweis ins Feld, dass das Böse seinen Sitz in Washington habe. Aus diesem moralischen Schlagabtausch der beiden frommen Staatschefs ist zu ersehen, wie billig es zu haben ist, die eigene Staatsräson mit edlen Idealen und alten Rechten auszustaffieren und eine feindliche Staatsräson ins moralische Abseits zu stellen. Doch welche Seite für ihre Darstellung in der Welt der Politik Anerkennung findet, hängt nicht von einer gelungenen Interpretation der historischen Rechtslage ab, sondern von der Fähigkeit, der eigenen Sicht der Dinge Respekt zu verschaffen. Und das ist nicht billig zu haben: Hier zählt ganz prosaisch die schiere Macht, die eigene Position gültig zu machen.

Die Reaktionen im Westen lassen denn auch ein hohes Maß an Souveränität gegenüber Ahmadinedschads Anklagen erkennen: Sie ignorieren sie einfach. Condoleezza Rice stellt trocken fest, dass er „nichts Konkretes“ zu bieten hat. Schließlich hat man bei ihm keine moralischen Anklagen bestellt, sondern ein Schuldbekenntnis in Sachen Massenvernichtungswaffen sowie den sofortigen Stopp der Uran-Anreicherung: „Die Probleme, mit denen wir zu tun haben, werden darin nicht konkret angesprochen. Darin steht nichts, was darauf hindeutet, dass wir uns auf einem anderen Kurs befinden als vor dem Erhalt des Briefes. … Ziel Ahmadinedschads ist es vermutlich, die internationale Gemeinschaft kurz vor dem Außenministertreffen in New York durcheinander zu bringen.“ (Condoleezza Rice) Der Mann tut einfach nicht, was die USA von ihm erwarten und erfüllt nicht die Bedingungen, unter denen die USA sich überhaupt herablassen, mit ihm zu reden. Und: Ahmadinedschad will doch glatt andere Mitglieder der Völkerfamilie – noch dazu Verbündete der USA! – in seinem Sinn beeinflussen. Während man im Iran darauf hofft, der Brief könne „neue diplomatische Wege“ (Chef-Unterhändler Ali Laridschani) eröffnen, hält man es in Washington schon für einen Skandal, dass sich der Iran überhaupt mit eigenen Positionen zu Wort meldet und ihnen Gehör verschaffen will. „Der Brief ist ein taktischer Versuch, die Diskussion im Sicherheitsrat über das weitere Vorgehen gegen Iran gezielt zu beeinflussen.“ (US-Geheimdienstchef John Negroponte) Kurz: Der Mann bewährt sich als Terrorist, selbst wenn er nur Briefe schreibt. Und überhaupt: Ahmadinedschad stellt sich mit seinem Schreiben auf die gleiche Stufe mit seinem Adressaten. Trotz aller „kunstvollen Höflichkeitsfloskeln“ (FAZ, 10.5.) also eine einzige Unverschämtheit: „Ahmadinedschad beansprucht sozusagen auf gleicher Augenhöhe mit dem amerikanischen Präsidenten zu kommunizieren.“ (ebd.) Von daher ist keine Reaktion zu zeigen gerade am aufschlussreichsten: Der amerikanische Präsident denkt gar nicht daran, sich mit dem obersten Schurken eines Schurkenstaates von Gleich zu Gleich über Recht und Unrecht in der Weltpolitik auszutauschen. Und das womöglich noch mit Argumenten.

 www.neusser-monat.de (29.07.2006)