Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 16. Okt. 2006
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 8.
Nov. 2006
Es
gibt doch noch Sozialleistungen, die die Begünstigten nicht gleich zur
Verantwortungslosigkeit verführen und sogar finanzierbar sind. Während sonst
jede Bedürftigkeit als Last, wenn nicht als unverschämter Anschlag auf die
Staatskasse durchschaut und abgeschmettert wird, hat die Familienministerin
jedes Verständnis für die Nöte junger Familien.
„Die
aktuelle Shell-Jugendstudie bringt das auf den Punkt. Mit einem wirklich
glücklichen Leben verbinden Jugendliche in erster Linie Familie. Aber sie
wissen auch ganz genau, dass es nicht einfach ist, Ausbildung, Beruf,
Partnerschaft, Karriere und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Die
Folgen dieser Skepsis sind hohe Kinderlosigkeit und das Verschwinden der
Mehrkindfamilie. Das heißt, Familie ist nach wie vor zeitgemäß, aber die
Rahmenbedingungen, die wir als Gesellschaft Familien im 21. Jahrhundert
zumuten, sind nicht mehr zeitgemäß.“
Frau
von der Leyen hat kein Problem, einzuräumen, was für eine Zumutung eine
Wirtschaft ist, die schon für bescheidenen Lohn den ganzen Menschen fordert und
mit Beschlag belegt; und sogar denjenigen, die in ihr Karriere machen,
geregelte Arbeits- und Freizeit verweigert. Wer einen ordentlichen Arbeitsplatz
hat, lebt im und für den Job; freie Interessen, Liebesbeziehung und
Kinderbetreuung werden da schwierig. Auf Familienmenschen dagegen, die auf die
lieben Kleinen nicht, dafür aufs volle Geldverdienen verzichten, wartet das
„Armutsrisiko Kind“. Das alles muss selbstverständlich so sein und bleiben.
Daran kann und will die Familienministerin nichts ändern; aber auf diesem Feld
– anders als in den anderen Abteilungen des Sozialstaats – setzen gewisse
Hilfen fürs Aushalten der Zumutungen keine falschen Anreize, sondern genau die
richtigen. Die Schwierigkeiten junger Eltern stehen beim Staat hoch im Kurs,
weil sie ihm Schwierigkeiten machen. Mit einem neuen Elterngeld hilft er
ihnen, um sich einen leider allzu unbefriedigten Wunsch zu erfüllen: Die Sphäre
des privaten Glücks genießt öffentliche Wertschätzung ausdrücklich als Keimzelle
des Staates: Sie soll ihm gefälligst wieder mehr neue Staatsbürger liefern.
Denn die Verwalter der Macht sind in Sorge, dass das von ihnen regierte Volk in
den nächsten 50 Jahren kleiner werden könnte – zu klein offenbar für das, was
sie mit ihm vorhaben.
Wer
heute an Hitlers Mutterkreuze und an die edle Aufgabe erinnert, für deren
Erfüllung sie verliehen wurden, brandmarkt einen Zynismus des Staates: In der
Ehrung der Mütter dafür, dass sie Führer und Reich Kinder und damit zukünftige
Soldaten schenken, gibt sich die Staatsmacht als letzter Zweck des gesellschaftlichen
Lebens zu erkennen und erklärt die Menschen zum Material ihrer Selbstbehauptung
und Größe. Über das längst vergangene Dritte Reich macht man sich nichts vor:
Damals war der Mensch für den Staat da, nicht umgekehrt. Dasselbe Urteil stellt
sich nicht ein, wenn Politiker heute das Land mit der Prognose erschrecken:
„Die Deutschen sterben aus!“ und wenn sie in gesetzten Worten eine Politik zur
Steigerung der Geburtenraten ankündigen:
„In
Anbetracht steigender Kinderlosigkeit werden heute Maßnahmen gebraucht, welche
die Entscheidung für Kinder erleichtern und die wirtschaftliche Stabilität von
Familien stärken.“
Einerseits
geniert sich die demokratische Familienministerin nicht, den öffentlichen
Kinderwunsch als einen Dienst ihres Hauses an der familiären Idylle
auszudrücken; nur um Glück und Erfolg der Eltern sei es ihr zu tun, wenn sie
sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzt. Genau dieses private
Glück überlässt sie aber nicht der Privatinitiative, wie sonst auf allen
Feldern; hier ist einmal nicht die Selbstverantwortung des mündigen Bürger
gefragt sondern die starke öffentliche Hand; es geht darum, dass „der Staat
die Voraussetzungen schafft, dass die Wahrnehmung der Erziehungsaufgabe in der
Familie nicht zu beruflichen Nachteilen führt, dass eine Rückkehr in eine
Berufstätigkeit ebenso wie ein Nebeneinander von Erziehung und Erwerbstätigkeit
für beide Elternteile einschließlich eines beruflichen Aufstiegs während und
nach Zeiten der Kindererziehung ermöglicht und dass die Angebote der
institutionellen Kinderbetreuung verbessert werden.“ Andererseits
verschweigt sie auch nicht, dass diese öffentliche Fürsorge einem öffentlichen
Bedürfnis entspringt: Deutschland braucht einfach wieder mehr Kinder. Gewiss,
eine demokratische Familienministerin mahnt die Produktion neuer Menschen nicht
zum Wohle des Staates an, sondern mit Blick auf die „Probleme einer
alternden Bevölkerung“ zum Wohle des Volkes selbst: Mehr Volk fürs Volk!
Bevölkerungswissenschaftler – ja auch die gibt es! –
erläutern diesen Bedarf, indem sie die lächerliche Vorstellung nahe legen, es
seien für die viel zu vielen Alten keine Krankenschwestern und Pfleger mehr
aufzutreiben, wenn die deutsche Bevölkerung dereinst von 82 auf circa 70
Millionen geschrumpft und der Anteil der über 80-Jährigen auf 10 Millionen
gestiegen sein wird. Nebenbei bemerkt existiert ein Mangel an diesen Kräften
nicht erst in 50 Jahren, sondern jetzt in den Zeiten von
Massenarbeitslosigkeit; es fehlt nicht an arbeitsfähigen Jungen, sondern an
Geld. Die Armut der Rentner lässt eine anständige Bezahlung der Pflegekräfte,
also auch eine anständige Pflege nicht zu.
Von der Überzeugungskraft der Frage: Wer wird uns einmal pflegen? – macht kein Bevölkerungsplaner etwas abhängig, sie dient nur als populäres Bild für die nationale Unerträglichkeit einer schrumpfenden Bevölkerung und eines steigenden Durchschnittsalters, für die man ein noch besseres Argument nachlegt: Wie sollen die Renten finanziert werden, wenn immer weniger arbeitsfähige Junge mit ihren Sozialversicherungsbeiträgen immer mehr Rentner unterhalten müssen? Was wie eine rationale Rechnung zur Demonstration der kommenden Katastrophe vorgeführt wird, ist nichts weniger als die Übersetzung einer ewigen kapitalistischen Not in ein sachzwanghaftes, quasi biologisches Verhältnis von Generationen und ihren relativen Größen: „Unmöglich!“ sollen wir denken, „auf den Schultern eines jeden aktiven Beitragszahlers lasten dereinst zwei Rentner!“ Mit diesem Bild wird erstens also auch für das nächste Jahrhundert unterstellt, dass die arbeitende Bevölkerung vom Kapital nach Strich und Faden ausgelutscht, nach etwa 40 Arbeitsjahren verbraucht, krank und intellektuell fertig ausgemustert und selbstverständlich nicht weiter bezahlt wird; dass sie zweitens ihren Lebenslohn schon verbraucht hat, wenn sie ihre Arbeitsstätte verlässt, mittellos dasteht und von den nachrückenden Jahrgängen nicht einfach mitversorgt wird, sondern ihre Rente aus prozentualen Abzügen von dem nationalen Gesamtlohn finanziert wird, der den Unternehmern die Arbeit ihrer Arbeitskräfte wert ist. Viertens gehen die Warner vor der demographischen Katastrophe felsenfest davon aus, dass die Einkommen der aktiven Jahrgänge auch im neuen Jahrhundert nicht steigen werden, sie sich also die Lohnabzüge für die Versorgung ihrer Elterngeneration nicht werden leisten können. Fünftens wird dagegen ebenso entschlossen ausgeblendet, dass eine neue Generation Deutscher nicht dasselbe ist, wie deren 100%ige Beschäftigung; dazwischen steht die Wirtschaft mit ihrem Arbeitskräftebedarf, den sie ja wohl auch in Zukunft mit allen verfügbaren Instrumenten senken wird. Wie man es auch dreht und wendet, das ganze Bild vom Rentnerberg, der Jugend zu seiner Versorgung braucht, drückt nur eines aus: Politiker wollen sich die Versorgung der Alten nur als Abfallprodukt eines stets wachsenden nationalen Kapitalismus vorstellen; um dieser Wirtschaft ihren wichtigsten Produktionsfaktor – genug billige Arbeit – zur Verfügung stellen zu können, brauchen sie eine am besten wachsende, jedenfalls nicht abnehmende Bevölkerung. Davon, dass für den Bedarf des Kapitals jetzt schon viel zu viel Volk auf deutschem Raum leben, lässt sich ein Bevölkerungspolitiker nicht irritieren: Da weiß er plötzlich, dass sich der Bedarf des Kapitals nach Menschen nicht vorausberechnen lässt; Nachwuchs also stets ein Lebenselixier des nationalen Kapitalismus ist. Politiker und Ökonomen scheuen sich nicht, einen drohenden Verlust der Wachstums-dynamik der deutschen Wirtschaft vorherzusagen, wenn das Kapital dereinst nicht überreichlich mit Menschenmaterial versorgt werden sollte. Dafür braucht der Staat Nachwuchs – freilich nicht nur dafür.
Wenn
es denn tatsächlich so wäre, dass das Arbeitskräftereservoir, aus dem die
Wirtschaft sich bedient, wegen des Schrumpfens der Bevölkerung austrocknete,
wenn den Rentenkassen die Beitragszahler tatsächlich nicht wegen der
Arbeitslosigkeit sondern aus biologischen Gründen ausgehen und den Altenheimen
die Pfleger fehlten – Kinder gäbe es auf der Welt genug. Das Wachstum der
Weltbevölkerung ist so groß, dass es hinsichtlich der Dritten Welt als
Bedrohung für die Stabilität von Staaten und Ökonomien beschworen wird; gleichzeitig
findet die deutsche Regierung das Wachstum ihres Volkes absolut
unzureichend. Tatendurstige junge Leute aus Afrika, Osteuropa und Asien werden
von den Grenztruppen der Europäischen Union vor den Kanarischen Inseln, vor der
italienischen Küste und im Osten sehr leichenträchtig an dem Versuch gehindert,
in all die Rollen einzuwandern, die die deutsche Regierung künftig unterbesetzt
sieht. Sie würden mit Handkuss die schlimmsten Drecksarbeiten der Ersten Welt
erledigen und auch noch Geld in die Sozialkassen einzahlen – wenn man sie ließe
und wenn es die Jobs gäbe, für die es angeblich in Deutschland bald nicht mehr
genug Personal geben soll. Der Kinderwunsch des Staates richtet sich halt doch
nicht einfach auf Arbeitskräfte für die Wirtschaft – diese Rolle würden
Einwanderer auch ausfüllen –, sondern auf hier geborene und aufgewachsene
Deutsche; noch nicht einmal auf Kinder von Ausländern, die schon im Land sind:
An „ausländische Eltern, die nicht auf Dauer in Deutschland bleiben werden,
wird kein Elterngeld gezahlt.“ (Singhammer, CSU). Den Ausländern –
natürlich erst recht denen, die man wieder loswerden will – trauen
Familienpolitiker die Leistung nicht zu, auf die es ihnen ankommt: Mögen die
Zuwanderer als biologische Keimzelle des Staates funktionieren, sogar besser
als die Eingeborenen, als zugleich sittliche Keimzelle des zukünftigen
Volkskörpers sind sie unzuverlässig. Von Fremden, die unsere Leitkultur nicht
intus haben, nicht richtig wissen, worauf es hier ankommt, und ihren Kindern
wer weiß was für Einstellungen und Werte eintrichtern, will die
Familienministerin die Zukunft der Nation nicht abhängig wissen. Sie setzt auf
deutsche Eltern, die bereit sind, sich ihrer reproduktiven Verantwortung für
„unsere Zukunft“ zu stellen, denen die Fortpflanzung daher eine sittliche
Selbstverständlichkeit ist. Von Eltern mit einem solchem
Verantwortungsbewusstsein erwartet sie sich dann auch anständigen Nachwuchs,
der neben den Tugenden von Erwerbssinn, Aufstiegswillen und Karriere vor allem
die deutsche Identität schon mit der Muttermilch eingesogen hat.
Aus
demselben Grund kennt die Regierung außer dem nationalen ein soziales
Selektionskriterium, wenn sie sich neues Volk bestellt: Es geht nicht um
deutschen Nachwuchs überhaupt, es geht um staatstragendes Volk. Und dazu
gehört die neuerdings auch so genannte Unterschicht definitiv nicht. Von der
gibt es längst zu viele Exemplare, zumal ausgerechnet die ganz Armen durchaus
zu einem gewissen Kinderreichtum neigen. Die Verwalter des Gemeinwesens
registrieren nicht nur, was ihr Wirtschaftssystem an Arbeitslosigkeit und
Massenelend erzeugt; für die überflüssigen, weil für die Wirtschaft
unbrauchbaren Arbeitskräfte organisieren sie mit Hartz IV und anderen
Sozialreformen selbst immer steilere Verelendungskarrieren, produzieren
Perspektivlosigkeit und Verwahrlosung. Sogar der Umstand, dass ihr auf Auslese
zielendes Bildungssystem dafür sorgt, dass sich diese Karrieren ziemlich
zuverlässig vererben, ist ihnen geläufig: Sie lasten diese Zerstörung von Leben
und Charakteren den Opfern ihrer Wirtschafts‑, Sozial- und Bildungspolitik
als deren Versagen an: Von diesen kaputten Typen braucht das Land keine Kinder!
Die „kleine familienpolitische Revolution“ (Bärbel Dieckmann, SPD) macht
Schluss mit dem veralteten sozialpolitischen Grundsatz, dass staatliche Hilfe
dorthin gelenkt werden sollte, wo die Not am größten ist; jetzt gilt das
Gegenteil:
„Zum
ersten Mal in unserer gesamten Familienförderung geben wir mehr Geld für die
Rechtsanwältin als für die Rechtsanwaltsgehilfin, wenn sie schwanger wird.“ (Laschet,
NRW-Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration)
Das bisherige „Erziehungsgeld“ wird laut FAZ vom 2.8.05
abgeschafft, „weil es bildungsfernen
Schichten die Entscheidung zum Kind zu sehr erleichtere, aber für berufstätige
Frauen kein Anreiz sei, sich für ein Kind zu entscheiden.“
In Wikipedia ist zu lesen: „Während das bisherige Erziehungsgeld als kindbezogene Sozialleistung
konzipiert ist, wird das Elterngeld eine elternbezogene Lohnersatzleistung
sein. Für nicht Berufstätige und Geringverdiener hat das eine teils erhebliche
Verschlechterung zur Folge, da sie das monatlich 300 Euro betragende
Erziehungsgeld bis zu zwei Jahre erhalten haben. Folglich ist das Elterngeld
nur für Normal- und insbesondere Gutverdienende, die bisher aufgrund mangelnder
Bedürftigkeit maximal sechs Monate Erziehungsgeld bekommen haben, eine
finanzielle Verbesserung.“
Darum
geht es der neuen Familienförderung eben: Sie will ausdrücklich „mehr gut
ausgebildete junge Frauen und Männer zur Familiengründung animieren“. Denn:
„an einem Problem in unserem Land können wir nicht vorbeisehen. Je besser
die Ausbildung der jungen Frauen und Männer, desto seltener entscheiden sie
sich für Kinder.“ Ausgerechnet die guten, leistungswilligen und ‑fähigen
Bürger des Landes versagen bei der fälligen Reproduktion des Volkskörpers. Viel
zu wenig kommen die staatlichen Wunschkinder aus den intakten Familien
zustande, in die die Eltern das pro-soziale Streben so zuverlässig implantieren,
dass es dann auch drin ist und lauter brave, beschäftigte, Steuer zahlende und
sich ihrerseits zuverlässig fortpflanzende Jungbürger auf der Matte stehen.
Frau von der Leyen führt dieses Versagen auf eine Leistung zurück, die der
Staat von den patenten Gebär-Verweigerern auch gar nicht missen will. Auch
Frauen sollen nicht mehr daheim am Herd bleiben, sondern studieren, Karriere
machen und die Wirtschaft voranbringen – zugleich aber sollen sie auch ihre
Rolle als nationale Nachwuchsproduzentinnen spielen und dem Gemeinwesen mit
beiden Leistungen zu Diensten sein. Gerade die Besserverdienenden, die sich am
ehesten die finanzielle Belastung eines oder mehrerer Kinder leisten könnten,
drücken sich um die erwünschte Doppelbelastung herum – nicht nur wegen der
knappen Zeit und der Nöte der Karriere, sondern auch, weil sie sich im Maß
ihrer Mittel unter Lebensgenuss und Selbstverwirklichung auch noch anderes
vorstellen können als das familiäre Glück und eine große Kinderschar. Die
siebenfache Mutter im Ministeramt, die dafür kein Verständnis hat, ignoriert
den auch vorhandenen Unwillen zum Kind einfach, wenn sie den vermeintlich
verhinderten Eltern Hilfen anbietet, um Familie und Beruf besser zu
vereinbaren; andererseits geht sie listig darauf ein:
„Familienpolitik muss sich an den Lebensentwürfen
der heutigen jungen Generation orientieren. Dass junge Frauen heute
arbeiten, sei selbstverständlich. Die Frage ist nur: Entscheiden sie sich für
oder gegen Kinder?“
Die
erzwungene Anpassung der Frauen an die Erfordernisse der Konkurrenz – sie
verdienen heute selbst, schon wegen des unzureichenden Einkommens, das der Mann
heimbringt – nennt die Ministerin nicht ganz zu Unrecht „Lebensentwürfe“;
schließlich legt sich jedermann das, was er muss, als seine Selbstverwirklichung
und Lebenssinn zurecht. Und weil zu diesem privaten Sinn die Verwirklichung im
Beruf heute einfach dazugehört, kommt sie ihren kinderlosen Konsumbürgern mit
Geld: Sie macht ein Angebot an ihren höher entwickelten Materialismus, damit
sie dem Kind wieder mehr Sinn- und Glückspotenzial beimessen. Um diese Bürger
zum wahren Glück zu motivieren, muss der materielle Anreiz natürlich umso
größer ausfallen, je mehr sie verdienen; auf je mehr Einkommen und Konsum sie
im Fall der Kindererziehung verzichten müssten. So kommt im Gemeinwesen dann
wieder mehr Liebe zu Kindern auf und erblüht seine sittlich-biologische
Keimzelle aufs Neue – so die Kalkulation.
Ausgerechnet
damit sie dem Land den reproduktiven Dienst wieder besser tun, soll bei ihnen
zusammengehen, was bisher nicht und immer schlechter zusammenpasst: Familie und
Beruf.
*
Das
Elterngeld für Besserverdienende, diese „radikale Modernisierung der
Familienpolitik“ erinnert schon an eine Art soziale Eugenik, also die
Förderung der Fortpflanzung besonders geeigneter Personen zur Verbesserung des
„Volkskörpers“. So darf man das wegen der Erinnerung an eine für die Nation so
„unselige“ wie „unvergleichbare“ Vergangenheit natürlich nicht bezeichnen. Und
tatsächlich: Der Staat verbietet seinem Lumpenproletariat nicht die
Fortpflanzung und gebietet sie nicht den sozial besseren Volksteilen, sondern
interveniert in den Intimbereich der Bürger, wie stets im Kapitalismus unter
voller Wahrung der Freiheit aller Beteiligten, mit Geld.
Wie
auch sonst? Das ist ja das Ärgernis der Bevölkerungspolitiker, dass sie
Nachwuchs nicht so leicht verordnen können wie neue Steuern. An der Front der
lebendigen Staatssubstanz hängt die zukünftige Größe der Nation tatsächlich von
individuellen Lebensentscheidungen der Bürger ab – jedenfalls seit Verhütungsmittel
verfügbar sind und Adenauers Gewissheit „Kinder kommen sowieso“ nicht mehr so
gewiss ist. Ich-Bezogen, wie sie sind, denken die Bürger beim Zeugen und beim
Verhüten an alles Mögliche nur nicht an die Kopfzahl des deutschen Volkes in 50
Jahren.
Frau
von der Leyen weiß, was für Anforderungen der moderne Kapitalismus an die
Bürger stellt und mit was für Anpassungsleistungen sie darauf antworten. Heute
ist auch die verheiratete Frau berufstätig, Wenn sie dafür eine ordentliche
Ausbildung genossen hat und Karriere macht, steht ihr nach einer vollen
Arbeitswoche aber auch das Konsumangebot des Marktes offen. Sie ist, wie vorher
der Mann, zum vollwertigen Konkurrenzsubjekt und Konsumenten geworden. Sport,
Hobby, Urlaub und andere Angebote zur Lebensgestaltung und Selbstverwirklichung
konkurrieren auch bei der Frau von heute mit dem klassischen Familien- und
Kinderglück – und lassen Letzteres offenbar umso schlechter abschneiden, je
eher die gut verdienenden Erzeuger sich die finanzielle Last eines oder
mehrerer Kinder leisten könnten. Die Ministerin weiß schon, warum sie
sozialwissenschaftliche Umfragen in Auftrag gibt, die von ihren Probanden
wissen wollen, ob sie es nicht auch schön fänden, Kinder zu haben; eine
geschickt gestellte Frage, die sich fast hundertprozentiger Zustimmung sicher
sein kann. Keinen anderen, wohl aber diesen Wunsch, der angesichts sinkender
Geburtenraten in den besseren Haushalten so dringend nicht sein kann, liest sie
den jungen Erwachsenen vom Mund ab – und dann vor, um das Ausbleiben des
staatlich erwünschten Kindersegens auf äußere Hindernisse zurückzuführen, für
deren Überwindung sie künftig Hilfen anbietet. Die sind eigentlich weniger
Hilfen zur Überwindung von Hindernissen als Anreize zur Überwindung einer allzu
schwachen Motivation. Sie müssen je nach der finanziellen Lage der
Gebär-Verweigerer kleiner oder größer ausfallen: Je besser ein Paar verdient,
desto größer müssen sie sein, wenn sie wirken sollen; umgekehrt, umgekehrt. Das
„Elterngeld“ wird als „Einkommensersatz“ und „echte finanzielle
Kompensation“ für den kindbedingten Verdienstausfall ausgestaltet: „Bis
zu einer Bemessungsgrenze von 2.700 € erhalten Eltern 1 Jahr lang 67 %
ihres vorherigen Nettoeinkommens, wenn sie ihr Kind daheim betreuen.“ Wenn
auch der junge Vater noch eine kleine Auszeit nimmt, wird das Elterngeld sogar
14 Monate lang gewährt.
Um
bei denen, auf die es bevölkerungspolitisch ankommt, einen Effekt zu erzielen,
bricht die CDU sogar mit ihrem Familienbild, nach dem sie bisher Fördermittel
verteilt hat. Die kleine Revolution ist gegen den Widerstand der bayerischen
Schwesterpartei und der eigenen Konservativen erst noch durchzusetzen: Es mag
ja sittlich vorbildlich sein, wenn Menschen ihren Sinn in der Gemeinschaft der
traditionellen Familie mit Ernährer, Hausfrau und vielen Kindern finden und in
der Erfüllung der dazugehörigen Pflichten aufgehen. Die Kleinfamilie tut ihren
Dienst, wo es sie gibt, aber es gibt sie immer seltener. Deshalb verlangt die
Familienministerin und 7-fache Mutter, die nicht im Ruf eines
Werte-Zertrümmerers steht, dem christlichen Weltbild ihrer Partei einen
gewissen Opportunismus ab: Wenn der lebenslange Ehebund, die Treue und die
züchtige Hausfrau langsam aus der Mode kommen, dann passt eine Regierungs-CDU,
auch wenn sie es für lauter Unmoral hält, ihren Wertekanon den gewandelten
Glücksvorstellungen und Lebensentwürfen der gebärfähigen Generation eben
notgedrungen an, um wieder auf sie einzuwirken und sie in den gehörigen
Staatsdienst zurückzuholen. Frech verlässt sich die Hüterin der guten Sitten
darauf, dass die verheirateten und unverheirateten Paare entweder dank des
moralischen Stellenwerts, den die „Politik für Kinder“ inzwischen hat, beim
Vögeln doch an die Zukunft des deutschen Volkes denken – oder sich kaufen
lassen. Oder eben von beidem ein bisschen.