Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 9. Oktober 2006
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im
Freien Radio für Stuttgart vom 11. Oktober 2006
Seit Jahrzehnten wird im deutschen Gesundheitswesen
reformiert: Zur Kostendämpfung wurden Praxisbudgets, Arzneimittelfestpreise und
Fallpauschalen im Krankenhaus erfunden. Insbesondere für die Kranken halten
diese Reformen immer neue Zumutungen bereit: Zuzahlungen bei Medikamenten und
Zahnersatz, Praxisgebühren und laufend steigende Beiträge. Allerdings führt all
das Reformieren zu keinem Ergebnis, das wenigstens die Regierenden befriedigen
würde. Im Gegenteil: Die große Koalition will wieder einmal „das
Gesundheitssystem von Grund auf ändern“. Doch das Resultat ihrer ganzen
Bemühungen löst schon wieder ein einziges Gejammer aus: eine „Chronik des
Totalversagens“ konstatiert der Spiegel, die Süddeutschen Zeitung schimpft
über „den fehlenden Mut der Koalitionäre“ und der ehemalige Gesundheitsminister
der CSU orakelt, dass „die Reform keine 2 Jahre halten werde“.
Woher
rührt bloß diese ganze Unzufriedenheit? – Das liegt zunächst einmal an der 1.
Korrekturmaßnahme der Koalition: Beschlossen wurde die Erhöhung der
Kassenbeiträge für 2007 um 0,5 %. Es wird also wieder einmal der Beitrag
erhöht, um „Löcher im Krankenkassenbudget“ zu stopfen. Natürlich ist für die
Reformer dabei nicht das Problem, dass der beschlagnahmte Lohnanteil das
Nettoeinkommen der Lohnabhängigen schmälert, sondern dass die Lohnkosten
durch die Sozialabgaben verteuert werden – und das wegen des 50%igen Arbeitgeberanteils
auch noch mit jeder Steigerung der Krankenkassenbeiträge automatisch. Gerade in
Zeiten, in denen infolge von Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen das
Beitragsaufkommen der Krankenkassen immer weiter schrumpft, soll eigentlich
vermieden werden, mit Erhöhungen der Beitragssätze das Minus beim Beitragsaufkommen
zu decken. Die Politik will die Kosten der Arbeit schließlich senken, um
dadurch den Wirtschaftsstandort zu stärken und den Einsatz von Arbeit in
Deutschland für Unternehmer lohnender zu machen.
Doch
die Senkung der Lohnnebenkosten für Unternehmer und der aus Steuern
finanzierten Ausgaben hat auch eine andere Seite: Der Finanztopf der
Krankenkassen ist die Grundlage für das Geschäft einer blühenden und auf Wachstum
angewiesenen Gesundheitsbranche. So weiß der Spiegel zu berichten: „Längst
ist die Gesundheitsindustrie der mit Abstand größte Wirtschaftszweig der
Republik.“ (27.06.06)
Angesicht
massenhafter Erkrankungen durch Verschleiß am Arbeitsplatz sowie die Vergiftung
von Umwelt und Nahrungsmitteln im Sinne der profitablen Nutzung von Land und
Leuten durch die Unternehmerschaft hat der deutsche Staat es sich von
vornherein zur Aufgabe gemacht, die Herstellung und bedingte Erhaltung der
Brauchbarkeit seines Arbeitervolks selbst zu organisieren. Und zwar
gleichzeitig als rentable Wirtschaftssphäre, deren Wachstum seitdem vor allem
aus den Mitteln der Krankenkassen finanziert wird. Das Resultat ist ein
medizinisch, technisch und pharmakologisch hoch entwickeltes Gesundheitswesen,
das gesundheitspolitische Vorgaben und kapitalistische Geschäftszwecke
gleichermaßen zu erfüllen hat. Das staatliche Medizinwesen hat sich deswegen,
bei aller gebotenen Sparsamkeit, keineswegs grundsätzlich für die
„billigste Lösung“ entschieden. Vielmehr hat sich der Staat mit so viel Geld,
wie er dafür gerade für nötig hält, gleichzeitig zum Förderer, Geldbeschaffer
und Aufsichtsführenden für und über die florierende Gesundheitsindustrie
gemacht. Nicht nur die Pharmakonzerne bedienen sich aus dem Topf der
Krankenkassen; auch die Geräteindustrie und die ständisch-kleinunternehmerisch
praktizierenden Apotheker und Ärzte sollen sich bereichern dürfen.
Mit
eben dieser Organisation des Gesundheitswesens hat sich die Politik das
„Dauerproblem“ geschaffen, an dem sie voller Eifer herumreformiert. Sie hat
zwei einander ausschließende Standpunkte in die Welt gesetzt, an deren Vereinbarkeit
zu arbeiten, sie nicht müde wird:
§
Auf der einen Seite
gilt das unverrückbare Dogma, dass zu hohe Lohn- und -nebenkosten hauptverantwortlich
sind für die Konkurrenzdrangsale des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Die
Beitragssätze, die den Lohn teuer machen, müssen also sinken. So entstehen die
– mühsam herbeiregierten – „knappen Kassen“, die wiederum ganz „natürlich“
erfordern, dass bei den „Leistungen“ gespart und mehr Konkurrenz
zwischen allen Leistungserbringern organisiert wird.
§
Andererseits sind aber
die Beiträge die Ressource, aus der die Waren und Dienstleistungen der gesamten
Gesundheitsbranche versilbert werden. Diese Branche hat wie jede andere ein Recht
auf Wachstum, das ihr die Hüter des Standortes auch keinesfalls bestreiten
wollen. Ganz im Gegenteil: Das hochmoderne deutsche Gesundheitswesen und seine
zuliefernden Industrien, sollen nicht nur den nationalen, sondern am besten
gleich den ganzen Weltmarkt bedienen und, soweit möglich, „beherrschen“, damit
ihre Geschäfte die nötigen Renditen abwerfen.
Dieser Widerspruch ist seit jeher der Gegenstand der
Gesundheitspolitik im Kapitalismus. Sie erfindet immer neue Konstrukte, die die
Vereinbarkeit der beiden gegeneinander stehenden Imperative bewerkstelligen sollen.
Dabei tritt z. B. die Senkung der Lohnnebenkosten, also die Kürzung des
Beitragsaufkommens, in Gegensatz dazu, dass wegen der bedeutsamen Geschäftserfolge
der Gesundheitsindustrie nicht weniger Geld verfügbar sein darf. So erzeugen
Entscheidungen für eine Art, den Widerspruch zu vereinbaren, fortwährend neuen
Handlungs- und Reformbedarf. Das Resultat sieht in der neuesten Fassung
ungefähr so aus:
Weil
der Lohn die Finanzierung der Krankheitskosten nicht mehr hergibt, also
die Einnahmeseite Not leidend wird, suchen die Reformpolitiker nach
neuen Finanzierungsmethoden, denn irgendwo muss das Geld ja herkommen, mit dem
die Gesundheit und damit die Brauchbarkeit des Volkes gepflegt werden soll und
das andererseits eine volkswirtschaftlich so verantwortungsvolle Aufgabe hat.
Dazu wird als „Eckpunkt“ der „Jahrhundertreform“ ein Gesundheitsfonds
erfunden. In der Debatte ist darüber hinaus, dass der Gesundheitsfonds nicht
nur die Kassenbeiträge einsammeln, sondern zusätzlich mit Steuermitteln und
Solidarbeiträgen der Privatversicherungen bestückt werden soll. Neue
Quellen über die Abzüge vom Lohn hinaus sollen so zur „Verbreiterung der
Finanzierungsbasis“ der Krankenversicherung aufgetan werden, die aber nicht
durch weitere Beitragsaufschläge die Lohnkosten für die Kapitalisten verteuern
sollen: Mehr Geld muss „ins System“, aber das darf den Zug zum Niedriglohn
nicht aufhalten, weshalb die Gesundheitskosten „vom Lohn entkoppelt“ werden
sollen. Es soll also Schluss sein mit dem Automatismus, dass steigende Beiträge
zum Gesundheitssystem immer auch gleich über den Arbeitgeberanteil die
Lohnkosten steigern. Das ist das ganze Geheimnis der viel zitierten „Verbreiterung
der Finanzierungsbasis“ für die gesetzlichen Krankenversicherungen.
Uneinigkeit
herrscht innerhalb der Koalition und der Parteien über das Ausmaß, das diese
„Verbreiterung“ annehmen soll, wer also außer den Lohnempfängern künftig
mitzahlen soll:
§
Die SPD will mehr
Besserverdienende in die gesetzliche Krankenversicherung zwingen und nimmt
dafür sogar die Beschädigung eines ganzen Geschäftszweigs der
Versicherungsbranche, der Privaten Krankenversicherung, in Kauf.
§
Die C-Parteien setzen
auf mehr Steuermittel für den Gesundheitsfonds. Diese Mittel sollen
z. B. in Form eines „Gesundheits-Soli“ erhoben werden, der den Massen das
Geld, das man braucht, als Steuer abnimmt. Dafür wird die PKV geschont, die
doch ein ordentlicher „Wirtschaftsfaktor“ ist. Die gesetzlich Versicherten
würden dann die Erhöhung ihrer Kassenbeiträge künftig als Steuererhöhung
zahlen, was für sie auch nicht billiger wäre, aber die Lohnsumme nicht erhöhen,
sondern „nur“ ihren Nettolohn senken würde.
Die politisch verantwortlichen Reformer bewahren sich
in dieser x-ten „Jahrhundertreform“ nicht nur die Kompetenz, die Höhe des
Beitrags an die Kassen festzulegen. Als die Manager des Gesundheitsfonds entscheiden
sie auch darüber – auch wenn sie über Details noch munter streiten –, wie viel
an Steuer- und anderen Mitteln sie einfließen lassen wollen, um so ganz
souverän darüber zu bestimmen, auf welche Seite des von ihnen gestifteten und
verwalteten Widerspruchs sie sich gerade mehr schlagen wollen:
§
Kosten sparen bei der Betreuung der Volksgesundheit;
oder
§
Kosten decken auf Kosten von Beitrags- und
Steuerzahlern; oder
§
die Einnahmen
der Kassen wachsen lassen – auf Kosten der stets zu knappen Mittel des
Fiskus,
§
oder sogar, wie für
2007 geplant, den Beitragssatz, also die „Lohnnebenkosten“ erhöhen.
Ein „verbessertes Gesundheitswesen“ – samt all den Geschäftsgelegenheiten, die es bietet – kostet eben auch etwas – dies ist die negative Seite des Widerspruchs –, aber – dies dessen positive Seite – diese Kosten leisten immerhin einen Beitrag zum deutschen Wirtschaftswachstum. Unter dem strengen Gebot der „Kostensenkung“ soll gleichzeitig das Geschäft mit der Medizin am Laufen gehalten werden und sogar wachsen dürfen. Wie das geht? – Da hilft ein weiteres Axiom nicht nur dieser Reformabteilung: Die beste Gesundheitspolitik ist die, die den Prinzipien des Geschäfts auf dem Feld des Gesundheitswesens noch stärker Bahn bricht. Das führt zu einer nicht besonders erfindungsreichen Diagnose, die auch schon das ganze Therapieprogramm beinhaltet: Die mangelnde Konkurrenz im Gesundheitswesen soll Grund allen Übels sein, mehr Wettbewerb soll alles billiger machen.
Von wegen also „Totalversagen“: Die Reformvorhaben sind die Fortsetzung der Politik, die widersprüchlichen Zielsetzungen des Gesundheitswesens im Kapitalismus vereinbar, also politisch „praktikabel“ zu machen: Der Widerspruch zwischen stets kostenbewusster Wiederherstellung der Bürger und einer dafür dienlichen wachstumsorientierten und konkurrenztüchtigen Gesundheitsindustrie auf Weltniveau wird zeitgemäß gesundheitspolitisch fortentwickelt.