GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 24. Mai 2006
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 22. Mai
2006
Nach
den Wahlen in Israel:
Wie die Große Koalition der „gemäßigten“ Kräfte in Jerusalem
einseitig die Vergrößerung Israels erzwingen will
Bei den Wahlen in Israel Ende März
sollen sich mit dem Sieg der Kadima-Partei die „gemäßigten“ Politiker
durchgesetzt haben: Eine ausreichende Wählermehrheit stimmte damit für Olmerts
„Konvergenz-Plan“, der eine Konsolidierung des israelischen Staates neben
palästinensischen Territorien vorsieht, die durch unüberwindliche Grenzanlagen
abgetrennt und aus der israelischen Besatzung entlassen werden sollen. Wie
schon Scharon fügt sich die neue Regierung formell Amerikas
Ordnungsvorstellungen von „zwei lebensfähigen Staaten nebeneinander“ – Israel
und Palästina –, wobei das palästinensische Staatswesen nur sehr bedingt souverän
sein wird, weil es den israelischen Sicherheitsbedürfnissen unterworfen bleibt.
Die Wahl beantwortet die Frage, die
das jüdische Volk spaltet, ob Israel auf seinem zionistischen Anspruch auf das
ganze biblische Palästina besteht oder ob es ein von ihm abhängiges und
kontrolliertes palästinensisches Gemeinwesen in möglichst engen Grenzen duldet,
um endlich ein „normaler Staat“ zu werden. Regierungschef Olmert nennt die von
ihm angestrebte zweite Alternative „Realismus“:
„Meines Erachtens ist das ganze Gebiet zwischen dem Jordan und dem Meer integraler Bestandteil unseres Landes. … Aber die Realität ist bisweilen komplex. … Deshalb steht die Entscheidung an, ob Israels Identität als Judenstaat verloren geht, oder ob man ein Stück Land preisgeben muss, damit Israel ein jüdischer Staat bleibt.“ (Haaretz, 27.4.)
Die neue Regierung gibt den
fundamentalistischen Anspruch, ganz Palästina in Besitz zu nehmen, also nicht
grundsätzlich auf. Dessen Realisierung stehen allerdings die westlich des
Jordans lebenden arabischen Palästinenser buchstäblich im Wege; denn Nichtjuden
passen nicht zum Konzept Israels als einer Heimstatt für Juden, also eines
möglichst rein-jüdischen Staates. Wenn ein araberfreies Westjordanland aber
selbst in den Zeiten von Bushs Antiterrorkrieg nicht zu erreichen ist, will
Olmert lieber auf einen Teil des „gelobten Landes“ verzichten und ihn den
arabischen Palästinensern als Reservat zuweisen, als mit der Annexion des
gesamten Gebietes auch die dort lebenden Fremdstämmigen und Andersgläubigen einzugemeinden.
Mit dieser einseitig angestrebten staatsrechtlichen Lösung will der jüdische
Staat seinen gegenwärtigen Status verbessern, soweit es die USA zulassen und
unterstützen:
„Die Grenzen Israels,
die sich in den kommenden Jahren herausbilden [!] werden, werden sich
deutlich vom heutigen israelischen Territorium unterscheiden.“ (Olmert
in seiner Antrittsrede vor der Knesset.)
Dafür soll möglichst noch 2006 die
Mauer im Westjordanland fertig gestellt und in dieser Legislaturperiode als
(provisorische) Staatsgrenze international durchgesetzt werden. Durch die
Einbeziehung der großen Siedlungsblöcke um Jerusalem herum und den Bau der
Sicherheitsanlagen auf palästinensischem Gebiet plant Israel, über 40 Prozent
des besetzten Territoriums zu annektieren; zudem soll Ostjerusalem endgültig
Bestandteil „unserer vereinigten Hauptstadt“ (Olmert) werden; schließlich beansprucht
Israel auch das Jordan-Tal für sich, um die Ostgrenze zu Jordanien zu
kontrollieren.
„Der Sicherheitszaun wird an die im Osten und Westen festgelegten Grenzen angepasst. Der Aktionsradius unserer Sicherheitskräfte wird nicht begrenzt werden, sondern wird sich der Sicherheitslage anpassen, mit der wir es zu tun haben.“ (Olmert, ebenda.)
Mit der hermetischen Grenze zu den
Palästinensergebieten will die neue Regierung den Krieg gegen die Palästinenser,
von dessen Fortdauer Israel ausgeht, aus dem Staatsgebiet Israels
hinausverlagern. Aus Sicherheitsgründen sollen die 70 000 Siedler, die
derzeit noch außerhalb des Befestigungsrings wohnen, in die noch auszubauenden
Großsiedlungen innerhalb des Mauerrings umgesiedelt werden. Israels Armee soll
sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen, um, wenn immer es geboten
erscheint, vom sicheren israelischen Staatsgebiet aus „terroristische Ziele“ in
den Palästinenser-Gebieten angreifen zu können.
„Wir haben nicht die Absicht, allein vorzugehen. Wir werden konsultieren, diskutieren, reden, und ich bin sicher, dass wir Übereinkünfte erzielen werden, die eine breite Basis internationaler Unterstützung für unsere Maßnahmen schaffen, zuerst und vor allem mit unserem Verbündeten und engen Freund, den Vereinigten Staaten unter Präsident Bush, und ebenfalls mit unseren Freunden in Europa.“ (Olmert, ebenda.)
Die Führung in Jerusalem will zwar
nicht alleine handeln, aber ohne die Palästinenser, die nach den
Oslo-Verträgen und der „Roadmap“ über die „Endstatus“-Fragen gleichberechtigt
mitverhandeln sollten. Sie will einseitig – nur in Absprache mit den USA
und deren Verbündeten – den Status Israels und der palästinensischen Gebiete
festlegen. Nicht zuletzt, um eine für Israel noch günstigere Lösung offen zu
halten, will Jerusalem nur ein stabiles Provisorium schaffen. Die
Verpflichtung zu Endstatus-Gesprächen über eine abschließende, völkerrechtlich
verbindliche Regelung der Palästinafrage, soll damit endgültig vom Tisch.
Olmert hofft nicht nur auf das Plazet der USA zu seinem Konvergenz-Plan, das
Israels Regelungen internationale Verbindlichkeit geben würde und das Bush
mittlerweile während Olmerts jüngstem Besuch in Washington in Aussicht gestellt
hat, sondern auch auf großzügige US-Beihilfen, weil dieses Projekt Israels
finanzielle Möglichkeiten bei weitem überfordert. Zudem liegt ihm daran, dass
Amerika auf die maßgeblichen arabischen Staaten einwirkt, diese Lösung der
Palästinenserfrage nicht nur hinzunehmen, sondern auch noch mit der
Normalisierung ihrer Beziehungen zu Israel zu honorieren. Wie schon sein
Amtsvorgänger Scharon hält Olmert die fast uneingeschränkt positive Haltung der
derzeitigen US-Regierung zu Israel für eine „einzigartige Chance“ und will
darum das Projekt bis zum Ende von Bushs Amtszeit durchgesetzt und abgesegnet
haben.
Fürs Erste will der israelische
Regierungschef die Zustimmung der Weltordnungsmächte zu seinem einseitigen Vorgehen
erreichen. Zweitens will er dafür sorgen, dass das Palästinenser-Ghetto
jenseits der israelischen Grenzen keinesfalls ein lebensfähiges politisches
Gebilde wird, um so der Bevölkerung jede Hoffnung auf aushaltbare
Lebensbedingungen in den Territorien auszutreiben. Drittens tut er alles dafür,
die USA davon zu überzeugen, dass jeglicher Versuch, ein palästinensisches
Gemeinwesen neben Israel zu etablieren, notwendig die Gefahr des Terrorismus im
Nahen Osten erhöhe.
Dafür bemüht sich Israel um immer
neue Beweise, dass es auf palästinensischer Seite „keinen Friedenspartner“
habe, also gezwungen sei, einseitige Schritte zu unternehmen, solange
die neu gewählte Hamas-Regierung sich weigert, ohne israelische Gegenleistung
das Existenzrecht des jüdischen Staates anzuerkennen, jeglichen Widerstand zu
entwaffnen und in Verhandlungen einzutreten. Gegenüber dem PLO-Präsidenten
Abbas, der sich als Alternative zur Hamas-Regierung anbietet und von den USA
als vertrauenswürdiger Politiker anempfohlen wird, verfährt Olmert nach dem erfolgreichen
Vorbild Scharons: Abbas‘ Forderung nach „vertrauensbildenden Maßnahmen“ mittels
Einlösung der israelischen Verpflichtungen aus der Roadmap – Siedlungsstopp,
Einstellung des Mauerbaus, Erleichterung der Lebensverhältnisse, Einrichtung
sicherer Passagen zwischen Westjordanland und Gazastreifen, Freilassung von
Gefangenen, Einstellung der Liquidierungsaktionen – werden zurückgewiesen.
Stattdessen beharrt Israel auf seinem unverhandelbaren Katalog der Vorbedingungen
für jegliche Verhandlung: Zerstörung der „Infrastruktur des Terrors“,
Entwaffnung der Milizen und Einstellung anti-israelischer Agitation. Jetzt
kommt noch die Aufforderung zum Sturz der Hamas-Regierung hinzu. Olmert weiß
genau, dass der Palästinenser-Präsident, selbst wenn er diese Kapitulationsforderungen
akzeptierte, gar nicht die Macht hat, sie durchzusetzen. Die Unerfüllbarkeit
der Bedingungen ist gerade Bestandteil der Taktik Jerusalems, zu zeigen, dass
auch Abbas nicht die Lösung, sondern selbst Teil des palästinensischen Terrorismus-Problems
sei.
Mit
den Militäraktionen („außergerichtlichen Tötungen“, Razzien und
Massenverhaftungen) und Sicherheitsmaßnahmen (Vervielfachung der Straßensperren
im Westjordanland, Einrichtung einer kilometerbreiten Todeszone im Gazastreifen
als Reaktion auf die Angriffe durch Kassam-Raketen, immer häufigere totale Abriegelung
der besetzten Gebiete) untergräbt Israel jedes normale Leben im Westjordanland
und erstickt Hoffnungen im Gazastreifen, nach dem Rückzug der israelischen
Besatzer würden sich die Lebensverhältnisse bessern. Nach dem Wahlsieg der
Hamas erklärte die Regierung Olmert, dass sie die palästinensische
Autonomieverwaltung jetzt als „Terrorregime“ ansieht und eine Bevölkerung, die
diese Führung gewählt hat, dafür büßen soll. Was ein israelischer Minister
zynisch „den Palästinensern eine Diät verordnen“ nennt, sieht praktisch so aus,
dass nicht nur die Staatsbediensteten keine Gehälter ausgezahlt bekommen, weil
Israel die palästinensischen Zoll- und Steuereinnahmen einbehält, sondern dass
auch die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen zeitweise unterbunden bzw.
dauerhaft drastisch reduziert wird. Die israelische Armee macht die Grenzen zum
Gazastreifen und den besetzten Gebieten nach Belieben dicht, so dass der Import
von Nahrungsmitteln, medizinischen und sonstigen lebenswichtigen Gütern
zeitweise ganz unterbrochen, ansonsten auf ein unerträgliches Minimum reduziert
wird.
Die ohnehin mit wenig Nachdruck vorgetragenen Appelle der US-Regierung, die humanitäre Situation in den palästinensischen Gebieten nicht noch mehr zuzuspitzen, kontert die israelische Regierung regelmäßig mit ihrer Verantwortung für die Sicherheit der eigenen Bürger. Selbstmordanschläge und Angriffe mit Kassam-Raketen kommen da wie gerufen als Beweis, dass die Sicherheitslage sich trotz Mauerbau und Rückzug aus dem Gazastreifen nicht grundlegend gebessert habe. Im Gegenteil, der Streit zwischen Fatah und Hamas, der nicht zuletzt wegen des Vorgehens der israelischen Armee angeheizt wird, belegt für die Regierung Olmert, dass die Palästinenser nicht in der Lage seien, ein geordnetes Gemeinwesen zu organisieren. Das dort herrschende Chaos sei der beste Beweis dafür, dass die Palästinenser insgesamt ein terroristischer Sumpf seien, Bushs Vision eines „friedlichen Nebeneinander zweier Staaten“ sei also eine gefährliche Illusion.
Teil 2 „Nach dem Hamas-Wahlsieg“ folgt am 29./31.05.06)