GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 8. März 2006
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 13. März 2006

5 Wochen Streik
– bei der AEG für den abgefederten Fall in die Arbeitslosigkeit
– im öffentlichen Dienst gegen den arroganten Kommandostil von Ministerpräsidenten und die Gutsherrenart von Oberbürgermeistern

Man glaubt es kaum: Deutsche Gewerkschaften streiken. Und zwar nicht bloß symbolisch und ein bisschen, sondern richtig. Die IG-Metall legt in Nürnberg bei AEG den Betrieb lahm, weil er ins Ausland verlagert werden soll, und im öffentlichen Dienst organisiert die zweitgrößte Gewerkschaft ver.di in immer mehr Bundesländern Arbeitsniederlegungen gegen die Erhöhung der Wochenarbeitszeit und die Streichung von Zulagen. Dabei setzt sie sich über den öffentlichen „Sachverstand“ hinweg, demzufolge Beschäftigte im öffentlichen Dienst zwar gute Gründe zur Unzufriedenheit haben mögen, ein Streik deswegen aber noch lange keine guten Gründe auf seiner Seite hat. Klar, man ist voller Verständnis für Müllmänner, die es schwer, und für Kita-Mitarbeiterinnen, die nicht viel Geld haben und die mehr brauchen. Aber wenn die zuständigen Minister und Stadtkämmerer beschließen, an den Beschäftigten zu sparen, dann gibt es aus Haushaltskassen, die wegen eben dieser Beschlüsse „leer“ sind, auch nichts zu verteilen. Auch die Beschäftigten im Nürnberger AEG-Werk finden jede Menge Verständnis: Ihr Standort ist dem Vernehmen nach rentabel und wird bloß geschlossen, weil in Polen und Italien noch mehr Profit zu machen ist. Aber auch hier weiß der „Sachver­stand“: Nicht Profitgier des schwedischen Konzerns sei für die Verlagerung verantwortlich, sondern der „gnadenlose Konkurrenzkampf“ auf den Weltmärkten. Also brächten in beiden Fällen Streiks nichts.

Alles Verständnis der Öffentlichkeit mündet also in die Aufforderung ein, sich dem zu fügen, was die öffentlichen und privaten Arbeitgeber verlangen. Dabei ist es nicht ohne, was in den Unternehmen inzwischen so an Sitten im Umgang mit den Beschäftigten eingerissen ist.

·         Da mag die Betriebsleitung beim AEG-Werk in Nürnberg, das geschlossen wird, zuerst einmal von einem Sozialplan nichts wissen. Ein solcher Plan ist üblicherweise das tolle Angebot, sich doch in einer anderen Werksniederlassung – womöglich Hunderte km entfernt und für weniger Lohn – nützlich zu machen oder geregelt in eine mit Abfindungszahlung abgefederte oder per Beschäftigungsgesellschaft aufgeschobene Arbeitslosigkeit überführt zu werden. Von dem Streik, mit dem die Gewerkschaft daraufhin einen Sozialtarifvertrag erkämpfen will, lässt sich die Firma eine Zeit lang überhaupt nicht beeindrucken und bietet dann ein „großzügiges Sozialpaket von 100 Millionen“ an. Weil die Streikenden sich damit aber nicht abspeisen lassen wollen, erinnert die Firma sie daran, dass die bestreikten Arbeitsplätze immer noch ihr gehören. Sie „droht damit, die für das Ende 2007 geplante Werksschließung um ein Jahr vorzuziehen“ (FAZ, 14.2), wenn sie sich weiter wehren.

·         Wie man mit dem Novum eines tariflosen Zustandes in der öffentlichen Tariflandschaft das Lohnniveau aufmischt, führen die Arbeitgeber in Bund, Ländern und Kommunen erfolgreich vor. Bei denen gibt es seit Oktober letzten Jahres den famosen „Jahrhundert-Tarifvertrag“, in dem „Zulagen gestrichen, Jahresarbeitszeitkonten (38,5 Stunden) eingerichtet, neue Niedriglohngruppen installiert wurden. Und auch die unterschiedliche Bezahlung je nach Leistung ist jetzt möglich.“ (Die Zeit 6/2006) Dieses Machwerk haben die Länder mitverhandelt, aber dann die Unterschrift verweigert. Nicht weil sie dagegen waren, sondern weil es ihnen so gut gefiel, dass sie in ihrem Heißhunger auf Mehrarbeit und Lohneinsparung gleich noch mehr davon wollten, nämlich 40 oder 42 Stunden Arbeitszeit und die Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeldern. Und wie kriegt man das hin? „Jeder Tag ohne Tarifvertrag ist ein guter Tag und wird genutzt.“ (Möllring, Niedersachsens Finanzminister, Vorsitzender der Tarifgemeinschaft deutscher Länder [TdL], FAS, 12.2.) Man tastet die Altverträge der Landesbeschäftigten nicht an und gewährt ihnen die Gnade des Auslaufmodells, neue Arbeitskräfte werden dagegen zu den einseitig festgesetzten neuen Bedingungen eingestellt. Das schafft neue Fakten, die in künftigen Tarifverhandlungen schon wegen der „Gerechtigkeitslücke“ zu berücksichtigen sind!

·         Was die Länder wollen, das können auf ihre Weise auch die Gemeinden: Sie nützen aus, dass der gerade abgeschlossene Tarifvertrag eine Ausnahmeklausel zur Arbeitszeit enthält, die ihnen die Freiheit zur Kündigung der Arbeitszeit-Regelung gibt. Sie wollen nicht bloß eine begrenzte Zahl von Extravorteilen an unbezahlter Arbeitszeit für sich herausholen, sondern diesen Vorteil allgemein durchsetzen und praktizieren ihr gutes Recht als Arbeitgeber, den Sonderfall einfach zum Regelfall machen zu dürfen!

Wo ver.di gegen diese „lächerlich wenigen“ und deswegen angeblich locker „zumutbaren 18 Minuten unbezahlte Mehrarbeit am Tag“ (FAZ, 7.2.) Streiks organisiert, wird den Gemeindebediensteten vom Präsidenten des Städtetages, Münchens SPD-Oberbürgermeister Ude, die schöne Alternative vorbuchstabiert, sich entweder durch Outsourcing bei privaten Arbeitgebern oder statt Outsourcing bei Vater Staat schlechter zu stellen. Der bayerische Ministerpräsident Stoiber kündigt den Austritt aus der TdL an, wenn die Mehrheit der Länder nachgeben sollte. Er droht, die Arbeitsbedingungen ohne jede Tarifbindung zu diktieren, wenn er von ver.di nicht die tarifvertragliche Zustimmung zu den 42 Arbeitsstunden bekommt, die der Freistaat Beamte und neu eingestellte Angestellte bereits arbeiten lässt.

Kein Wunder, dass es den Leuten reicht. Wie sollte ihnen die Verschärfung ihrer Arbeitsbedingungen, ergänzt um bescheideneren Lohn auch nicht stinken?! Die Gewerkschaft organisiert die Empörung ihrer Mitglieder und fährt in den Urabstimmungen beeindruckende Zustimmungsraten ein. Der ganze Impuls des Aufbegehrens wird vom DGB-Chef auf den Begriff gebracht: „Irgendwann ist das Maß voll.“ (Sommer, SZ, 4.2.) – und in diesem Begriff liegt dann auch die Schwäche des gewerkschaftlichen Auftrumpfens: Es ist nämlich defensiv und sehr nachgiebig.

Erstens verrät rückblickend „der erste Arbeitskampf im öffentlichen Dienst seit 14 Jahren“ (FAZ, 7.2.), was ver.di seit all den Jahren an Rationalisierungsrunden, Arbeitsverdichtungen, Lohnkürzungen, Outsourcing usw. hingenommen hat. So ist im bekanntlich so arbeitsplatzsicheren öffentlichen Dienst inzwischen kein Arbeitsplatz mehr sicher und auf den verbliebenen Stellen machen zwei Leute die Arbeit von früher fünf. Nicht besser bei den Metallern und ihrem Streik bei der AEG, wo das Lohnniveau in den letzten Jahren gemäß dem Pforzheimer Abkommen in Tarifverträgen auf Armutsniveau herunterreguliert worden und das Arbeitstempo rasant gestiegen ist.

Zweitens soll durch den Streik auch nichts von dem rückgängig gemacht werden, was sich an Mehrarbeit mit Lohnsenkung in den letzten Jahren angesammelt hat. Eine Revision des für die Betroffenen wenig bekömmlichen Umstands, dass „die Lohnstückkosten in der rot-grünen Regierungszeit um zehn Prozent gefallen“ sind (Spiegel 6/2006), kommt für die IG Metall nicht in Frage. So viel Mitgliederverarmung musste und muss man weiterhin hinnehmen. Auf den Putz haut sie bei AEG, wenn alles zu spät ist, weil der Konzern die Beschäftigten für seinen Profit überhaupt nicht mehr braucht. Dann wehrt sie sich mit aller Kraft, fordert, um das Allgemeinwohl besorgt, dass der Betrieb einfach nicht sterben, die Region nicht verelenden dürfe, und rechnet der Firma vor, dass sie mit 400 Millionen Euro für einen Sozialtarifvertrag doch viel günstiger davonkomme als sich vor Arbeitsgerichten einer Flut von Prozessen wegen der Kündigungen erwehren zu müssen. – ver.di empört sich, dass die öffentlichen Arbeitgeber „statt die Möglichkeit des neuen Tarifvertrags für eine flexible und kostengünstige Arbeitszeitgestaltung zu nützen, sogleich die Arbeitszeitbestimmungen komplett gekündigt“ haben (ver.di-Vor­stands­mitglied Martin, FAZ, 7.2.) Damit unterschreibt die Dienstleistungsgewerkschaft alle Verschlechterungen des Verhältnisses von Lohn und Leistung punktgenau bis zum Datum der letzen Tarifvereinbarung. Aber ab dann lässt sie sich definitiv nichts mehr an Rücksichtslosigkeit von öffentlichen Arbeitgebern gefallen, ‚verschärft den Ton‘ und klagt mit der Parole ‚38,5 muss bleiben!‘ das alte Zeitmaß an kostengünstiger Arbeiterflexibilität samt Ausnahmeregelungen à la carte als Segen für die eigene Klientel ein.

Drittens laufen die gewerkschaftlichen Verhandlungsführer da zu großer Form auf, wo sie mitten im Streik der Gegenseite unzumutbare Verstöße gegen guten Stil und höfliche Sitten im Klassenkampf vorhalten können. Die IG Metall in Nürnberg jammert über das Fehlen „einer Delegation mit Entscheidungskompetenz am Verhandlungstisch“ samt „klarer Botschaft des Konzerns“ (FAZ, 14.2.), und tief empört prangert ver.di den arroganten Kommandostil von Ministerpräsidenten und die Gutsherrenart von Oberbürgermeistern an, die „selbstherrlich“ einen geschlossenen Tarifvertrag nicht unterschreiben bzw. ‚bloß‘ vier Monate später selbigen kündigen. Dagegen wird gestreikt, was das Zeug hält, „bis die Arbeitgeber einsehen, dass sie den Beschäftigten nicht einfach befehlen können, wie lange gearbeitet wird.“ (Bsirske, ebd.)

Damit macht die Gewerkschaft viertens den Streikwillen zu einer Frage der gewerkschaftlichen Ehre und wirbt konsequenterweise für ihr Anliegen nicht mit dem Interesse an Lohn und Arbeitszeit. Umgekehrt geht sie mit antimaterialistischen Rechtfertigungen für den Streik bei Mitgliedern und in der Öffentlichkeit hausieren. Die Parolen bei der AEG bedienen voll die nationale Gemütslage, wenn darauf herumgeritten wird, dass da ein schwedischer Konzern deutsche Arbeitsplätze nach Polen und Italien verschiebt! Ein Kapitalkonzern mit deutschem Ahnenpass, der einfach bloß die Nürnberger Niederlassung platt macht, wäre das eher nach dem Geschmack der IG Metall?! Und ver.di beschwert sich allen Ernstes, dass Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzung zur Schädigung der kreuzbraven Leistungsbereitschaft ihrer Mitglieder führten und damit „unser“ Gemeinwesen beeinträchtigten: „Die ständigen motivationsschädigenden Kürzungen im öffentlichen Dienst müssen aufhören.“ (Bsirske, ver.di-Vorsitzender, Spiegel 6/2006). Solche Streikbegründungen mit dem Dienst am Allgemeinwohl sind schon das halbe Unterwerfungsangebot an die Unternehmerseite.

Es reicht diesen Gewerkschaften nicht, dass ihre Streiks von dem armseligen Stolz leben, sich nicht alles gefallen zu lassen, und das klägliche Anliegen verfolgen, – wenn möglich – den hingenommenen Schaden ein wenig zu begrenzen. Auf diesen schlechten Zweck satteln sie einen noch schlechteren drauf und werden politisch. Die Gewerkschaften bringen sich und ihre Macht in Erinnerung und pochen auf ihren Beitrag zum Funktionieren der Klassengesellschaft: „Wer glaubt, die Gewerkschaften spielen keine Rolle mehr in diesem Land, der irrt gewaltig.“ (Bsirske, Spiegel 6/2006) Mit zuständig zu sein bei der Abwicklung der beständig anfallenden Schadensfälle des proletarischen Fußvolkes, die Verelendung echt „sozial“ und „gerecht“ zu betreuen – bei all dem ein Wörtchen mitzureden und für diese „gestaltende Rolle“ anerkannt zu werden, dieses Recht lässt sich unsere Gewerkschaft nicht so einfach wegnehmen.

 www.neusser-monat.de (14.03.2006)