„Neuss gegen Rechts“
Kritik einer
antifaschistischen Demonstration
Anfang
August hatte das Bündnis „Neuss gegen Rechts“ zu einer „gewaltfreien Kundgebung mit Demonstrationszug“ aufgerufen. Anlass
waren die zunehmenden Aktivitäten der NPD und ihrer befreundeten Organisationen
in und um Neuss. Antifaschisten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Grüne,
Glaubensbrüder und –schwestern – eben repräsentative Vertreter des aufrechten
Neuss – trafen sich, um ihren Unmut im Namen ihrer Heimatstadt kund zu tun.
Demokraten
contra Nazis
Angeführt
wurde der Demonstrationszug von der Neusser Antifa-Gruppe. Auf einem großen
Transparent beklagte sie die Abschiebepraxis in Deutschland. Ihnen folgten
Grüne und Sozialdemokraten, deren Parteien für die Verschärfung des
Ausländerrechts und der Abschiebepraxis zuständig waren oder sind. Trotz aller
Gegensätzlichkeiten einte sie das gemeinsame Anliegen, den Faschisten keinen
Fuß breit Raum in Neuss zu überlassen.
Nun
mochte die Antifa-Gruppe mit ihrem Spruchband die hinterher laufenden
Parteianhänger von SPD und Grünen tadeln, dass selbst in deren Reihen
vermeintlich rechtes Gedankengut praktisch geworden sei.*
Aber so ernst scheinen die Neusser Antifa’s ihre
Kritik am alltäglichen Tun der Regierung und Teilen der Opposition nicht zu nehmen.
Schließlich wissen sie sich einig mit ihnen in dem Ziel, die Demokratie gegen
den Faschismus zu schützen. Sie vermuten, dass die
„zunehmenden Aktivitäten … ein eindeutiges Zeichen (sind), dass die NPD bei den
kommenden Kommunalwahlen den ‚Marsch durch die Institutionen’ antreten will.“
(Aufruf zur Demo) Dass bisweilen das Fußvolk der Nazis seine mörderischen
Deutschlandphantasien an „undeutschen Elementen“ auslebt, ist nicht ihre
Kritik. Vielmehr machen sie sich Sorgen um eine saubere, von rechten Elementen
befreite Staatsgewalt.
Was die so alles anstellt, muss hinter der vermeintlich drohenden
Gefahr zurückstehen. Die ausgefeilte Ausländersortierung und –benutzung sowie
die kalkulierte Abschiebung durch die
demokratische Staatsgewalt, ist der plumpen „Ausländer raus – Deutschland den
Deutschen“ - Strategie der Nazis weit überlegen. Eine demokratische
Arbeitsmarktpolitik, die mit 1-Euro-Jobs ein riesiges Heer von
Billigstarbeitern geschaffen hat, das zum Wohle des Gemeinwesens vernutzt wird,
macht dem Ideal des faschistischen Arbeitsdienstes durchaus Konkurrenz. Und
nicht zuletzt der erfolgreiche Einsatz von deutschem Kapital und deutscher
Waffengewalt weltweit lässt das große Idol der Nazis blass aussehen.
Gewaltfrei
für die Staatsgewalt
Das
zweite Anliegen des Umzugs war die Demonstration der Gewaltfreiheit, die in der
öffentlichen Besprechung mehr Raum eingenommen hat, als der eigentliche Grund
der Demo.
Dabei
bedeutet das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit nicht die Ablehnung von Gewalt,
sondern ist eine Unterwerfungsgeste gegenüber der Staatsgewalt.
So
wird auf fast allen Anti-Nazi-Demos der Ruf nach dem Verbot von Naziaktivitäten
bzw. der NPD laut. Nichts erfreut das Herz des gewaltfreien Antifaschisten
mehr, als ein rigoroses Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft gegen die
„braune Pest“. Wenn sie dieses vermissen, meinen radikale Antifa’s, sie müssten
das Heft selbst in die Hand nehmen. Sie werden aber durch die Staatsgewalt mit
Knüppeln und Anzeigen umgehend eines Besseren belehrt. Dass sie von der
Staatsgewalt unter dem gleichen Gesichtspunkt wie die Nazis betrachtet werden,
wenn sie das Gewaltmonopol in Frage stellen, können sie als
Demokratieidealisten nur als Kumpanei der Staatsgewalt mit den Faschisten sich
erklären („Deutsche Polizisten schützen die Faschisten!“ - antifaschistische
Spruchweisheit). Schließlich haben radikale Antifaschisten als Vertreter des
besseren Deutschlands mit ihrer Rechtsauffassung, Faschismus sei keine Meinung,
sondern ein Verbrechen, vermeintlich die Agenten des Staates ins Unrecht
gesetzt – und sich zugleich von jeder Notwendigkeit entledigt, sich mit den
Nazisprüchen argumentativ auseinanderzusetzen.
Fazit
Die
deutsche Demokratie mag Faschisten nicht. Schließlich begründet sich das
Selbstbewusstsein und die weltweite Anerkennung der Republik ideologisch
auf ihrer Abgrenzung vom Hitler Regime
und dessen Verurteilung. Inhaltlich hat die Demokratie wenig an den Zwecken und
Zielen der Nazis auszusetzen, denn beiden ist der weltweite Erfolg Deutschlands
heilig. Lediglich in der Auswahl der Mittel zur Durchsetzung der nationalen
Ziele bestehen bisweilen erhebliche Differenzen.
Sich
auf die Ideale eines antifaschistischen Deutschlands zu berufen, das sich zur
Zeit erfolgreich nach innen und außen durchsetzt und so die Nazis historisch
wie aktuell blamiert, halten wir für einen Fehler. Zum Schluss sei erinnert an
Fischers Rechtfertigung des Serbien-Einsatzes der Bundeswehr: „Ich habe nicht
nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“ Auch
so geht Antifaschismus.
Nachtrag
Am
13. Oktober versammelten sich am Neusser Hauptbahnhof eine handvoll Nazis, um
gegen „staatliche Repression und Polizeiwillkür“ zu demonstrieren. Zeitgleich
trafen sich auf dem Marktplatz die Repräsentanten der offiziellen politischen
Szene in Neuss zu einer Mahnwache. Sie erklärten, dass sie sich von den
Rechtsextremen nicht das Heft aus der Hand nehmen ließen.
Mit
direktem Blickkontakt zu den Nazis rotteten sich auf dem Marienkirchplatz an
die tausend zumeist dunkle Gestalten mit radikalen Parolen zusammen. Die
Staatsgewalt wusste um die Gefährdung, die ihrem
Gewaltmonopol drohte, und organisierte den größten Bürgerkriegseinsatz, den
Neuss weder in der Vor-, noch. Nachkriegsgeschichte erleben durfte.
Die
Nazis fanden keine Beachtung, die „gewaltbereiten Chaoten vom schwarzen Block“
hatten keine Chance gegen die Übermacht der Staatsgewalt und die
Selbstdarstellung der Demokratie hatte gesiegt.
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*Da irrt die Antifa: Ausländersonderrecht und –diskriminierung
sind Ausdruck einer Sortierung der Bevölkerung ohne BRD-Pass nach ihrer
Nützlichkeit für den demokratischen
deutschen Staat und die deutsche Wirtschaft.