Nachdem im Radsport schon seit Jahren ein
Doping-Skandal den nächsten jagt, ein Spitzenfahrer nach dem anderen bei der
Tour de France positiv getestet wird und ganze Mannschaften des systematischen
Gebrauchs unlauterer Mittel überführt worden sind; nachdem sich in der letzten
Saison die Gerüchte verdichtet haben, dass auch „unser“ Telekom-Team gewisse
Doping-Probleme haben soll, und die Staatsanwaltschaft gegen Jan Ullrich
ermittelt; nachdem dann auch noch der „saubere Neuanfang“, den die sportliche
Leitung des deutschen Teams für die diesjährige Tour versprochen hat, durch
eine Serie von Geständnissen bereits im Vorfeld arg ramponiert worden ist und
nachdem sich dann nach der abermaligen Beschwörung eines Neuanfangs mit
neuerlichen Ehrenerklärungen, strafbewehrten Selbstverpflichtungen und der
heiligen Beteuerung, damit sei nun endgültig „alles auf dem Tisch“,
immer noch Leichen im Keller finden – da beschließen die Programmdirektoren von
ARD und ZDF den Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung. Die Verantwortlichen
vom deutschen Fernsehen stellen klar: Das ist nicht die Veranstaltung, die sie
bestellt haben. Und, was für eine Veranstaltung haben sie bestellt? Ein
Radrennen, in dem der Bessere eben gewinnt und nichts als die sportliche
Fairness zählt? Aber war da nicht noch was? Ein bisschen geht es beim Sport im
Fernsehen doch schon immer noch darum, wie die Deutschen abschneiden, oder?
Das
jedenfalls ist der Gesichtspunkt, von dem die ganze Sportberichterstattung
lebt. Sie besteht ja überhaupt in nichts anderem als darin, dass ein ganzes
Heer von Reportern und Kommentatoren vermeldet, was unter diesem Gesichtspunkt
von Interesse ist. Das fängt bei der Sportart an: Sendezeit und die Aufmerksamkeit
des Publikums werden konsequent auf die Sportarten gelenkt, in denen aus
nationaler Sicht Erfolge zu verbuchen sind. Das breite Publikumsinteresse an
einem Sport wächst, entsteht überhaupt erst und wandelt sich dementsprechend
mit den Siegen, die vermeldet werden können. Ist das massenhafte Interesse dann
einmal erfolgreich gestiftet, dann wird es auch nicht anders bedient als mit
Informationen darüber, mit wem man gerade mitfiebern darf, welche Chancen wir
uns ausrechnen dürfen, wer unsere Hoffnungen erfüllt und wer sie enttäuscht
hat. Ziemlich gleichgültig ist dabei, ob das Deutsche, dem man die Daumen
drücken soll, eine Nationalmannschaft wie im Fußball ist, oder eine Mannschaft,
die von einer deutschen Telefongesellschaft gesponsert wird, oder ein deutscher
Fahrer, der im kasachischen Astana-Team mitfährt. Überhaupt darf man nicht
allzu wählerisch sein, was den Gegenstand der Anteilnahme betrifft. Wenn gerade
nichts sportelnd Deutsches greifbar ist, wird man mit dem Hinweis unterhalten,
dass der Trainer der Schweizer Mannschaft ein Deutscher ist, es tut aber auch
die Mitteilung, dass der Architekt der Sportstätte, aus der man gerade
berichtet, einen deutschen Vater hat. Am schönsten ist es natürlich, es steht
ein richtig deutscher Weltstar wie Boris Becker im Tennis oder Jan Ullrich im
Radsport als „Idol“ zur Verfügung. Dann kennen die professionellen
Organisatoren der Öffentlichkeit endgültig kein Halten mehr. Auf allen Sendern
wird das Publikum dann dazu animiert, sich wie ein Mann hinter unsere Jungs zu
stellen, damit die mit ihren Siegen Ruhm und Ehre für Deutschland einlegen. Die
Stimmung, in die man sich versetzen lassen soll, wird einem in Gestalt der
national-verzückten Moderatoren in penetrantester Weise vorexerziert. Der
Zuschauer wird so auf den Standpunkt eingeschworen, dass alles, was unsere
Athleten dafür tun, um an der Weltspitze mitzumischen, unser aller Anerkennung
verdient. Der ganze Wahnsinn eines modernen Hochleistungssportlers, den er sich
antut, um außergewöhnliche Körperleistungen vollbringen zu können, wird
besprochen als etwas, was ihm – und damit uns! – unbedingt zur Ehre
gereicht. Dafür sind diese zu Idolen erhobenen Sportler der Nation umgekehrt
aber auch entsprechende Leistungen schuldig, und wenn sie die schuldig bleiben,
sind die professionellen Vertreter der Öffentlichkeit die Ersten, die unsere
Helden gnadenlos zur Schnecke machen. Im Namen des sportbegeisterten Publikums,
das ein Recht darauf hat, sportliche Erfolge zu sehen, treten sie fordernd der
sportlichen Elite entgegen. So als hätten die genauso verbissen trainierenden
Konkurrenten aus den anderen Nationen nicht ein Wörtchen mitzureden, wenn es
darum geht, wer gewinnt, verlangt man von den eigenen Sportskanonen Siege.
Sportler, die sowieso nichts anderes im Kopf haben, als mit Hilfe von Trainer,
Sportmedizin und Motivationstraining alles aus sich herauszuholen, werden
bezichtigt, sie ließen es am nötigen Leistungswillen fehlen. Jan Ullrich musste
sich neulich noch im Interview mit Fernsehmann Beckmann die Frage gefallen
lassen, warum er im Winter nicht härter trainiert, wenn er im Sommer immer bloß
Zweiter wird, und hatte sich anschließend auch noch dafür zu rechtfertigen,
dass er mit einem Weißbier gesehen worden ist. So einer ist nach dem Urteil
unseres Journalisten natürlich fehl am Platze, wenn es darum geht, auf dem Feld
des Sports Ehre für Deutschland einzulegen!
Bevor
aber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Moral vom sauberen und fairen
Wettkampf wichtiger wird als der Erfolg, den die Nation verdient hat und es
sich mit Grausen von einer Sportveranstaltung abwendet, in der
leistungssteigernde Drogen eingenommen werden, muss also viel passieren. Es
sind gerade die öffentlich-rechtlich bestellten Profis – ebenso wie ihre
Kollegen vom Privatfernsehen –, die mit der größten Unerbittlichkeit das Recht
der Nation auf sportliche Erfolge vertreten. Dies tun sie selbstverständlich
stets im Namen ihres sportbegeisterten Publikums. Dabei tun sie alles, um ihr Publikum
entsprechend zu fanatisieren und in einen Grad an nationalistischer Verblödung
reinzuquatschen, der ziemlich beeindruckend ist. Mit all den Mitteln, die die
moderne Kommunikationstechnik ihnen zur Verfügung stellt und mit dem
unverhohlenen Willen zur erfolgreichen Manipulation tragen sie den nationalen
Erfolgsstandpunkt in das sportliche Geschehen hinein, bis der alles
durchdringt. Nichts lassen sie unversucht, um ihr Publikum in die nationale
Hysterie zu versetzen, die sie z. B. rund um ein internationales
Fahrradrennen verbreiten. In dem Maße, in dem ihnen das gelingt, wird die
Veranstaltung zusätzlich noch zu einem Quotenrenner, auf den sich dann
auch noch das große Geschäft pflanzen kann: Fernsehrechte werden teuer
gehandelt, Firmen steigen als Sponsoren ein, sodass Geld beim Aufblasen des
Zirkus keine Rolle mehr spielt. Unternehmen machen eigene Mannschaften mit
großem Aufwand und allen verfügbaren Mitteln erfolgstüchtig, schließlich sollen
die als Werbeträger für ihre Produkte ganz vorne mitfahren. Damit ist dann
alles beieinander für eines jener nationalen Events, die in aller Munde sind
und denen sich niemand mehr so recht entziehen kann. Wie sehr so etwas wie die
Tour de France tatsächlich das Produkt einer von den Medien inszenierten Öffentlichkeit
ist, sieht man nicht zuletzt daran, dass mit dem Einstellen der
Fernsehübertragung sofort die ganze Veranstaltung in Frage gestellt ist. Und
die Mediengewaltigen handeln durchaus auch im Bewusstsein ihrer so gearteten
Macht:
„‚Für die Veranstalter ist das eine wirkliche Bedrohung‘, sagt Brender:
‚Ohne das Fernsehen steigen auch die Sponsoren aus.‘ Die Macht des Markts
Deutschland dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Struve.“ (SZ, 19.07.07)
Im Lichte dieser ihrer Verantwortung, also auch im
Bewusstsein des Gewichts ihrer Entscheidung haben sich die Spitzen der
deutschen Fernsehanstalten für eine Einstellung der Übertragung von der Tour de
France entschieden, sie bestehen darauf, dass diese Veranstaltung ihre
Inszenierung ist. Sie haben eine klare Vorstellung davon, wo der faire
Wettkampf aufhört und die unfaire Manipulation von sportlichen Leistungen
anfängt: Leistungssteigernde Veränderungen des Blutbildes durch Höhentraining
gehören heute zur seriösen Vorbereitung, der Gebrauch von unerlaubten Dopingpräparaten
aber ist grob unsportlich – jedenfalls dann, wenn er auffliegt. Und wo
nachweislich und insbesondere das eigene Team in unsaubere Praktiken verstrickt
ist, da sind sie es sich, dem Ansehen ihrer Anstalt, ihrem Publikum und dem
Sport überhaupt schuldig, auf Distanz zu gehen. Sie sehen sich aufgerufen, die
Glaubwürdigkeit der von ihnen geschaffenen Veranstaltung zu retten. Denn was
für ein Eindruck entsteht da! Man könnte ja glauben, dass uns für einen
Sieg jedes Mittel recht ist! Mit sportlichen Erfolgen, die unter so einem Stern
stehen, kann die Nation ja nicht mehr ungetrübt Ruhm und Ehre ernten.
Weil es darum geht, was für ein Bild die Nation
in der sportlichen Konkurrenz abliefert, weil das tatsächlich die Sache
ist, auf die es aus nationaler Sicht ankommt, ergeht an diejenigen, die in
dieser Konkurrenz die Nation repräsentieren, der eigentümlich doppelte und in
sich widersprüchliche Anspruch: Sie sollen unbedingt Konkurrenzerfolge erzielen
– aber fair. Dieser Nachsatz wird immerhin so ernst genommen, dass man sich aus
der Veranstaltung auch einmal zurückzieht, wenn sich der Schein ehrlichen
Einsatzes nicht mehr wahren lässt. Vormachen tut sich dennoch niemand etwas
über ihn. Mit der Beherzigung der Tugenden der Konkurrenz alleine, mit sportlich
fairem, ansonsten aber erfolglosem Verhalten ist kein Blumentopf zu gewinnen.
Umgekehrt sind Siege in der sportlichen Konkurrenz schon immer noch klar
erkennbar die Hauptsache, und wenn besagter Schein einer „fairen“ Sportlichkeit
einmal aufgeflogen ist, kommt die Sache mit der Ankündigung ehrlicher
Bemühungen um die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit dann auch wieder ins
Lot – zu besichtigen bei nächster Gelegenheit unter deutscher Regie: bei der
Straßenrad-WM in Stuttgart kommende Woche…
(Radiofassung von »Tour de France und schon wieder
Doping-Krise: Öffentlich-rechtliches Fernsehen ringt im Verein mit dem
T-Mobile-Team um die Glaubwürdigkeit des deutschen Radsports« in
GegenStandpunkt 3‑07, erschienen am
21.09.2007. Erhältlich im Buchhandel und beim GegenStandpunkt Verlag)