Die jährliche Veröffentlichung der weltweiten Rüstungsausgaben löst humanistische Reflexe aus
Unter dem Titel: „Die Welt rüstet auf!“ berichtet die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung von der aktuellen Statistik über die absolute Summe und nationale Verteilung der globalen Rüstungsausgaben – sie haben die Grenze von einer Billiarde Dollar überschritten. Gigantische Summen und immer mehr wird von Staaten für Kriegsgerät ausgegeben. Diesem Übel widmet das Blatt einen Kommentar.
„2006
war kein gutes Jahr für den Frieden. Statt friedlicher wird die Welt brutaler.
Was nützt es, darauf zu verweisen, dass weltweit 850 Millionen Menschen
hungern? Dass pro Jahr 80 Dollar genügen würden, einer Familie das Überleben zu
sichern – ein Klacks im Vergleich zu den Rüstungsausgaben. Armut und Gewalt,
das gehört in globalem Maßstab zusammen. In 25 der 40 am wenigsten entwickelten
Länder kam es im letzten Jahr zu gewaltsamen Konflikten. Es gibt kein
Patentrezept für Frieden, doch wer Gewalt stoppen will, muss Armut bekämpfen,
nicht Waffen exportieren. Gefragt sind Ideen und Geld. 2007 – ein gutes Jahr
für den Frieden?“
Apropos
Rüstung, da fällt dem Autor doch gleich der Hunger in der Welt ein, den man mit
den vielen schönen Rüstungsmilliarden stillen könnte. Und sogar billiger wär's.
Wie bitte? Mit den 1000 Milliarden könnte man mehr Hunger stillen als Kriege
führen? Was ist denn das für ein Vergleich! Da berichtet die Statistik von
laufend steigenden Rüstungsausgaben – und dem Kommentator fällt der Hunger ein.
Dass Rüstung Staaten bestellen, die dafür ihre guten Gründe wissen und
Armutsbekämpfung überhaupt kein Zweck von keinem Staat, kümmert den
Zeitungsschreiber nicht. Er meint den Vergleich
Rüstungsausgaben/Armutsbekämpfung bierernst. Er bezieht den globalen
Rüstungsaufwand und die unterlassene Bekämpfung der Armut gleichermaßen auf das
Ziel des edlen Friedens und vergleicht die Kriegsvorbereitung als ein
schlechtes Mittel, ihn zu sichern, mit der Armutsbekämpfung als nicht nur
netteres, sondern vor allem weitsichtigeres Mittel für denselben Zweck. Denn „Armut
und Gewalt, das gehört in globalem Maßstab zusammen“.
Den
Zusammenhang von Gewalt und Armut kennt er nur verkehrt herum: Bei ihm machen
nicht Rüstung und Krieg die betroffene Bevölkerung arm, sondern es ist die
Armut der Armen, die Krieg verursacht; was aus dem Faktum von bewaffneten
Konflikten in wenig entwickelten Staaten offenbar überzeugend hervorgeht. Der
kleine Zynismus, dass unser Humanist die Ernährung der Armen vor allem als ein
Mittel empfiehlt, die Sicherheitsbedrohung zu entschärfen, die sie darstellen,
fällt schon kaum mehr ins Gewicht, angesichts dessen, dass er auch noch Täter
und Opfer der Kriege in den armen Ländern verwechselt: Vermutlich wird ihm
bekannt sein, dass die Waffen, die da zum Einsatz kommen, nicht gerade von
denen gekauft werden, die sich nicht einmal Nahrungsmittel kaufen können;
geschweige denn, dass sie in deren Interesse zum Einsatz kämen. Aber ein
Menschfreund, der einer aufrüstenden Staatenwelt den Hunger als Kriegsgrund und
die Hungerhilfe als Sicherheitspolitik ans Herz legen will, darf einfach nicht
unterscheiden zwischen den Elenden in den kaputtem Ländern des Südens und den
Warlords, die dort Krieg und Bürgerkrieg um die letzten Reichtumsquellen
führen.
Aus
demselben Grund fallen ihm gerade diese Art Konflikte ein, wenn er auf die
Liste der globalen Rüstungsausgaben blickt. Aus dieser Liste folgt das nämlich
nicht; in ihr rangieren die „am wenigsten entwickelten Ländern“ ganz
weit hinten. Eine Handvoll mächtiger Staaten führt mit weitem Abstand nicht nur
bei Waffenproduktion und Waffenhandel, sondern auch beim Einsatz des
Tötungsgeräts. Die größten Militärmächte und die größten Kriege der Gegenwart
fallen dem Rüstungskritiker einfach nicht ein. Sie geben nichts her für seine
frohe Botschaft von der Friedenspolitik per Armutsbekämpfung. Deshalb wohl
erscheinen sie ihm vernachlässigbar. Aber auch, weil er Aufbau und Einsatz der
Kriegsmittel der Großmächte als notwendige Sicherheitspolitik durchgehen lässt,
die es, schlimm wie die Welt ist, auf der Seite verantwortungsbewusster großer
Staaten nun einmal braucht. Kritisch wird er nicht gegen deren himmelhoch
überlegenen Gewaltapparat, sondern erst, wenn er einen verantwortlichen Umgang
damit vermisst. Tatsächlich, auch die weltgrößten Waffenproduzenten und
Besitzer laden Schuld auf sich; dann nämlich, wenn sie ihre potenten Geräte
nicht für sich behalten, sondern in die armen Länder exportieren, wo sie Unheil
anrichten und Kriegsparteien ausstatten, für deren Sicherheitsinteressen der
Mann von der Westdeutschen nun überhaupt keinen guten Grund gelten lässt. So
spricht er ausgerechnet die großen Militärmächte und Waffenexportnationen als
die berufenen Hoffnungsträger für Kriegsopfer und Arme in der Dritten Welt an;
jedenfalls könnten/sollten/müssten sie das sein: Es wäre an den reichen, die
Welt beherrschenden Großmächten, die „Gewalt zu stoppen“, indem sie „Armut
bekämpfen, nicht Waffen exportieren“. In ihren Rüstungshaushalten hätten
sie die Geldmittel dafür, und ihr Monopol an Waffentechnologien aller Art
könnten sie zum Guten verwenden, indem sie den minderbemittelten Elendsregenten
das Schießgerät vorenthalten.
Bekanntlich
denken die Großmächte, an denen die Welt genesen könnte, nicht daran, die edle
Mission zu erfüllen. Dem könnte unser Kommentator ja entnehmen, dass sie andere
Zwecke haben und ihr Einfluss auf die Welt anderen Aufträgen genügt, als er
ihnen erteilen möchte. Tatsächlich täuscht er sich da gar nicht. Er fragt
rhetorisch: „Was nützt es …?“, konstatiert also, dass kein Schwein auf
ihn hört. Und dass 2007 „ein gutes Jahr für den Frieden“ wird, mag er
selbst nicht glauben. Dennoch lässt er nicht davon ab, seinem Staat und anderen
Mächten das Weltverbessern als den eigentlichen Auftrag ins
Stammbuch zu schreiben, an dem sie sich verfehlen. Ein Übergang zu einer
objektiven Ermittlung von Zwecken und Mitteln der bewaffneten Weltpolitik ist
das letzte, wozu der Humanist aus der Zeitungsredaktion zu gewinnen wäre.