Buchbesprechung: Neusser Monat und Terz, Stattzeitung für Düsseldorf
Freerk Huisken: Über die Unregierbarkeit des
Schulvolks
Prügelnde Schüler, entnervte Lehrer, frustrierte Eltern, hier und da ein durchgeknallter Zögling, der seine Blutspur in der Lehranstalt hinterlässt, Klagen über die Lernunwilligkeit des Schulvolks und deren Respektlosigkeit gegenüber den hehren Werten unserer Zivilisation geben den Anlass zur öffentlichen Befassung vor allem mit den unteren Ebenen unseres Schulsystems.
Freerk Huisken, Professor für Pädagogik und politische Ökonomie an der Uni Bremen, erklärt die Ursachen und Folgen der im öffentlichen Raum als Fehlentwicklung charakterisierten Situation an deutschen Schulen. Dabei kommt er zu einem erstaunlichen Schluss: Die beschriebenen „Probleme“ sind die unausweichlichen Ergebnisse eines Schulsystems, das das Menschenmaterial für die Hierarchie der Berufe in der kapitalistischen Gesellschaft herstellt.
An Hand von drei Kernpunkten soll nun die Argumentation von Freerk Huisken nachvollzogen werden.
1. Leistungsbewertung
Die Schule
vermittelt Wissen, zumindest das was der Staat in seinen Lehrplänen als solches
bezeichnet. Nach einem vorgegebenen Turnus wird der Lernerfolg kontrolliert und
in einer Note zwischen sehr gut und ungenügend festgehalten. Die Note gibt
keine Auskunft darüber, was der Schüler weiß oder noch nicht begriffen hat,
sondern beschreibt ein Verhältnis der Testleistungen der Schüler untereinander;
deren Ergebnis sich an der Gausschen Normalverteilungskurve ausrichten soll. So
soll die Schule die Zugangsberechtigung zu den unterschiedlichen Berufen und
Funktionen in der Gesellschaft organisieren und soviel Geist ausbilden, wie der
Staat für die bestehende Berufshierarchie meint brauchen zu können. Für die große
Mehrheit ist dabei kein besonderes Wissen verlangt, da sind „praktische Begabungen“
ausreichend. Wohingegen die verlangten „geistigen“ Fähigkeiten für die höheren
Berufe wiederum nur wenige brauchen. Ob dabei mal zu viele Abitur machen, oder
eher noch Bildungsreserven genutzt werden müssen ist belanglos; letztlich entdeckt
und fördert die Schule mittels der Auslese, genau das Entsprechungsverhältnis
von „natürlichen“ unterschiedlichen Begabungen und dem gesellschaftlichen
Bedarf an diesen.
Für die Haupt- oder Realschulen bedeutet das ein
übersichtliches Bildungsvolumen, das eben für die Perspektive der Schüler als
Lohnarbeiter im Dienste der Schaffung kapitalistischen Reichtums oder als zukünftige
Hartz-IV-Empfänger ausreichen muss. Dem Rest bietet sich die Möglichkeit, in
den höheren Gefilden der Bildung auf die lukrativen Berufe, die sich in den
Bereichen Kontrolle und Entwicklung der kapitalistischen Produktion bzw. deren
politischer und gesellschaftlicher Betreuung bieten, zu hoffen.
2. Verlierer und
trotzdem selbstbewusst!
Obgleich also die Relation von Oben und Unten feststeht,
will dem niemand ein Urteil über Zweck und Inhalt der Wissensvermittlung
entnehmen, eher schon eines über das sortierte Schülervolk. Hier darf sich
jeder an seinen ihm gebührenden Platz sortiert sehen. Der schulische Notenkampf
gibt schließlich jedem die Chance Oben, aber eben auch Unten, zu landen. Kritik
daran meldet sich nur als Zweifel, ob
das eine oder andere Resultat tatsächlich fair zustande gekommen ist. Das sortiert wird samt den Konsequenzen
wird nicht für das eigentliche Ärgernis genommen. Vielmehr erfreuen sich die
Erfolgreichen und hadern die Aussortierten mit dem mal mehr oder mal minder be rechtigten
Urteil über sich. Bei dieser Zufriedenheit oder Unzufriedenheit bleibt der moderne
Schüler nicht stehen. Wo ersterer sich im Erfolg gewürdigt sieht, will
letzterer trotz oder wegen der Misserfolge sich als „toller Hecht“ fühlen, und
seine eingebildeten Qualitäten dann auf anderen Feldern der Konkurrenz ausleben
können.
Pädagogen fördern kräftig das Selbstbewusstsein besonders
das der Verlierer der Auslese: Jeder ist da ein wertvoller Mensch, natürlich
auch der, der durch die schulische
Auswahl schlecht dasteht.
3. Randale in der
Schule
Schüler sind häufig bereits Meister der Unart
klassengesellschaftliche Hierarchisierungen, mit eigenen Erfolgsmaßstäben zu
kontern. Vergleichen selbst steht dabei überhaupt nicht in der Kritik, wie
zuvor auch will man sich mit dem zugewiesen Verliererstatus nicht abgeben. Es
tobt, wie bei den Großen auch, auf (fast) allen Ebenen des Miteinanders der
Kleinen, die Kunst der Selbstdarstellung um andere von der eigenen Persönlichkeit
zu beeindrucken. Dabei erscheinen dem einen oder anderen Schüler die klassischen
Felder der Bewährung mal zu fad oder zu anstrengend. Sich bei den verschiedenen
Sportarten die Knochen verbiegen zu lassen oder im Gleichschritt Marsch der Schützenfahne
zu folgen ist halt mit Aufwand verbunden und in aller Regel ein doch eher
magerer Lohn für das ramponierte Selbstbewusstsein. Statt dessen kämpfen sie
eher auf dem Feld der reinen Selbstdarstellung und Angeberei. So sollen die
neuesten Klamotten, das ausgefallene Design, das coolste Verhalten gegenüber
Autoritäten ihm die vermisste Anerkennung und Bewunderung der Mitschüler,
einfahren. Ist das Geltungsbedürfnis aus welchem Grund auch immer nicht
befriedigt wird mitunter der Respekt auch mal durch Abzocken und Prügel erzwungen.
In diesem Markt der Eitelkeiten erlebt das Selbstwertgefühl
seine größte Niederlage wenn ihm das eingebildete „Recht auf Erfolg“ durch
Lehrer oder Mitschüler wirklich oder auch nur ideell bestritten wird.
Die
massivste Vergeltung dieses „Unrechts“ und damit die höchste Form der Wiederherstellung
des angeknacksten Ego ist moderner weise der Amoklauf. Das Ergebnis seiner
schulischen Aussortierung kann der
Schüler nicht rückgängig machen aber sein letztes Gegen-Wort bzw. Urteil, kann
er durchsetzen. Der in seiner Ehre und Selbstwertgefühl beleidigte Jungbürger
zieht mit seinem Gewaltakt all diejenigen zur Rechenschaft, die ihn ganz
unzulässig der Lächerlichkeit preisgegeben haben. Das sollen und müssen sie ihm
büßen und blutig bezahlen.
Freerk Huisken bietet keinen Trost oder Lebenshilfe für gebeutelte Eltern, Schüler oder Lehrer an. Sie machen in der Regel alles „richtig“, denn die beschriebenen Verhältnisse an bundesdeutschen Schulen sind die Konsequenz eines systemgerechten Umgangs mit dem Schülervolk.
Freerk Huisken: Über
die Unregierbarkeit des Schulvolks – Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten usw.
VSA-Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-89965-210-9, Euro 12,80
Veranstaltungstipp:
Diskussionsveranstaltung des Neusser Monat am
15. September 2007 um 17 Uhr
Thema:
Randale
in der Schule
Über
die Unregierbarkeit des Schulvolks
Kulturcafé Solaris
53 e.V.
Kopernikusstr. 53
40225 Düsseldorf – Bilk
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