Menschheitskatastrophe
Klimawandel (Teil 3/3*)
Damit
das von der deutschen Regierung anvisierte Ziel erreicht wird, mit
Klimaschutz-Technologie ein Bombengeschäft für den Standort Deutschland
anzuleiern – wie in den ersten beiden Analysen zum Thema Klimawandel ausgeführt
wurde –, hat die deutsche EU-Ratspräsidentin sich die anspruchsvolle politische
Aufgabe gestellt, zunächst einmal die Mitgliedsstaaten Europas energiepolitisch
auf CO2-Reduktionskurs zu bringen. In der Folge soll
dann mit Europa und seinem ganzen politischen Einfluss die maßgebliche
„Weltgemeinschaft“ verbindlich auf die Energiewende festgelegt werden.
Schließlich rechtfertigen sich „die sehr hohen Investitionen für neue
Technologien […] nur, wenn man davon ausgeht, dass sie auch woanders nachgefragt
werden.“ (Regierungserklärung der Bundeskanzlerin zum EU-Frühjahrsgipfel,
1.3.2007) Also ergreift unsere Kanzlerin politisch die Initiative, um Europa
und die ganze Welt zum Marktplatz für Klimaschutzware herzurichten.
Dieses
Programm rührt schon innerhalb der EU eine ziemlich heikle Standortfrage auf:
Nämlich, welchen Energieverbrauch und ‑mix eine Nation ihrer Wirtschaft
samt Verkehrswesen verschaffen kann und zu welchem Preis, und wie diesbezüglich
ein „Umsteuern“ zu Buche schlägt. Europas Standorthüter sind sich einerseits
einig, dass eine gemeinsame Energiepolitik die Kapitalstandorte der EU weniger
abhängig machen soll von Importen von Öl und Gas, indem deren Verbrauch
reduziert wird. Andererseits will die EU als weltweit größter Nachfrager nach
diesen Energieträgern deren Kosten gemeinschaftlich senken, indem sie ihre Marktmacht
gegenüber den Öl- und Gaslieferanten verstärkt ausspielt. Aber gleichzeitig
will sich keine der standortbewussten EU-Nationen von der Europäischen
Kommission in die nationale Energieversorgung hineinregieren lassen, weil damit
die Grundlage der gesamten Reichtumsvermehrung auf ihrem Standort betroffen
ist. Jedes Land will sich „als Sonderfall“ gewürdigt wissen: Frankreich will
mit seinem Atomstrom ganz Europa gewinnbringend versorgen; die neuen
EU-Mitglieder beharren darauf, dass „erneuerbare Energien sehr teuer sind“ und
„strikte Ziele“ ihre „junge Industrie“ überfordern, und Klima-Deutschland setzt
derweil unverdrossen auf die Verstromung heimischer Braunkohle...
Dank
der eisernen deutschen Klima-Lady wird aber auf dem EU-Klimagipfel im März doch
noch ein „Kompromiss“ erzielt und die „globale Energiewende“ eingeläutet: Der
Anteil der erneuerbaren Energien an der Primärenergieerzeugung soll bis zum
Jahr 2020 verbindlich auf 20 % Prozent ansteigen, die Energieeffizienz
gleichfalls, und der Treibhausgasausstoß um denselben Prozentsatz abgesenkt
werden. Damit ist der Streit zwischen den konkurrierenden EU-Nationen
allerdings nicht beendet, sondern gerade eröffnet und auf spätere Verhandlungen
vertagt, in denen über die Formen des Lastenausgleichs und der Lastenverteilung
hinsichtlich der Klimarettung gestritten wird. Und in dieser Hinsicht, im
konkurrierenden „Feilschen“ um die Lasten des „Umsteuerns“ und dem Nutzen
daraus, macht der deutsche „Motor“ der Einigung und des energiepolitischen
Aufbruchs keine Ausnahme. Im Gegenteil: Unsere Klima-Kanzlerin lässt sich zwar
gerne von der EU-Kommission dazu beauftragen, Europa auf Reduktions- und
Energieeinsparungskurs zu trimmen und es nach außen im Kampf gegen den
Klimawandel anzuführen. Das darf aber selbstverständlich nicht bedeuten, dass
andere Nationen ausgerechnet dem Klimaschutzvorreiter und seinen
Schlüsselindustrien geschäftsschädigende Abgasnormen auferlegen können. Der
deutschen Autoindustrie einen verbindlichen Spritverbrauch aufs Auge drücken? –
Wo kommen wir denn da hin! Deutsche Autobauer sind schließlich Wirtschaftsunternehmen,
die nachhaltig ihre Rendite vermehren müssen, von der die Zukunft der Nation
und viele Arbeitsplätze abhängen. Also muss eine verantwortungsbewusste
deutsche Kanzlerin „mit aller Härte“ intervenieren, und auf mehr CO2-Emissionen
aus deutschen Auspuffrohren bestehen. Merkel deklariert den nationalen Ausbau
des „Kreisverkehrs“, „Ökofahrkurse“, „Bio-Fuel“ u. ä. als
Klimaschutzmaßnahmen, damit die zu vereinbarenden CO2-Grenzwerte im
Gegenzug höher ausfallen können. – Ja, was denn auch sonst?! Europäisch oder
global vereinbarte Klimaschutzziele müssen 1. unschädlich für die nationale
Profitmacherei und ihr Wachstum sein und 2. muss sich aus der „Rettung des
Weltklimas“ ein nationaler Konkurrenzvorteil gegenüber anderen
Wirtschaftsstandorten ableiten lassen. Den Konkurrenznationen müssen die
Senkung des CO2-Ausstoßes und die damit verbundenen Kosten in jedem
Fall „mehr weh“ tun als einem selber. Internationaler Klimaschutz muss sich als
nationaler Ökonomieschutz erweisen, sonst taugt er nichts! Und darin unterscheidet
sich unsere Vorreiternation überhaupt nicht vom Standpunkt des angeblich
größten Menschheitsgefährders: „China will einen „angemessenen“ Beitrag zur
Verminderung von Treibhausgasen leisten, jedoch keinesfalls sein
Wirtschaftswachstum gefährden.“ (SZ, 4.2.07) An diesem Stellenwert des
ökologischen Schutzes im Standortprogramm von Nationen, die erbittert um mehr
Anteile am globalisierten Geschäft konkurrieren, hat sich doch nichts geändert,
nur weil durch die BILD-Zeitung hinreichend bekannt ist, dass „der Planet
stirbt“, und die ganze Nation wochenlang mit Weltuntergangsszenarien belämmert
wird.
Sind
innereuropäisch die Fronten soweit geklärt, richtet sich der Blick auf den Rest
der Welt: Aus dem verheerenden Klimazustandsbericht leitet die EU ihr
unabweisbares Recht auf globale klima‑, also energiepolitische
Zuständigkeit und Einmischung ab: „Globale Bedrohung – globale
Verantwortung. Europa kann nicht allein den Klimaschutz für die Welt übernehmen
... 85 % der gesamten CO2-Emissionen entstehen woanders.“,
betont Merkel. In aller Entschiedenheit wollen die europäischen
Menschheitsretter dafür sorgen, dass auch ihre weltwirtschaftlichen
Konkurrenten sich ihr Wachstum mit Euro-Technik vom fossilen Energieverbrauch
entkoppeln lassen. Deshalb beauftragen sich die EU und ihr deutscher
Klimaschutzvorreiter dazu, den Kampf für eine „Weiterentwicklung“ des
Kyotoprotokolls, das 2012 ausläuft, voranzutreiben, und Merkel macht die Verhinderung
der Klimakatastrophe auf dem G‑8-Gipfel zur Chefsache. Erklärtermaßen ist
das eine politische Machtfrage ersten Ranges. Europa will nämlich nichts
weniger, als dass sich ihre größten ökonomischen und politischen Widersacher,
China und die USA, die zugleich neben der EU die dicksten CO2-Verursacher
sind, der globalen Abgasordnung aus Europa unterordnen. Gleichzeitig soll dem
amerikanischen Klimaschutz-Modell einer unverbindlichen Fördergemeinde für
„klimafreundliche Technologien“ eine Absage erteilt werden. Und jetzt soll bloß
niemand nachrechnen, mit welchem „Pakt“ das Klima womöglich besser fährt!
Europa macht nämlich der Staatenwelt ein hochprozentiges Führungsangebot: Falls
andere Länder „mitziehen“, legt Europa auf seine bereits beschlossenen
20 % CO2-Reduktion nochmals 10 % verbindlich drauf. Mit
diesem „Alleingang“ stellt Europa klar, was Sache ist: Europas energiepolitischer
Aufbruch ist ernst gemeint. Die globale Verschmutzungswelt soll keinen Zweifel
daran haben, dass die EU und ihre Wirtschaftsvormacht alles daran setzen und
ihre Potenzen dafür mobilisieren, Energieerzeugung aus kohlenstoffarmen
Energieträgern und Energieeinsparung wettbewerbsfähig zu gestalten. Das
europäische Angebot an den Rest der Staatenwelt lautet: Die Konkurrenznationen
sollen ihre Abhängigkeit in der Energieversorgung von Öl und Gas doch lieber
gegen die technologische Abhängigkeit von Europas zukunftsfähiger
Energietechnik eintauschen. So jedenfalls sehen das die Klimaretter aus Europa.
Genau
daran hängt der Klimazustand des Globus, an diesem politischen Ringen auf
höchster machtpolitischer Stufe: nämlich zwischen den beiden führenden
Weltwirtschaftsmächten EU und USA hinsichtlich der Richtlinienkompetenz beim
weltweit für nötig erachteten Klimaschutz per Energiepolitik. Und da soll man
sich als ein um das Klima besorgter Mensch ausgerechnet zur Partei in diesem
Kampf machen und auf einen erfreulichen Ausgang der Machtkonkurrenz hoffen, nur
weil im System des globalen Kapitalismus der Dienst am Weltklima nicht anders
zu haben ist? Könnte das nicht auch einmal gegen die weltpolitischen Akteure
und ihre Vorhaben sprechen, die erst das Klima ruinieren lassen, um dann seine
Rettung von der Frage abhängig zu machen, wer sie anführen darf und damit den
zu erwartenden Reibach mehrheitlich bei sich beheimaten kann?
Last but not least ist die Treibhausdebatte auch für die
demokratische Kultur im Lande nicht umsonst gewesen: „Mit Klimaschutz lassen
sich Wahlen gewinnen!“, weiß der Spiegel zu berichten. In den Parteizentralen wird
mit Hochdruck an der Reduktion des programmatischen Klimadefizits gearbeitet.
Jetzt soll also der durch die von oben aufgemachte Klimadebatte aufgewühlte
Bürger sein wählerisches Vertrauen auch noch danach zuteilen, ob seine
politische Obrigkeit ihm mit Entschlossenheit und Tatkraft die fälligen
Einschränkungen im Dienste der Klimarettung verordnet. Im Gegenzug zu den
Kosten, die sie ihm einbrockt, darf er sich zum eingebildeten Richter über die
Glaubwürdigkeit der Gabriels und Merkels aufwerfen, ob sie selber mit gutem Beispiel
vorangehen und schleunigst ihren „Klimakiller Dienstwagen“ auf Hybridantrieb
umstellen lassen – auf einen deutschen,
versteht sich. Und vor allem man darf sein Kreuzchen davon abhängig machen,
welchen unserer politischen Machthaber man es am ehesten zutraut, sich
international Respekt zu verschaffen und die ausländischen
Klimasünder zur Räson zu bringen.
*) In Lora
München wurden Teil 1 am 19.03. und Teil 2 am 23.04. gesendet.
Die
3 Teile dieser Analyse gibt es auch als Audiodateien des Mitschnitts der
Stuttgarter Sendung vom 25.05.:
(1)
http://www.freie-radios.net/mp3/20070525-menschheitsk-17004.mp3
(13 MB)
(2) http://www.freie-radios.net/mp3/20070525-menschheitsk-17006.mp3
(14 MB)
(3) http://www.freie-radios.net/mp3/20070525-menschheitsk-17007.mp3
(16 MB)
Weiterführende Lektüre in GegenStandpunkt 2‑07, S. 133–155:
Menschheitskatastrophe
Klimawandel
Was
das Klima so alles von „uns“ verlangt
0.
Der Weckruf
1. „Der Mensch“ heizt die Atmosphäre auf – eine Katastrophe!
2. „Wie teuer wird der Klimawandel
3. Klimaschutz rettet Wachstum und stiftet Geschäft!
4. Was tun? „Die Wege aus der Treibhausfalle“
a) „CO2-Killer
Atomkraft“?!
b) „Grüne Ölfelder“ und andere regenerative Energien
c) Wir brauchen eine „Effizienz-Revolution
5.
„Umsteuern!“ – auf „eine Riesenexportchance“
6.
Deutschland macht den Vorreiter beim Klimaschutz – in Europa und mit Europa in
der Welt
a) auf europäischer Ebene
b) im Post-Kyoto-Prozess
7.
Arrangements mit und Spekulationen auf eingetretene Wirkungen der Erderwärmung
8.
Für das Klima kann „jeder einzelne von uns“ „was tun“
9.
Vom demokratischen Nutzen der Klimafrage
GegenStandpunkt 2‑07 ist seit 15.
Juni 2007 im Buchhandel und beim GegenStandpunkt Verlag erhältlich.