Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 15. Oktober 2007
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 31. Oktober
2007
Religiöser
Fundamentalismus, wie ihn Imperialisten lieben:
Der Dalai Lama bei Angela Merkel und bei George W. Bush
Ein
moderner Sinnstiftungs-Guru und
nützlicher Idiot westlicher Menschenrechtsdiplomatie auf Tournee
Als der Dalai Lama unlängst durch
Deutschland tourte, füllte „Seine Heiligkeit“ Stadien und Hörsäle. In
Umfragen ist er beliebter als der deutsche Papst. Studenten, Hausfrauen und
Manager bewundern „Klugheit, Kraft, Charisma“ des Mönchs, Exilpolitikers
und Friedensnobelpreisträgers. Der ach so auf- und abgeklärte „Spiegel“ erklärt
ihn glatt zu einem
und hat volles Verständnis für „viele Menschen im Westen“ die
einen „spirituellen Tröster suchen“ und „durch ihn auf andere
Gedanken“ im rauen kapitalistischen Alltag stoßen. Auf welche Gedanken
man durch die Botschaften der 14. angeblichen Wiedergeburt des Buddha Avalokiteshwara
kommt, stellt allerdings weder seiner Weisheit noch dem Geisteszustand seiner
Fans ein gutes Zeugnis aus.
Zum Beispiel:
„Finde dein
innerstes Selbst! In der Ruhe liegt die Kraft! Der Weg ist das Ziel!“
So was schrieben sich
früher mal höhere Töchter ins Poesiealbum, heute fassen sie zusammen, was man
in der Rubrik ‚Lebenshilfe‘ auch sonst geboten bekommt, womit man aber auch
beim Deutschen Alpenverein fürs Bergsteigen Werbung macht. Zweitens ist es sehr
bedenklich, wenn einem Sinnsprüche dieses Kalibers auch noch ‚total gut tun‘. Lebenssinn
heißt das in hohem Ansehen stehende Bedürfnis, und diese verbreitete Sitte, die
hierzulande die geistige Kultur adelt, macht gar kein Hehl daraus, welch
niederer Beweggrund da den Gedanken leitet: Wer Sinn für sein Leben
sucht, den treibt das Bedürfnis, sich garantiert enttäuschungsfrei positiv zur
Welt stellen zu wollen. Er wünscht sich einen Gesichtspunkt, der ihm letztinstanzlich
Zufriedenheit mit allem besorgt, was er sein Lebtag lang durchmacht, also wider
alle seine Erfahrungen Harmonie in der Welt der Gegensätze stiftet, in
der er sich umtreibt. Ausdrücklich jenseits von allem, womit er sich zu
seinem Missbehagen herumzuschlagen hat, will einer da wenigstens ideell auf
seine Kosten kommen – und verschafft sich die verlangte Befriedigung durch
die entsprechend sinnige Deutung seiner Welt und vor allem durch die unermüdliche
Pflege seiner eigenen Stellung zu der: Man denkt sich einfach mal alle realen
Mächte weg, denen das eigene Tun unterliegt, und sucht dadurch die individuelle
Zufriedenheit, dass man sich vorstellt, man lebe im Einklang mit sich selber.
Also sucht man nach seinem ‚Selbst‘, hört in sich hinein und macht dann wohl
auch seine einschlägigen metaphysischen Erfahrungen. Man verspürt die Kraft,
die einem dadurch zuteil wird, dass man alles nicht mehr so wichtig nimmt und
den Imperativ beherzigt, sich bloß über nichts aufzuregen. In der Weise
pausenlos auf sich ein- bzw. sich dementsprechend gut zuzureden, darin besteht
sie, die hohe Kunst des positiven Denkens: Wer sich nichts mehr vornimmt im
Leben und seinen trostlosen Alltag als Weg zu sich selbst ‚begreift‘, kann auch
nicht mehr enttäuscht werden. Darin besteht der ‚spirituelle Trost‘, den der
Ober-Lama spendet: Das Ich ruht im Selbst, mit Ruhe wird aus einem Sandkorn
eine Perle – wer daran glaubt, den kann die Welt am Arsch lecken, weil er sie
komplett im Griff hat.
Dass derlei salbungsvolle Worte nicht nur
Mönchen in ganz fernen Kulturkreisen, sondern auch hierzulande manchem so ‚gut
tun‘, ist kein Wunder dieses Wanderpredigers. Der verkörpert erst mal nur eines
der ganz vielen Angebote für die Nachfrage nach kompensatorischer Sinngebung,
für die berufsmäßige Lebenshelfer selber überhaupt nichts tun müssen: Der
Irrationalismus, sich einen höheren und eigentlichen Lebenssinn zu imaginieren,
hat in den zivilisierten Gemeinwesen des Abendlands seinen festen Stammplatz
und seine solide Funktion für den Zusammenhalt von Herr und
Knecht. Aufgeklärte Bürger geben das selber zu Protokoll, wenn sie den Bedarf
nach Sinn mit der sedierenden Wirkung auf ihren Gemütszustand begründen:
Manche brauchen den Herrn Jesus, manche den Bruder Lama, um das
Leben leichter auszuhalten; er wirkt quasi wie eine Schmerztablette,
aber ohne Chemie; Religion ohne Fegefeuer; Psycho ohne Sektenverdacht. So
richtig interessant macht den Senf, den der Herr zu diesem Zweck erzählt, fürs
Publikum freilich etwas, was die wenigsten Sinnstifter vorzuweisen haben: Seine
Autorität bezieht der Mann auch aus weltlichen Quellen: Er ist
Chef der tibetischen Exilregierung und ein beliebter Gast nicht nur des
deutschen Staates.
In einem Anfall ironischer
Selbsterkenntnis stellt der Dalai Lama sich als
vor. Denn: „Jeder mag uns, aber keiner tut was für uns.“
Das trifft durchaus seine zwiespältige Rolle in der Staatenwelt hat:
– Im Hauptberuf ist der Dalai Lama
nämlich kein Wanderprediger, sondern Politiker, Nationalist und Glaubensführer;
allerdings einer der besonderen Art. Er ist ein Staatsmann ohne Staatsgebiet,
ein Regent ohne Regierte, ein Gottkönig ohne Heimatgemeinde. Die seltsamen
Doppelrollen übt er natürlich nicht freiwillig aus, sie sind Produkt des
Anschlusses Tibets an die Volksrepublik China: 1950 kippt Peking die seit 1913
proklamierte einseitige Unabhängigkeit Lhasas nicht nur politisch, sondern faktisch;
die Armee besetzt das Hochgebirgsland, der Dalai Lama als „oberster
weltlicher und geistiger Führer des Volkes“ wird entmachtet und auf sein
Kirchenamt reduziert, Tibet wird autonome Provinz und sukzessive mit Chinesen
besiedelt. Nach dem Aufstandsversuch des Dalai Lama und seiner Getreuen wird er
1959 verjagt, Indien schenkt ihm eine Mini-Enklave, von dort aus und seitdem
agiert Nr. 14 als „Vorsitzender der Exilregierung Tibets“, die bis heute
allerdings kein Staat der Welt anerkennt. Darunter leidet der Mann furchtbar.
Er ist Staatsmann und Patriot genug, den Verlust seiner politischen und
religiösen Macht mit den Leiden seines Volks bzw. seiner Gemeinde
gleichzusetzen und den Verlust des bekannten Grundnahrungsmittels „kulturelle
Identität“ anzuklagen, das armen Bauern, Hirten und Mönchen am meisten
fehle. Er weiß aber auch, dass er als Herrscher ohne jede materielle Basis
– null Waffen, null Öl, keine dienstbare Nationalökonomie und keine
Staatsbürger in Uniform – umso mehr auf mächtige Paten in der
ausländischen Staatenwelt verwiesen ist, die sich seiner Klage über einen „kulturellen
Völkermord!“ annehmen. Wahrscheinlich aber wäre in der wirtschaftlichen und
militärischen Konkurrenz der reichen und mächtigen Nationen die „Knechtung des
fernöstlichen Mönchs und seines tapferen Völkchens“ kaum beachtet worden, hätte
sich nicht doch eine gewisse Verwendung für diesen Freiheitskampf gefunden.
– Zwar nicht die, die sich der Dalai
Lama gewünscht hätte: Für die Staaten des Freien Westens war und
ist Tibet nicht die große Nummer, wie es ihm vorschwebt. Ein Priester ohne Land
& Volk ist kein übermäßiger Stachel im Fleisch des Hauptfeinds Nr. 2 ist:
Ein weltmächtiges Interesse, das sich ernsthaft für eine Staatsgründung
Tibets stark gemacht hätte, hat sich jedenfalls nicht gefunden, und auch heute
profitiert die politische Sache des Dalai Lama nicht davon, dass Kriege und
Waffenlieferungen in der neuen US-Weltordnung häufiger im Namen von Menschenrechten
und kultureller Freiheit abgewickelt werden. Aber eine diplomatisch berechnende
Zuneigung erfährt der bedrohte Tibetpanda im Westen schon: Seine Ambitionen als
Machthaber, der volle „Autonomie für Tibet“ fordert, finden
Aufnahme in die lange Liste der „Menschenrechtsverletzungen“, die seine
Gastgeber Chinas Führung vorrechnen, wann und wofür es ihnen ins Kalkül passt.
– So ist der jüngste Empfang des
Dalai Lama ein diplomatisch ausgeklügeltes Protokoll deutscher
Chinapolitik. Nicht zufällig 1 Jahr vor Olympia 2008 in Peking äußert
sich Berlin besorgt über Wettbewerbsverzerrung auf dem Schlachtfeld nationaler
Ehre durch staatlich gefördertes Doping, über den hohen Wert der Freiheit
patriotischer Berichterstattung und Jubelorgien, über die falsche Behandlung
von Dissidenten – und bekräftigt die „Tibet-Resolution des Deutschen
Bundestages von 1996“, deren Zwars und Abers Chinas KP eine immer noch gültige
Mischung aus Kampfansage und Partnerschaftsansprüchen übermitteln: „Wie alle
anderen Regierungen der Welt bezweifelt die BR Deutschland nicht die
Rechtmäßigkeit des territorialen Anspruchs Chinas auf Tibet“; das soll
Peking offenbar freuen, weil der deutsche Staat sich versagt, was er durchaus
auch anders könnte. Nicht angezweifelt wird die völkerrechtliche
Legitimität der Landnahme, nicht in Frage gestellt die
Ein-China-Doktrin, nicht unterstützt tibetischer Separatismus ‑
mehr Raum für „nationale Identität“ sollte aber schon sein; nicht
vorgehalten werden China Volksvertreibung oder Beschneidung des Rechts auf
Heimat ‑ wohl aber Verbrechen an einer von Deutschland für
berechtigt erklärten, weil historisch geadelten Religionsfreiheit: Nach der
Logik wird nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein diplomatischer
Einwand gegen chinesische Souveränität auf den Weg gebracht, dessen Einsatz
und Dosierung sich die deutsche Regierung je nach „Stand der Beziehungen“ und
Eignung des Anlasses vorbehält. Anlässlich des Besuchs des frommen Gastes aus
Tibet hat sie sich eben so entschieden: Als religiöses Oberhaupt wird
er mit Respekt und Beifall überschüttet, aber nicht als Staatsmann geladen
oder gesponsert. Die Kanzlerin lobt seine „Gewaltlosigkeit“, unterstützt
ihn also als die ohnmächtige Figur, die er ist; sie lobt die „Friedensmission
des guten Menschen“, trennt den Mann von der politischen Mission, für die
er steht, und verweigert ihm damit die Anerkennung als weltliches Oberhaupt,
für die seine Buddhismus-Teach-ins in aller Herren Länder Vehikel sein sollen.