Gegenargumente Düsseldorf


Achtung: Dieser Artikel ist nicht von allen Mitarbeitern der "Gegenargumente Düsseldorf" autorisiert.

Zwangsarbeit in Neuss

 

Neusser Historiker hatten es schwer. Sie liebten ihre Vaterstadt, die sie vor allen Angriffen, insbesondere von linken Nestbeschmutzern, schützen wollten. So wurde die lokale Geschichte von 1933 bis 1945 korrigiert, gefälscht, ausgeblendet, glorifiziert, was das Zeug hielt. Hakenkreuze wurden aus dem Stadtbild wegretuschiert, die unschuldige Stadt war „Opfer“ von Bombenangriffen, der Pfarrer von St. Quirin maßregelte die Nazi-Größen.

 

Seit ca. 20 Jahren ist alles anders. Neusser Widerstandskämpfer werden geehrt, dass es auch in Neuss den Juden an den Kragen ging, durfte Stefan Rohrbacher in einem Buch behaupten, und auf alten Fotos erkennt man: Zu den hohen lokalen und nationalen Festen war auch Neuss mit den damals üblichen Flaggen geschmückt.
Und nun noch das: Die Stadt Neuss hat eine Untersuchung zur Zwangsarbeit in Neuss während der Zeit des Hitlerfaschismus in Auftrag gegeben. Die Historiker Christoph Roolf aus Düsseldorf und Dr. Andrea Niewerth aus Gladbeck haben sich dieser Arbeit gewidmet und schonungslos diesen Teil des Hitlerfaschismus in Neuss begutachtet.

 

In fast allen kommunalen Einrichtungen, in der Landwirtschaft, der Industrie, im Handwerk und Einzelhandel wurden Kriegsgefangene und ausländische Zivilarbeiter beschäftigt. Dabei durfte der Arbeitsamtsbezirk Neuss innerhalb des Landesarbeitsamtes Rheinland, der sich von Aachen über Köln nach Düsseldorf und Essen erstreckte, mit knapp einem Drittel Zwangsarbeiter aller in Neuss und Umgebung Beschäftigten die absolute Spitzenposition einnehmen. Verstreut auf dem gesamten Stadtgebiet gab es Zwangsarbeiterlager, die entweder von der Stadt, den Großindustriellen oder einem Verbund von kleineren Unternehmern eingerichtet und geführt wurden.

Ausführlich beschreiben Niewerth und Roolf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter. Dass es um diese nicht besonders rosig bestellt war, war nicht nur den besonderen Kriegsbedingungen und der rassistischen Umgangsweise geschuldet. Die nüchternen Kalkulationen der Unternehmer taten das Ihrige. So empörten sich Neusser Gewinnmaximierer über die „hohen Kosten für die Errichtung und Unterhaltung von Zwangsarbeiterlagern“. Die Autoren des Buches finden aber die Aufregung der Unternehmerschaft nicht so recht glaubwürdig: „Vielmehr wird hierbei die grundsätzliche Haltung der Betriebe deutlich, die allein an einer reibungslosen und dauernden Ausnutzung der ausländischen Arbeiter mit dem geringst möglichen eigenen Aufwand interessiert waren.“ (S. 90) – Kapitalismus as usual.

Niewerth und Roolf beschreiben nicht nur das Los der Opfer nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik in Neuss, sie benennen auch die Täter. Neben vielen anderen hochrangigen Neusser Personen, die vor allem in der Nachkriegszeit in der Wirtschaft, Politik und der Pflege des bürgerlichen Gemeinwesens Ruhm und Anerkennung ernteten, wird Dr. Adolf Flecken hervorgehoben. Er organisierte emsig den Einsatz der Zwangsarbeiter in Neuss und hatte immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Unternehmerschaft. Dass er nach Kriegsende bei seiner Qualifikation nahtlos Geschäftsführer der Wirtschaftskammer Neuss blieb, Neusser Stadtverordneter wurde, für die CDU in den Landtag zog und ihm zu Ehren eine Straße benannt wurde, ist daher nicht verwunderlich.

 

Wer sich für Lokalgeschichte im Nationalsozialismus interessiert, bekommt mit dieser Schrift Informationen – systematisch aufgearbeitet - in Hülle und Fülle und kann, wenn es ihm um die Erklärung faschistischer (Wirtschafts)Politik geht, herausfinden, dass die Benutzung des Menschen als Mittel der Politik und der Gewinnproduktion bei allen unterschiedlichen Erscheinungsformen die Gemeinsamkeit von demokratischer Marktwirtschaft und faschistischer Ökonomie bildet.

 

Aber was hat die Neusser Oberen getrieben, diesen Schandfleck der Lokalgeschichte dem Publikum zugänglich zu machen? Es waren nicht nur die linken Nagetiere, die das stolze Neusser Selbstbild anknabberten und auf Richtigstellung drängten.

Moderne Politiker haben sich selbstbewusst von den „Fesseln der Vergangenheit“ befreit. Sie verspüren nicht mehr berechnend Schmach und Schande, wenn sie zurückblicken, sondern den Auftrag, zu neuer nationaler Größe zurückzufinden. Ob die Verteidigung deutscher Interessen am Hindukusch ansteht oder ein neues Auschwitz auf dem Balkan verhindert werden soll, ob Arbeitslose verstärkt gegängelt werden müssen oder der Umgang mit unerwünschten Ausländern noch kompromissloser vonstatten gehen soll – die heroischen Taten deutscher Politiker bedürfen einer historischen Rechtfertigung. Und so wird je nach Bedarf die Geschichte neu zusammengestrickt, damit der Untertan hierzulande oder weltweit seinen elenden Status als notwendiges Resultat einer geschichtlichen Mission einsieht. Historiker haben nicht nur die Erlaubnis, sondern auch den Auftrag bekommen, in diesem Sinne die deutsche Geschichte – auch im lokalen Rahmen - mal etwas anders zu betrachten.

Dass die Neusser CDU gegen das Buch von Christoph Roolf wetterte, ist dabei eine spezifisch Neusser Variante.

 

Henrici

 

Andrea Niewerth und Christoph Roolf: Zwangsarbeit in Neuss während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945). Dokumentationen 7. Stadtarchiv Neuss 2005. ISBN 3-9229980-80-5



 www.gegenargumente.com (16.02.2008)