Zum Amoklauf von Winnenden:
Die Schule ist nicht
Teil der Lösung, sondern Teil des Problems
Wenn der
Philologenverband anlässlich des Amoklaufs von Winnenden eine „Gefahrenzulage
für Lehrkräfte“ fordert, hat er in gewisser Hinsicht den Nagel auf den Kopf
getroffen. Offensichtlich gibt es auch hierzulande – die us-amerikanische
Schulen mit ihren Überwachungssystemen stehen ohnehin dafür - immer wieder
Schüler, die die Schule als eine Art Frontabschnitt erfahren, an dem Lehrkräfte
sie so drangsalieren, dass sie glatt an Gegenwehr oder Rache denken. Pure
Einbildung oder verfehlte subjektive Deutung eines recht harmonischen
Schullebens durch einen Schüler, der die Welt nur noch durch die Brille von Counterstrike-Szenarien
sieht, ist das nicht. Man muss gar nicht
viel geistigen Aufwand betreiben, um an der Schule Seiten festzuhalten, die
Schüler derart „frustrieren“, dass sie
immer mal wieder den „ungerechten“, autoritären oder rücksichtslosen Lehrern
mindestens im Geiste Rache androhen.
Allein schon die
gesonderte Einrichtung von „Vertrauenslehrern“ spricht Bände: Das normale
Lehrer-Schüler-Verhältnis ist offensichtlich eher von Miss-, denn von Vertrauen
charakterisiert. Und wenn jene bayrische Schulsprecherin, die nach dem Amoklauf
von Winnenden in der Talk-Sendung von M.B.Illner von „vertrauenswürdigen
Vertrauenslehrern“ sprach bzw. sich versprach, so unterstreicht das noch
einmal, dass selbst diese Einrichtung der Schulbehörde zum schulinternen Auffangen
von kleinen oder größeren Dissonanzen nicht dasselbe ist wie die Konstitution
eines Vertrauensverhältnisses. Wie auch? Es bleibt doch der vertrauenswürdigste
Vertrauenslehrer eben Lehrer, also Agent jener Schuleinrichtung, die eben
zunächst einmal nicht das Vertrauen der Schüler zu genießen scheint.
Oder nehmen wir den
ganz normalen Unterricht, in dem das Lernen als permanente Bewährungsprobe für
die Schüler inszeniert ist, auf die sie sich mit allerlei „Tricks“ einstellen,
die bei näherem Hinsehen ebenfalls verraten, wie es um das institutionalisierte
Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern bestellt ist. So weiß jeder Schüler,
dass er sich möglichst nicht bei
Lerndefiziten ertappen lassen darf, obwohl die nichts als das Produkt
des Unterrichts sind. Folglich muss er
seine Wissenslücken und Unkenntnis vertuschen und ganz bei sich behalten, weil
er weiß, dass ihre Offenlegung nicht deren Beseitigung, sondern deren
Bestrafung durch schlechte Noten nach sich ziehen kann. Der Übergang zu
Täuschungsmanövern aller Art ist bei Tests und Klassenarbeiten deswegen
angesagt, weil auch sie nicht angesetzt werden, um dem Lehrer Auskunft über den
Kenntnisstand der Klasse zu geben, sondern um diesen zu benoten. Was bedeutet,
dass so eine Arbeit vom Lehrer nach einer gewisser Zeit rücksichtslos gegenüber
der Frage angesetzt wird, inwieweit eigentlich die Klasse den Stoff beherrscht.
In Kauf genommen wird damit, dass – wie die Zensurenverteilung zwischen 1 und 6
belegt – nicht wenige Schüler irreversibel benotet werden, denen der Unterricht
wenig Chancen eröffnet hat, sich adäquat vorzubereiten.(Was mit Lehrern
geschieht, die den Ehrgeiz haben, allen Schülern den verlangten Unterrichtsstoff nahe zu bringen, hat man
jüngst in Bayern erfahren: Das zieht Disziplinarmaßnahmen nach sich.) Wenn
Schüler das Material für solche Bewährungsproben aber nicht im Kopf haben, dann
kommen sie auf die Idee, es sich anderweitig zu organisieren. Und dann heißt
merkwürdigerweise jede Hilfeleistung, die man vom Nachbarn einholen möchte -
vom Lehrer hat man sie gerade nicht erhalten - Betrug. Ratsam ist es für
Schüler ebenfalls, mit seinem Urteil über Lehrer, Lehrermeinungen und Lehrstoff
dann behutsam umzugehen, wenn es aus kritisch, d.h. aus dem Rahmen fällt.
Und da das Lernen in
der Schule als Konkurrenz um gute Noten, um gute Zeugnisse, die den Fortgang
der Bildungskarriere ermöglichen sollen, organisiert ist, bekommt die
„Klassenkameradschaft“ nicht selten merkwürdige Züge. Da wird das Abschneiden
von Mitschülern misstrauisch daraufhin begutachtet, ob auch mit gleicher Elle
gemessen worden ist. Die gute Note, die man selbst verfehlt hat, gönnt man
anderen dann nicht, wenn man meint, dass sie
ungerechtfertigterweise erworben worden ist, weil der Lehrer mal wieder
gemäß seiner Vorurteile oder Vorlieben den Rotstift angesetzt hat.Der Übergang
zur Missgunst darf nicht fehlen. Da sperren sich Schüler gegen das Abschreiben,
weil die gute Note des Mitschülers die eigene relativiert. Warum das so ist und
in der Lernkonkurrenz so sein muss, liegt auch auf der Hand: Die
Leistungskonkurrenz soll immerhin jene Schüler ermitteln, denen der Weg auf
Gymnasium versperrt oder erschwert wird. Und da die Proportionen, in der die
Schüler nach Hauptschule und weiterführendem Schulwesen durchsortiert werden,
gerade nicht durch individuell erbrachten Leistungen bestimmt sind, sondern im
Prinzip vorher behördlich festgelegt werden, steht für alle Schüler längst
fest, dass die Konkurrenz viele Verlierer und weniger Sieger hervorbringt.
Wenn also der Philologenverband eine
„Gefahrenzulage für Lehrkräfte“ fordert, hat er ein zwar zynisches, aber
doch realistischeres Bild von dem, was
die Lehrer in der Schule anrichten, im Kopf als jene GEW-Vorständlerin, die
statt dessen anmahnt, dass „der Leistungsdruck gesenkt werden“ und den „Lehrkräfte(n) mehr Zeit für die
Schülerinnen und Schüler“ zur Verfügung gestellt werden müsse. Das ist
wohlfeile Gewerkschaftspolitik, die immer das Gegenteil von dem anfordert, was
die Bildungspolitik – nicht erst seit PISA I – flächendeckend inszeniert. Das
vermittelt gute Absichten, stellt sich aber ignorant gegenüber den Zwecken, die
zur Zeit mit Schulpolitik durchgesetzt werden. Vermittelt wird vielmehr der
Eindruck, dass die in den Ländern für Schule zuständigen Politiker eigentlich
genauso gut das Gegenteil von dem tun können, was sie nun gerade gezielt
betreiben, man sie also nur auf das
hinweisen müsste, was der GEW zufolge der Schule gut täte und schon würden sie
von ihrer Politik ablassen. Dass der
Leistungsdruck durch Verkürzung der gymnasialen Schulzeit, durch Einführung von
standardisierten Leistungstests und der damit verbundenen neu installierten
Konkurrenz zwischen Lehrer, zwischen Schule und zwischen Regionen gerade erhöht
wird, dass sich Frau Schavan und KollegInnen davon ein besseres Abschneiden im
PISA-Ranking und eine effektiveren Einsatz von Bildung für die
Standortkonkurrenz versprechen, dass also alles andere als schulpolitische
Willkür herrscht , interessiert die gewerkschaftlichen Gutmenschen weniger.
Was hat das alles mit den
Amokläufen der letzten Jahre zu tun?
Einiges. Zunächst
einmal ist diesen Einlassungen von
Philologen und der GEW zu entnehmen, dass sie schon einen Zusammenhang zwischen
dem „School Shooting“ in Erfurt, Emsdetten und Winnenden und jenen Anstalten,
in denen sie tätig sind, sehen. In der Tat, es wird wohl kein Zufall sein, wenn alle hierzulande zu unrühmlichen Ehren
gelangten Amokläufer eine bzw. ihre Schule aufsuchen und dort ein Blutbad an Schülern und
Lehrern anrichten. Weder haben diese Jugendlichen in der Fußgängerzone, noch
bei einer Sportveranstaltung oder im Kaufhaus um sich geballert. Sie haben ganz
bewusst diesen Tatort gewählt und die dort arbeitenden Schüler und Lehrer,
oftmals ohne sie zu kennen, als Repräsentanten einer Institution umgebracht, die sie als verletzenden Angriff auf
ihre Persönlichkeit, wenn nicht gar auf ihre personelle Existenz erfahren
haben. Das muss man ernst nehmen und sollte es nicht als rein subjektive Deutung eines kranken Verstandes abbuchen, die mit
der Wirklichkeit der Schule nichts zu tun hat. Was ist denn die wirkliche Schule? Sie
ist zum einen – wie bereits angedeutet - eine
Lernkonkurrenzveranstaltung, in der Lehrer über zukünftige Lebenschancen
junger Menschen befinden, und auf die Schüler zum anderen heute ganz
selbsttätig eine Anerkennungskonkurrenz drauf satteln, die manchen Schülern
wichtiger ist als die gute Zensur in der wichtigen, der Lernkonkurrenz – nicht
selten, weil sie mit der ohnehin schon abgeschlossen haben. Die Protagonisten der
schulisch inszenierte Leistungskonkurrenz, in der der nationale Nachwuchs nach Elite und Masse durchsortiert
wird, wissen, warum sie am Jahresende anlässlich der Zeugnisvergabe
pädagogische Seelsorge anbieten und hoffen, dass sich keiner ihrer Schüler das
Leben nimmt, weil er sich „mit dem Zeugnis“ nicht nach Hause traut.
Die Schüler selbst ergänzen diese Leistungskonkurrenz, deren Zwecken sie sich unterwerfen müssen, deren Mittel - dabei handelt es sich nicht um das Lernen, sondern das zensierte Lernen - sie gar nicht in der Hand haben und deren Resultaten sie ohnmächtig gegenüber stehen, um eine eigene, eben die Anerkennungskonkurrenz. In der führen sie sich als die Herren ihrer Konkurrenzmittel auf: Alle rohen Formen der Angeberei und des Mobbing – geschlechtsspezifisch sortiert – stehen dabei hoch im Kurs. Da wird geklaut und erpresst, geschlagen und ausgegrenzt, werden Schulen demoliert und Mutproben der brutalsten Art abverlangt. Gelernt haben die Kids in der Schule, bei „Deutschland sucht den Superstar“ usw., dass der Mensch ohne Selbstbewusstsein nichts ist, dass man also mit einer Portion Selbstbewusstsein die Zumutungen von Schule, Familie und Straße besser aushält – und nur deswegen ist das psychologisierte Selbstbewusstsein zum Erziehungsziel avanciert. Und das übersetzen sie sich in den Selbstbefund, irgendwie „Superstar“ zu sein, wenn nicht der „Deutschlands“, dann doch wenigstens der der Schule oder der Klasse. Der Anerkennungswahn, der sich hier austobt, erweist sich als ein Psycho-Produkt von Konkurrenzerfahrungen, das inzwischen das Privatleben derart okkupiert hat, dass jede vernünftige Bilanzierung des materiellen Gehalts einer individuellen Lebenslage nur allzu oft überlagert wird von der Frage, wie viel Beifall man für neue Klamotten, geschwollenen Bizeps, Sexual- und Saufleistungen, nebst Frech- und Rohheiten aller Art von Mitmenschen erhält, die denselben anerzogenen und inzwischen durchgesetzten geistigen Deformationen anhängen. Wenn zudem heute Schüler mit 9 oder 10 Jahren ihre Schulhefte auf Lehrergeheiß mit dem Spruch „Ich bin wertvoll!“ zieren – das fällt unter Ethik-Erziehung! - , dann darf man sich endgültig nicht wundern, dass dabei der eine oder andere Robert S. oder Tim K. herauskommt. Denn wo in Schule, Familie und Umfeld vermehrt Erfahrungen gemacht werden, die diesen Spruch gerade nicht mit Material unterfüttern, wenn Niederlagen dieser oder jener Art sich vielmehr zu Frust verdichten, dann lässt er sich ebenso in die selbstzerstörerische Frage: „Bin ich wirklich wertvoll?“, wie auch in den fremdzerstörerischen Beschluss: „Denen werde ich es zeigen, dass ich wertvoll bin!“, umsetzen. Es schließt eben die radikalisierte Sorge um jenes Selbstbewusstsein, das sich nur in Idealkonstruktionen von sich selbst herumtreibt und damit Abstand von einer bewussten Bestandsaufnahme der tatsächlichen Lage des "Selbst" Abstand nimmt, beide brutalen Verlaufsformen ein: die Tötung und die Selbsttötung.
Aber es gibt noch den anderen Zusammenhang zwischen
der angedeuteten "Schulkultur" und den Befunden über die jüngsten
Amokläufe: Die Täter machen ihren
„Frust“ zur Privatsache, der andere nicht nur nichts angeht, der sogar
vor anderen geheim gehalten werden muss. Auch das haben sie in der Schule
gelernt. Und nicht zuletzt deswegen ist Tim K. „unauffällig“. Schüler wissen,
was geschehen kann, wenn sie ihre Schwächen, Beschädigungen und jene Ohnmacht offenbaren,
die ihre tatsächliche Lage nun einmal kennzeichnen. Sie erfahren dann nur
allzu oft, dass ihnen all dies als ihre höchst persönliche Eigenschaft
um die Ohren und manchmal nicht nur um diese geschlagen wird. Gelernt haben
sie, dass jede zugegebene Schwäche, jedes angezeigte Defizit in allen
Konkurrenzlagen – solchen, an denen die Existenz, und solchen, an denen das
Selbstbewusstsein hängt - von den Veranstalten der Konkurrenz und von
Mitkonkurrenten zum eigenen Vorteil ausgenutzt wird. Dann wird man als
Versager, Schwächling, als Loser, als Opfer einsortiert und behandelt. So etwas darf
nicht sein, weswegen die Welt der Heranwachsenden nur aus „coolen Typen“
besteht, die es sich den psychologischen Selbstbetrug zur zweiten Natur werden
lassen. Als ohnmächtige Wichte, die sie sind und bleiben, ziehen sie dann schon
einmal aus der dauerhaft und quälend erfahrenen Ohnmacht den ziemlich
verkehrten Schluss, selbst einmal Macht, und gelegentlich sogar Macht in
seiner existenziellsten Form als Macht über Leben und Tod auszuüben.
Die Amokläufer sind also keine defekten Monster, die ihre Mordgelüste eine Zeit lang hinter der Fassade des „unauffälligen, ruhigen Jungen“ verstecken. Es handelt sich vielmehr um aus dem Ruder gelaufene brave Lehrlinge eines pädagogisch und politisch intendierten Curriculums, mit dem sie in Schule und Gesellschaft von Kindesbeinen an traktiert werden.
Freerk
Huisken