Der Fetzer - verspätete Uraufführung im Globe

Als Geschenk an die Neusser zum Quirinusjahr war die Uraufführung des Fetzers im Jahr 2000 ursprünglich geplant und wenn schon, dann sollte das Stück zünftig da gespielt werden, wo es auch hingehört: auf den Neusser Marktplatz. Eine Vorstellung für das Volk - also Volkstheater hatten sich die Theaterleute um Burkhard Mauer und Oberspielleiter Sewan Latchinian ausgedacht. Bekannt sind auch die Versuche der Beiden, zum Schutz ihrer Einrichtungen waghalsige Bündnisse einzugehen, zum Beispiel mit dem Neusser Schützen(Un)wesen. Doch die Bataillone standen diesmal nicht Gewehr bei Fuß, denn auf "Nüsser Art", eben: durch das Schließen des Geldsacks wurde das Projekt Fetzer auf dem Markt gestoppt. Doch nun erlebte das Stück am 15. Mai das Licht der Welt auf den Brettern des Globe.
Hat sich die Mühe nun gelohnt? Für die Schauspieler - 13 für ca. 40 Rollen- alle Male. Diese glänzten durch Spielfreude auf engstem Raum. Besonders gefiel zum wiederholten Male Mareile Metzner, die Neuss leider Ende Juni verlässt. Vielen Dank für die tollen Leistungen von dieser Stelle.
Das Stück selbst, es geht um die Neusser Periode des authentischen Mathias Weber, genannt der Fetzer, der auf der Neusser Furth zeitweilig seine "Räuberhöhle hatte, wurde 1998 von Ina Hertel geschrieben. Es verbleibt in seiner Anlage auf Neuss bezogen, so dass schwer vorstellbar ist, dass "Der Fetzer" anderenorts ankommt, dafür sind die Anspielungen und das Lokalkolorit zu prägend.
Zu schwach bleiben auch die gesellschaftspolitischen Hintergründe für das Ende des 18./Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts grassierende Räuberunwesen. So bekommen Gestalten wie der Fetzer romantische Züge oder falsche Alternativen in den Mund gelegt: "Lieber Räuber als Idiot". Lieber Räuber als verhungert wird der Lage eher gerecht.
Fetzers Husarenstück: Einbruch im Neusser Rathaus und Diebstahl der dort aufbewahrten Geldschätze samt allerhand Krimskram, darunter soll auch eine Quirinusstatue gewesen sein. Husarenstück passt auch deshalb, weil es dem Fetzer gelingt, die ahnungslosen Neusser Schützen für den Raub einzuspannen.
Trotzdem: die Moral siegt auf der ganzen Linie. Durch Verrat, Eifersucht etc. pp. . Fetzer erschlägt zum Ende auch noch die Mutter seines wohl nicht einzigen Kindes und endet schließlich auf dem Schafott.
Die Gestaltung der Bühne war gelungen: Drehbühne im schon runden Globe-Theater - das hatte was. Besonders in der Schlussszene, als die komplette Bühne quasi wie ein Karussell wirkte: Prima.
Auf einige Derbheiten hätte man gut und gerne verzichten können, nicht, dass man was gegen Selbstbefriedigung hätte. Doch aufklärerisch wirkte der Einfall im katholischen Neuss nicht, da er im Hurenmilieu angesiedelt wurde. Da kennt man so was ja. Und solcherlei Unarten enden sowieso bei der Syphilis oder im fehlenden Rückenmark.
HPJ

 

www.neusser-monat.de (10.6.2002)