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Ihr Vater sei erst zum Widerstandskämpfer geworden, als Hitlers Krieg verloren schien. Das bekennt in einem bravourösen Auftritt Angela Eickhoff als deutsche Stenotypistin Emmi Straube, die das Protokoll führen muss bei der Vernehmung Wilhelm Furtwänglers, dem Meisterdirigenten der Berliner Staatsoper. Erst unter dem Eindruck dieses Gefühlsausbruchs gibt Hitlers Lieblingsdirigent seine arrogante Haltung auf und scheint etwas zu begreifen von seiner Verstrickung in das mörderische System der Hitler-Faschisten.
Uneinsichtiges Genie
Zuvor hatte Furtwängler, dessen Rolle Willi Hagemeister mit beeindruckender
Stimme und herrischem Gebaren spielt, stets behauptet, er habe als Künstler
mit der Politik nichts zu schaffen gehabt. Vernommen wird Furtwängler
von einem US-Major namens Steve Arnold, dessen erfrischende Unbelecktheit
von "hoher Kunst und Kultur" Urban Luig vorzüglich darstellt.
Der US-Offizier will herausfinden, warum der Stardirigent mit den Faschisten
kollaboriert hat, anstatt - wie viele andere Künstler - Deutschland zu
verlassen, auch um sich nicht "unschuldig" schuldig zu machen. Im
Kern geht es also darum, ob Furtwängler als renommierter Künstler
die staatsterroristische Herrschaft stabilisieren half.
Arnold, der im Zivilleben als Aufklärer von Feuerversicherungsbetrugsfällen
arbeitet, lässt sich weder vom Geniekult um Furtwängler noch von
dessen metaphysischem Geraune über die Rolle der Kunst beeindrucken.
Stattdessen behandelt er ihn respektlos als "Bandleader" Hitlers,
um ihn in die Enge zu treiben. Durch sein hochnäsiges und uneinsichtiges
Auftreten wirkt die Figur Furtwänglers als Widerpart des Majors wie der
klassische deutsche "Herrenmensch", der sich doch nicht von einem
Kaugummi kauenden US-Boy aus Texas schikanieren lässt.
Partei ergreifen!
Auf die Neusser Bühne gebracht wurde "Der Fall Furtwängler",
dessen Autor der Südafrikaner Harwood ist, während des NRW-Theatertreffens
von den Westfälischen Kammerspielen Paderborn. Das Stück, das im
Original den Titel "Taking Sides" (Partei ergreifen) trägt,
zielt ab auf die Aktivierung der Zuschauer. Die dramatische Auseinandersetzung
zwischen dem US-Offizier und dem deutschen Meisterdirigenten fordert heraus
zur Beantwortung der Frage, ob sich ein exponierter Künstler aus der
Politik eines mörderischen Systems herauszuhalten vermag.
Erschwert wird das Parteiergreifen durch zweierlei:
Dem Vernehmungsoffizier fehlen handfeste Beweise für die Schuld des Künstlers;
so kann ihm beispielsweise keine Mitgliedschaft in der Hitler-Partei nachgewiesen
werden. Außerdem tritt ein emigrierter deutscher Jude in der Funktion
eines untergebenen Offiziers auf, der sich als glühender Verehrer Furtwänglers
geriert und deshalb viel Verständnis für das "Genie" aufbringt.
Diese Figur, die Rainer Husted sehr glaubwürdig spielt, ist ausgesprochen
interessant gestaltet, weil sie genau die Argumente pro Kunst und Künstler
vorträgt, die einem kunstbeflissenen Theaterpublikum aus dem Herzen sprechen.
Damit wird diese Figur zunehmend zu ihrem Sympathieträger.
Konterkariert wird das Parteiergreifen für den Künstler Furtwängler
jedoch durch die Worte des Meisters selbst. Er sei, so sagt er zu Beginn der
Vernehmung, in Deutschland geblieben, um seinem Volk in schwerer Zeit Trost
zu spenden.
Furtwängler sei demnach, so formulierte es ein Zuschauer im Publikumsgespräch
nach der Aufführung in Neuss, in der Heimat geblieben, um seinen Landsleuten
Trost zu spenden bei ihrer schweren Aufgabe, die Juden zu ermorden und die
Welt mit Krieg zu überziehen.
Angela Eickhoff, die im Furtwängler-Stück die Emmi Straube spielt, bekam von der Jury des diesjährigen NRW-Theatertreffens die Auszeichnung als "Beste Nachwuchsschauspielerin". Zur Begründung führte die Jury aus: "Sie hat uns in jener Szene, in der sie gestehen muss, dass ihr Vater ein Opportunist ist, besonders berührt. Sie hat .... aus einer konzentrierten Nebenrolle keine Hauptrolle gemacht, aber trotzdem keinen Höhepunkt des Stücks verpasst, der von ihr abhängt." Herzlichen Glückwunsch!
fr/HPJ
www.neusser-monat.de (7.7.2002)