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Etwa 10 Prozent der "erwerbsfähigen Bevölkerung" im
Sinne der noch gültigen amtlichen Statistik ist arbeitslos. Doch niemand
ist darüber erfreut, dass diese Gesellschaft es so weit gebracht hat
- nämlich, dass die Plackerei für all die nötigen und unnötigen
Dinge des täglichen Lebens in immer kürzerer Zeit von immer weniger
Leuten erledigt werden kann.
Die sich einstellende Lage, dass diese Gesellschaft einem immer größer
werdenden Teil der Bevölkerung immer mehr Freizeit beschert - darüber
mag keine rechte Freude aufkommen. Das hat wohl damit zu tun, dass die Erkenntnis
ziemlich verbreitet ist, dass diese besagten 10 Prozent, deren Arbeitskraft
gar nicht benötigt wird, schlecht versorgt ist, also von dem Überfluss,
der produziert wird, ziemlich ausgeschlossen ist. Nun machen sich die Verantwortlichen
dieser Republik - vom großen Teil der Bevölkerung dabei sekundiert
- daran, es den von der Last des Arbeitslebens befreiten Menschen zusätzlich
mit allerlei Schikanen noch schwerer zu machen.
Davon soll hier die Rede sein.
Die Bundestagswahl war kaum gelaufen, da meldete die regionale Presse "Personalabbauorgien"
großen Stils gerade aus solchem Bereich, der vor nicht allzu langer
Zeit als innovativ und zukunftsorientiert galt: Mobilfunk, UMTS-Handys und
anderes Spielzeug.
Siemens will allein 34.000 Stellen weltweit wegfallen lassen, davon 800 in
Düsseldorf. Aber auch Standorte in Köln, Essen, Aachen, Wuppertal
sollen betroffen sein.
Hinzu kommen Streichungen von Personal bei der Deutschen Telekom in Höhe
von 14.000 allein im kommenden Jahr. Bereits in diesem Jahr müssen 7.200
KollegInnen ihren Arbeitsplatz räumen.
Auch im Neusser Raum gab es in den letzten Jahren massiven Stellenabbau durch
Betriebsstilllegungen bzw. Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer.
Ersatzarbeitsplätze sind Mangelware. Also ein reiches Aufgabenfeld fürs
Arbeitsamt, ersatzweise das Sozialamt.
Da jedoch ständig Arbeitsplätze wegfallen, Ersatzplätze nicht
in Sicht sind, haben sich die Neusser Sozialbürokraten etwas Besonderes
ausgedacht und empfehlen sich damit wie auch schon in der Vergangenheit über
die Stadtgrenze hinaus mit ihren innovativen Ideen. Hatten sie sich vor Jahren
mit einem Zählappell bei Asylsuchenden in aller Herrgottsfrühe sowie
der Einführung von Warengutscheinen ("No smokes, no alcohols!")
statt Bargeld für Asylbewerber einen Namen als verständnisvolle
Christenmenschen gemacht, warten sie erneut mit einem sachgerechten Lösungsvorschlag
diesmal für andere "Sozialbedürftige" auf:
Unter dem Titel "Verstärkte Zugangsprüfung" firmiert seit
1999 ein Umgang auf dem Neusser Sozialamt, der erst jetzt an die Öffentlichkeit
dringt. Um der Situation auf dem Arbeitsmarkt bei gleichzeitig streng kontrolliertem
Geldsack Herr zu werden, sollen wenigstens die "Freigesetzten" am
Laufen gehalten werden. Und das sieht in Neuss so aus: Wer in den Genuss von
einigen Almosen kommen will, hat erst einmal einen ordentlichen Marathon hinzulegen.
Nach der Registrierung am "Info-Schalter" bekommt der Hilfesuchende
statt barer Münze zuerst ein Info-Blatt in die Hand gedrückt. Da
sind die Aufgaben aufgelistet, die erledigt sein wollen, bevor überhaupt
ein Gespräch beim zuständigen Sachbearbeiter erfolgen kann. Eine
Auflistung von Zeitarbeitsfirmen muss innerhalb von drei Werktagen abgearbeitet
werden. Mindestens zehn Nachweise über Vorsprachen bei verschiedenen
Firmen müssen beigebracht werden, ehe überhaupt über eine eventuelle
Bewilligung eines Zuschusses nachgedacht wird. Dass in der Zwischenzeit bei
dem Lohn- bzw. Einkommenslosen vielleicht Ebbe in der Kasse ist, die unbezahlten
Rechnungen drücken, juckt das zuständige Amt nicht, denn laut Bundessozialhilfegesetz
(BSHG) gehört schon die Beratung zur persönlichen Hilfe. Aber die
muss erst verdient werden. Da steckt so mancher auf. Auf die oben beschriebene
Weise hat die Stadt Neuss nach eigenen Angaben pro Jahr 500 Personen weniger
im Sozialamt als Bittsteller. Und das zählt in Neuss als Erfolg.
Die findigen Neusser Sozialamtsleiter stützen sich laut Neuss-Grevenbrocher
Zeitung vom 3.10.02 auf eine Eilentscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster,
wonach "arbeitsfähige Personen keinen Hilfeanspruch (hätten),
weil sie sich wegen des Vorhandenseins einer Tagesjob-Vermittlung des Arbeitsamtes
und zahlreicher Teilzeitarbeitsfirmen selbst helfen können.".
Das bewirkt eine Nachrangigkeit der Sozialhilfe. Oder in markigen Worten des
Neusser Sozialamtschefs und Schützenbruders Söhngen: "Jeder,
der gesund ist, kann arbeiten." (ebda.)
Doch das ist ja auch genau der Zynismus, der sich im Hartz-Papier und in Schröders
Rhetorik gegenüber den Arbeitslosen wiederfindet: Es gibt zwar nichts
zu vermitteln und trotzdem machen sie den Arbeitslosen Beine. Schuld an der
Misere ist der Jobsuchende, der nicht aktiv genug ist.
HPJ