Ibsens „Ein Volksfeind“ im RLT

Die Logik der Geldvermehrung

Eine weiß gekachelte Kurbadeanstalt, in der hinter zwei Bullaugen munter Wasser sprudelt, wird dem Zuschauer präsentiert, wenn sich im Schauspielhaus des Rheinischen Landestheaters der Vorhang öffnet. Just in dem Moment, als klar wird, dass das Wasser verseucht ist, hört es auf zu sprudeln und verfärbt sich zu einer üblen Brühe.

Die Objekte der Geldvermehrung
Sewan Latchinians präzise Inszenierung und Susanne Thalers beeindruckende Ausstattung führen schwungvoll hin zur kapitalismuskritischen Thematik des Schauspiels „Ein Volksfeind“, das Henrik Ibsen vor rund 120 Jahren geschrieben hat und das nun in Neuss auf die Bühne gebracht wird, weil es nichts an Aktualität eingebüßt hat. Zu sehen ist nämlich ein Lehrstück über Menschen, die unter kapitalistischen Verhältnissen leben müssen und deshalb zu Objekten der Geldvermehrung degradiert werden. Vor allem die verbalen Hampeleien der Leute, die wegen des herrischen Zwangs der Ökonomie zappeln und plappern wie Marionetten, veranlassen etliche Zuschauer zum amüsierten Kichern, darunter solche, die in unserer Heimatstadt maßgeblich an der Durchsetzung der ökonomischen Zwänge beteiligt sind.
Der idealistische Badearzt Dr. Stockmann, dessen zwischen Mut und Elitedenken schwankende Rolle Andreas Furcht zu verkörpern sich bemüht, verhilft seiner Heimatstadt zunächst zu wirtschaftlichem Aufschwung, indem er ihren Ausbau zum Badeort initiiert. Später jedoch entdeckt er, dass das Wasser, mit dem die Badeanstalt gespeist wird, verseucht ist, weil eine Kosten sparende Wasserleitung verlegt worden ist. Als er seinem Bruder, der die Stadtverwaltung leitet und dessen Macht bewusstes Handeln der exzellente Martin Hermann überzeugend darzustellen versteht, seine unangenehme Entdeckung mitteilt, ist der Teufel los. Mit allen Mitteln wird nun versucht, den wissenschaftlichen Befund über den Zustand des Wassers zu unterdrücken, da die Schließung des Bades zum wirtschaftlichen Niedergang führen würde.

Gesundheit statt Geldvermehrung
Der Höhepunkt der Mobilisierung der Bevölkerung gegen Dr. Stockmann, dem die Gesundheit der Badegäste wichtiger ist als eine volle Stadtkasse, ist eine Volksversammlung, die Sewan Latchinian im Foyer des Theaters spielen lässt und so die Zuschauer als Statisten in das Stück integriert. Schließlich wird der Badearzt zum Volksfeind erklärt, weil er die Logik der Geldvermehrung, der das Wohlergehen der Menschen gleichgültig ist, nicht akzeptieren will.

Unterwerfung?
Dass Stockmann bei dem Versuch scheitert, die Bevölkerung zu überzeugen, mag auch daran liegen, dass er ausgesprochen elitär argumentiert, wenn er beispielsweise zwischen den „Rassehunden“ und den „Straßenkötern“ differenziert und damit auf seine Mitmenschen abzielt. Ausschlaggebend ist jedoch ein anderer Umstand: Das Einkommen der Leute ist im Kapitalismus abhängig von der Geldvermehrung; aus investiertem Geld muss mehr Geld werden, sonst drohen Bankrott und Arbeitslosigkeit. Dem muss man sich unterwerfen – oder aber für die Abschaffung des menschenunfreundlichen Gesellschaftssystems sich engagieren.

Franz Anger

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