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USA verpflichten
Staatenwelt per UNO-Beschluss auf "Globale Koalition gegen den Terror"
UNO-Blankoscheck für den Anti-Terror-Krieg Amerikas
Nach dem 11. September hat der amerikanische Präsident alle Staaten der Welt vor die Wahl gestellt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns - ein Drittes gibt es nicht. Wer die USA nicht bei ihrem "Kampf gegen den Terror" unterstützt, zählt selbst zu den Terroristen und wird wie diese behandelt.
Abseitsstehen verboten
Das ist eine Kriegserklärung, die jeden Staat der Welt mit einbezieht,
die Neutralität oder Abseitsstehen nicht zulässt. Die Staaten sind
aufgefordert, den gewalttätigen Antiamerikanismus des 11. September unter
dem Namen "internationaler Terror" auf sich zu beziehen, sich ebenfalls
bedroht und betroffen zu sehen und es den USA zu überlassen, ihnen den
oder die neuen Feinde der Menschheit - je nach amerikanischem Bedarf - vorzusetzen.
Die anderen Staaten sollen den "Krieg gegen den Terrorismus" also
nicht als Alleingang Amerikas betrachten; vielmehr fordern die USA die Staaten
ausdrücklich auf, ihnen und ihrem Vorgehen zuzustimmen. Amerika ruft
zwar einseitig einen Krieg aus und führt ihn auch nach seinen eigenen
Kriterien, aber die Staaten sollen nachholend bestätigen, dass dieser
Krieg in ihrer aller Namen geführt wird, dass er somit nach den Regeln
des Völkerrechts legitim ist.
Völkerrechtliche
Neudefinition
Der Ort, wo die "Staatengemeinschaft" über völkerrechtliche
Legitimität befindet und auch neue Tatbestände ins Völkerrecht
aufnimmt, ist die UNO. Von deren höchster Instanz, dem Sicherheitsrat,
haben die USA verlangt, den "Krieg gegen den Terrorismus" als einen
Akt "legitimer Selbstverteidigung" zu billigen. Dies ist der einzige
Titel, unter dem die UNO Kriege als rechtmäßig anerkennt, die sie
nicht selbst in Auftrag gegeben hat. Allerdings bezog sich "Selbstverteidigung"
bisher satzungsgemäß auf die Abwehr einer Invasion durch einen
anderen Staat. Was die USA mit ihrem Antrag durchsetzten, ist somit nichts
Geringeres als eine Neudefinition dessen, was im Falle der USA als "völkerrechtswidriger
Angriff" anerkannt werden soll: Nicht nur militärische Angriffe
von Staaten, sondern auch Terroranschläge von nicht-staatlichen Gruppen
wie die auf New York und Washington zählen jetzt als "Aggression",
gegen welche die USA das "Recht auf Selbstverteidigung" beanspruchen
und vom Weltsicherheitsrat zuerkannt bekommen haben.
Recht auf Unverwundbarkeit
Was sich die USA vom Weltsicherheitsrat als "Selbstverteidigung"
haben absegnen lassen, zielt auf mehr ab als auf die Verfolgung und Verhaftung
der Täter und ihrer Auftraggeber. Die Terrorangriffe auf New York und
Washington trafen für die USA ja mehr als die Twin Towers und das Pentagon
- nämlich ihre Unverwundbarkeit. Mit ihrer überlegenen Militärmacht
haben die USA bisher alle Mächte davon abgeschreckt, ihr "Homeland"
selbst anzugreifen. Von dieser seit der Aufgabe der Sowjetunion von keinem
Staat mehr bedrohten Position der Unangreifbarkeit aus haben die USA umgekehrt
jeden Krieg führen können, ohne dafür die Beschädigung
ihres eigenen Territoriums riskieren zu müssen. Die Attentäter haben
aufgedeckt, dass diese Abschreckung Lücken hat. Sie hat gegen sie nicht
funktioniert; die Selbstverteidigung der USA hat daher das in der Staatenwelt
einzigartige Ziel, ihre Unangreifbarkeit auch gegen terroristische Angriffe
zu sichern. Dafür einfach in den "Krieg gegen den Terror" zu
ziehen, ist den USA zu wenig. Sie verlangen von allen anderen Staaten, dass
sie das amerikanische Interesse an Unverwundbarkeit als universell gültiges
Recht anerkennen. Dafür haben sie die UNO benutzt, auf deren Zustimmung
sie z. B. bei den Balkankriegen gepfiffen haben.
Monopol auf Krieg
Durch den UNO-Beschluss ist der Anspruch der USA, dass sie nicht ein Staat
wie jeder andere sind, sondern eine Sonderstellung einnehmen, anerkannt worden:
Dieser Staat hat damit ein Recht auf Unverwundbarkeit. Zur Wahrung dieses
Rechts steht es Amerika zu, überall auf der Welt Krieg zu führen.
Weil Amerika dieses Recht zugesprochen wurde, führt es - jetzt in Afghanistan
und in allen weiteren Feldzügen im Rahmen ihres Anti-Terror-Krieges -
keinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, sondern es verteidigt sich
völkerrechtsgemäß grundsätzlich immer, und zwar weltweit
und so lange, bis es alle "ausgerottet" (Bush) hat, die es als "internationale
Terroristen" und deren "sichere Häfen" bezeichnet. Die
Durchsetzung dieses Rechts ist - wie schon der Name "Enduring Freedom"
ausdrückt - auf Dauer angelegt. Und es sind allein die USA, die über
den Stand der Rechtssicherheit, also wann sie die Welt nach ihren Maßstäben
für "sicher" halten, befinden dürfen. Dadurch, dass der
Weltsicherheitsrat für die Staatenwelt verpflichtend diese Definitionsmacht
der USA anerkennt, akzeptiert er auch das Monopol der USA auf Krieg.
Legitime Gewalt
Da es in den Augen Amerikas nicht geschehen darf, dass von irgendwo in der
Welt eine Bedrohung ausgeht, die es als "terroristisch" gegen sich
selbst gerichtet ansieht, spricht sich Amerika das Recht zu, präventiv
alle Maßnahmen zu ergreifen, die sich gegen vermutete oder tatsächliche
"terroristische Aktivitäten" bzw. deren Hintermänner oder
Staaten, in denen solche "Aktivitäten" beherbergt sind, richten.
Die Mittel, die Amerika für diesen ‚Selbstverteidigungs'-Krieg und gegen
die Bedrohung seines Territoriums für angemessen erachtet, stehen in
seiner freien Wahl. Alle Kriege dieser Nation, die sie unter dem Titel "Bekämpfung
des Terrorismus" führt, sind gerechte Kriege; was
legitime und was illegitime Gewalt ist, das entscheiden die Feindschaftserklärungen
Amerikas. Die völkerrechtliche Absegnung, die es dafür vom Rest
der Welt erhalten hat, stellt nichts anderes dar als einen Blankoscheck: Die
Staatenwelt hat den angesagten, noch gar nicht fertig geplanten Krieg zur
Ausrottung aktueller und in Zukunft zu benennender Feinde, wie immer der ausfällt,
schon jetzt zu befürworten. Mit der Ausstellung dieses Schecks nehmen
die Staaten darüber hinaus eine Verpflichtung auf sich: Sie haben bei
der "Bekämpfung des Terrors" aktive Mithilfe zu leisten, sich
auf ihren Territorien an der
Jagd nach "Terroristen" zu beteiligen und sie unschädlich zu
machen. Kein Staat darf sagen, für ihn sei dieses Problem nachrangig,
und schon gar nicht kann er seine Teilnahme verweigern. Ganz im Gegenteil
hat sich jeder Staat das Sicherheitsproblem Amerikas, dessen Anspruch auf
Unverwundbarkeit, zu eigen zu machen: Er hat seine inneren Verhältnisse
darauf zu überprüfen, ob sich antiamerikanische Umtriebe breitmachen,
und er hat sie mit seiner hoheitlichen Gewalt zu unterbinden.
GegenStandpunkt
(Lora München UKW 92,4 - http://home.link-m.de/lora/gegenstp/g011029.htm)
www.neusser-monat.de (29.12.2001)