Liebe Leser des Neusser Monat!
Eigentlich müßte diese Kolumne vom Liebesleben der Marienkäfer
handeln. Nicht, daß dies ein besonderes "ÄrgerNüss"
wäre, aber nach dem christlichen Motto: "Und führe uns nicht
in Versuchung" würde uns dies abhalten, wieder einmal über den
280 Meter langen von Hans-Heinrich zu grübeln. Doch laßt uns ganz
von vorne anfangen, beim Sündenfall also - denn der Sachverhalt ist kompliziert
und bedarf differenzierter Betrachtung.
Seit mehr als zwei Jahren halten wir, die Redakteure des NM, unsere Redaktionstreffen
im Haus der Jugend ab. Zuflucht, Wärme (Liebe, liebe Nina, Prinzessin der
Haus-Kochgruppe) und armsesselschöne Geborgenheit boten uns diese Räumlichkeiten.
Nun aber wurde diese einseitige Liebe auf Anordnung des christlichen Herrn Dr.
Albert Wunsch, Leiter des katholischen Jugendamtes und deshalb verantwortlich
für das Haus der Jugend, für beendet erklärt. Künftig dürfen
die NM-Redaktionssitzungen nicht mehr in jenem Haus stattfinden, das unter dem
christlichen Protektorat des Doktors steht.
Schuld daran, liebe Leser, seid ihr, "unfähig zu differenzierter Betrachtung",
einfältige Bürger also. Ja, lieber Tim K., der du so scharf darauf
bist, in diese Kolumne sozusagen als ständiges ÄrgerNüss aufgenommen
zu werden, denn laut Dr. Wunsch ist besonders das "bürgerliche Lager"
von der Unfähigkeit zu differenzieren betroffen. Aufgrund Eurer - nennen
wir sie einmal beim Namen - Dummheit besteht also die Gefahr, daß das
Haus der Jugend in Euren dumpfen Provinzköppen in Zusammenhang mit den
Artikeln des Neusser Monat gebracht wird. Oder wie es Nietzsche einmal sehr
viel differenzierter ausdrückte: Die Menschen "sind tief eingehaucht
in Illusion und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der
Dinge herum und sieht `Formen', ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit,
sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel
auf dem Rücken der Dinge zu spielen".
Nach Meinung Dr. Wunschs ist es nämlich möglich, daß Ihr durch
den Hinweis im Impressum: "Redaktionstreffen: Jeden Donnerstag um 19:30
Uhr im Haus der Jugend" dazu verleitet werdet, den NM mit einer Initiative
des Jugendhauses zu verwechseln. Für die besonders Einfältigen unter
uns sei nocheinmal gesagt, daß dies natürlich nicht der Fall ist.
Doch die Verwechslungsgefahr wäre gar keine Gefahr - um auf den Ausgangspunkt
zurückzukehren - wenn der NM z.B. "über das Liebesleben der Marienkäfer"
berichten würde. Die Schmerzgrenze des Herrn Doktor, die im Zusammenhang
mit dem Rauswurf auch eine wichtige und daher nicht oberflächlich zu betrachtende
Rolle spielt, wäre dabei keineswegs berührt. Sie wurde erst in der
vorletzten Ausgabe unserer Zeitung auf "schülerzeitungsmäßigem
Niveau" erreicht mit der Behauptung, der Stadtdirektor habe einen, der
sei 280 Meter lang.
Oberflächliche Bemerkungen, die Schmerzgrenze des Tolerierbaren eines katholischen
Jugendamtleiters hänge mit der Penisgröße zusammen, sind an
dieser Stelle entschieden zurückzuweisen (zu prüfen wäre vorerst
auch, ob männliche Marienkäfer überhaupt einen Penis haben).
Zwar wurde bekanntlich im Mittelalter der Teufel auf den Schreckensbildern der
Inquisition mit entsetzlich großem Penis dargestellt, aber im aufgeklärten
20.Jahrhundert wissen selbst undifferenzierte Bildzeitungsleser(innen): "Männer
mit großem Teil sind keine Unmenschen".
Was der sonst so tolerante - wenn man das progressive Kulturprogramm des Haus
der Jugend betrachtet - Dr. Wunsch nicht tolerieren kann, hat vielmehr wirtschaftliche
Gründe, die er mit der Bemerkung andeutet: "Auch das Haus bekommt
öffentliche Zuschüsse". Daß diese gestrichen würden,
könnte allerdings auch der Neusser Monat nicht verantworten, und so versprechen
wir an dieser Stelle die Räumlichkeiten am Hamtorwall 18 nicht mehr zum
Redaktionstreffen, zum Kiffermeeting oder zu parteipolitischen Diskussionen
oder ähnlichen, nicht duldbaren Veranstaltungen zu benutzen.
Solltet Ihr uns dennoch dort begegnen, liebes dummes Neusser-Monat-Leservölkchen,
sind wir dort nur als Privatpersonen ohne Interesse an den Belangen der öffentlichen
Stadtverwaltung anwesend. Begegnet uns also in diesem Sinne und laßt uns
gemeinsam beim Schlürfen einer gemütlichen Tasse Kaffee von Armsessel
zu Armsessel unsere stumpfsinnigen und undifferenzierten Gespräche führen
- Themenvorschlag: Das Liebesleben der Marienkäfer!?
Thomas