Für die traditionelle Neusser Geschichtsschreibung sind die zwei Jahrzehnte
der "Franzosenherrschaft" (1794 bis 1814) vor allem deshalb von Übel,
weil die hiesigen Untertanen "unter fremden Gesetzen" ausländischer
"Gewalthaber" leben mußten. In der offiziellen Stadtchronik
"Neuss im Wandel der Zeiten" läßt Joseph Lange uns wissen,
daß das Herz der Neusser "immer noch für Kurfürst Maximilian
Franz schlug ... , die `Kurfürstliche Durchlaucht` die `immer so väterlich
für hiesiges Land gesorgt` habe.
Zu ganz anderen Einsichten gelangte Klaus Streckenbach von der Geschichtswerkstatt
Neuss, weil er sich mit der "Franzosenzeit" aus der Perspektive eines
"wohlhabenden Bauern" aus Dormagen befaßte, der "bürgerlich
dachte" und dem "feudalaristokratische Denkweisen fremd waren".
Im folgenden bringen wir Auszüge aus einem Vortrag, den Klaus Streckenbach
unlängst hielt, um einen Beitrag zur Alltagsgeschichte "von unten"
zu leisten. Als Quelle der Streckenbachschen Arbeit diente "Die Rheinische
Dorfchronik des Joan Peter Delhoven aus Dormagen 1783 - 1823".
Die Redaktion
Revolution in Frankreich
Beim Ausbruch der Französischen Revolution stellte sich Delhoven eindeutig
auf die Seite der Aufständischen:
14.9.1789 "Zu Paris ist im Monat Julius eine Revolution ausgebrochen, die
sich durch ganz Frankreich verbreitet ...
Der geringste Bürger kann zur höchsten Ehrenstelle gelangen. Adel
und Bauer soll nach einem und dem nähmlichen Gesätz gestraft und gerichtet
werden. Jeder soll das freye Jagdrecht geniessen und im ganzen Königreich
kein Zehnden mehr gegeben werden. Von Paris aus pflanzte sich der Freyheitsgruss
von Stadt zu Dorf durchs ganze Königreich fort."
In Anbetracht der von Frankreich aus auf Deutschland übergreifenden Unruhen
vertritt Delhoven zwar einen legitimistischen Standpunkt, Verständnis und
Sympathie gehören jedoch dem einfachen Volk:
Januarius 1792 "... Die schönsten Provinzen Teutschlands gehn durch
innere Unruhen zu Grunde. Allenthalben wieglen sich die Unterthanen auf gegen
ihre Herren.
So ungerecht dieses seyn mag, so ist im Gegentheile auch viel Unterdrückung
im Lande. Die Geistlichkeit und der Adel haben zum Theil ihre Güter frey
von allen Abgaben, der arme Bauer mus im Schweis seines Angesichts sein Brod
gewinnen, für jene die Steuern bezahlen, und die Lasten des Landes tragen.
Ist er Pachter und gewinnt etwas mehr als sein karger Unterhalt fordert, so
werden seine Pachtungen erhöht, als wenns geschrieben stünde: der
Bauer soll darben...
... So beginnt das Unheil eines Mannes, einer Gemeine, ganzer Nationen. Das
Volk begehrt seine Rechte; diese wurden ihm verwehrt. Es kommt in Gährung,
vergisst alles was ihm noch heilig war, und überlässt sich den zügellosesten
Ausschreitungen."
Die linksrheinischen Gebiete werden französisch
Nach dem Einmarsch der Franzosen werden alle Kirchengüter säkularisiert.
Über die Zerstörung des Prämonstratenserklosters Knechtstedten
berichtet Delhoven sachlich und zurückhaltend. Für mitteilenswert
hält er allenfalls, daß nunmehr die Bauern endlich ihr Holz ohne
Erlaubnis aus den klösterlichen Waldungen holen dürfen.
Vom Jahre 1798 an wurde in allen linksrheinischen Gebieten das französische
Verwaltungssystem eingeführt:
1.4.1798 "Alle Beamte und Gerichter werden nun abgesetzt, und das Land
in Municipalitaeten eingetheilt."
In feierlicher Form erfolgte die Einsetzung der neuen staatlichen Organe. Die
Aufstellung des Freiheitsbaumes sowie die Vereidigung der neuen Amtsträger
war Anlaß für ein großes Volksfest mit Freibier, Tafeln mit
80 Gedecken und einem "glänzenden Ball".
In seinen politischen Äußerungen finden wir bei Joan Peter Delhoven
in zunehmendem Maße zustimmende und positive Äußerungen über
die französische Staatsverfassung, unter deren Jurisdiktion die linksrheinischen
deutschen Gebiete jetzt standen. Zum Unterschied von anderen deutschen Landesteilen
empfindet man im französisch gewordenen Rheinland, obwohl die Mehrheit
der Bevölkerung ja weiterhin die deutsche Sprache benutzt, keine Franzosenfeindlichkeit.
Das Tagebuch enthält kaum Klagen über Zwang und Bedrückung, kein
Bedauern über den Verlust der Zugehörigkeit zu den deutschen Stammlanden.
Im Gegenteil! Am 29. Junius 1798 schreibt Delhoven in sein Tagebuch:
"Alle Zehenden und Lehnsrechten sind abgeschaft. Jeder darf auch alles
Wild auf seinem Eigenthum tödten, wenn die Felder leer sind. Zugleich ist
der Mühlenzwang aufgehoben."
Die sogenannten Befreiungskriege
Die "vaterländische Stimmung" der sogenannten Befreiungskriege
findet in den Tagebucheintragungen des Joan Peter Delhoven so gut wie keine
Resonanz. Ich erspare mir die detaillierte Schilderung der Kämpfe im Raum
Neuss, doch setzt Delhoven selbst nach den wechselvollen, hin- und herwogenden
Kämpfen am 1. Januar 1814 noch immer seine Hoffnungen auf Napoleon:
"Die Gegenwart geht mit der Zukunft schwanger und die Zeit der Entbindung
kann nicht fern seyn. Grosse Dinge werden geboren werden, und man schaudert
voll Erwartung der Dinge, die da kommen sollen, wenn nicht das Sehnen so vielewr
Millionen erfüllet wird. Friede, süsesther unter allen denkbahren
Gedanken, ist die einzige Hofnung, die uns die Gegenward erträglich macht.
Der Kayser von Frankreich bietet alles an, was zu diesem Zweck einigermassen
führen kann, er will Opfer bringen, die kein Mensch früher zu denken
wagte, vielleicht ist die Zeit nahe, wo ein allgemeiner Friede die Welt beglückt."
Daß es in dieser ernsten Lage trotzdem noch Episoden gab, die aus der
Sicht der heutigen Zeit Heiterkeit erregen müssen, beweist folgender von
delhoven geschilderter Vorfall:
Ein französischer "Capitain kam späth von Dormagen; nächst
bey Neus begegnete ihm ein Bauer mit einer Kuh. Auf die Frage: Wohin für
Dich: antwortete der Bauer in gebrochenem Französisch, dass er eine Kuh
dem Metzcher Rüssgen auf dem Markt in Neuss verkauft habe, und da er nun
an das Thor kame, habe man ihn nicht hereingelassen, da doch der Metzcher Rüssgen
die Kuh morgen schlachten müsse. Der Capitain verstand aus dem `Rüssgen
in Neus` die Russen wären in Neus; galloppirte hieher und machte Lärm."
Klaus Streckenbach