Fackelzug Anno Domini 1991

Schützen nahmen Obrigkeit ins Visier

Böse Zungen behaupten, die Neusser Schützenbrüder seien kleinkarierte Spießbürger, die einzig am Biersaufen interessiert seien. Daß dies eine üble Fehleinschätzung der Jäger, Grenadiere & Co. ist, bekam der NM-Reporter zu spüren, der vor Ort war, als am Kirmessamstag der Fackelzug durch die dichtbevölkerte Innenstadt sich wälzte.

In a hot summer night

Es war heiß in jener Augustnacht, in der die fackelbauenden Schützen ihrer verhaßten Obrigkeit den Fehdehandschuh vor die Füße schleuderten. Bewaffnet mit 71 Großfackeln und etlichen Geschützen kleineren Kalibers, nahmen die Schützen der Quirinusstadt allerlei Mißstände ins Visier.

To much money

Der Grenadierzug <Treue Jonge 1948> beispielsweise protestierte kräftig gegen die deftige "Rekord-Preiserhöhung" bei den Eintrittskarten für das Festzelt. "Merr wäde tüchtich utjepress", fuhren sie den Schützenvereinspräsidenten Hermann Wilh. Thywissen an, der ihnen die Suppe eingebrockt hatte.
In dieselbe Kerbe schlugen die Mannen des Jägerzuges <In Treue fest>. Sie fluchten wider den raffgierigen Bundesfinanzminister Waigel, dessen "Steuerschraube" die Kameraden derart zu drücken schien, daß sie grimmig schworen, bei der nächsten Bundestagswahl Rache zu nehmen.
Die härtesten Attacken allerdings richteten sich gegen einen der Neusser Stadtoberen. Mittels zahlreicher Fackeln und eines aufrührerischen Flugblattes, das der Schützenlustzug <Quirinus Treu> mit Oberleutnant Cornel Hüsch an der Spitze verteilte, wurden unserem Stadtdirektor Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff gehörig die Leviten gelesen: Sein "Rheinhattan"-Projekt sei "völl zu dür" , und außerdem solle "Nüss net Weltstadt wäde".

We shall overcome

Das war endlich einmal eine eingängige Kritik, welche die Massen ergriff, die zuhauf in den Straßen unserer Heimatstadt zusammengeströmt waren. Kein Gerede vom Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie, keine Klage über die Zerstörung der Lebensgrundlagen - nein, damit hielten sich unsere Schützenbrüder nicht auf. Sie gingen erheblich radikaler zu Werke. So stellten beispielsweise die <Rheinländer> aus dem Grenadierkorps den hiesigen Stadtdirektor als vielarmige Krake dar, die den Neussern das Geld aus den Taschen holt.
Da sage noch jemand, die Quirinusstädter Schützen seien einfältig! Rebellen sind sie, die nicht nur am Biertisch schwadronieren, sondern auch mit Pechfackeln und Altgläsern in den Händen gegen die pekuniären Untaten der diversen Obrigkeiten streiten.
Der Kampf geht weiter! - und zwar beim Fackelzug im nächsten Jahr. Venceremos!

Parvus