Deutschland, inclusive der Stadt Neuss: der teuerste Medikamentenmarkt der
Welt. Und alle müssen getestet werden. Auch an Menschen. Probanden - nennt
die Pharmaindustrie die menschlichen Versuchskaninchen. Selbstverständlich
Freiwillige. Freiwillige allerdings, die ihre Körper der Pharmaindustrie
zur Verfügung stellen, wenn das Geld knapp wird.
Mit von der Partie ist die Neusser Pharmafirma Smith Kline Beecham Wülfing.
Das Unternehmen ließ das Präparat "43694" an 91 Probanden
verabreichen. Eingestellt wurden die Menschenversuche erst, nachdem bei einer
Langzeitstudie an Ratten Leberkrebs festgestellt wurde.
Im Mai dieses Jahres hat sich das RTL-Magazin Explosiv mit der Probanden-Subkultur
befaßt. Aus dieser Sendung dokumentieren wir den Teil, dessen Gegenstand
die Neusser Pharmafirma ist:
"Interviewerin: Haben Sie gewußt, daß diese Antikotzmittel, daß das krebseregend ist?
Musiker/Proband: Ich habe davon gehört. Ja!
Moderator: Ihm wurde beim Medikamentenversuch der Neusser Firma SB Smith Kline Beecham ein krebserregendes Mittel verabreicht und damit muß er jetzt leben. Mittel: 43694, so die interne Bezeichnung der Pharmafirma. Das krebserregende Mittel wurde an 91 Probanden mit bis zu 28 Tagesdosen verabreicht. Statt das Ergebnis aller Tierversuche abzuwarten, wurde das Mittel schon am Menschen getestet. Das ist branchenüblich. Die Bezahlung der Probanden wurde - wie immer - bürokratisch berechnet. Temperaturmessung unter dem Arm 5.00 DM, Temperaturmessung im Dickdarm 10.00 DM, Blutungstest 20.00 DM, Schmerztest mit Hitze auf der Haut 40.00 DM, mehr als fünf Fehlstiche bei der Blutabnahme 70.00 DM. Das Risiko für die Probanden steht nicht auf der Liste.
(Sprachlosigkeit bei der Firmenchefin auf die wichtigste Frage.)
Interviewer: Es geht um die grundsätzliche Frage, warum ein Mittel Menschen gegeben wird, bevor nicht der längste Tierversuch erledigt ist. Es ist eine grundsätzliche Frage.
(Zunächst Schweigen der Firmenchefin Frau Hildegard Sourgens.)
Interviewer: Können Sie dafür irgendeinen vernünftigen
Grund geben?
- Nur daß die Gesetze eben das erlauben, so vorzugehen?
(Pause)
Frau Hildegard Sourgens: Ja, es ist so, daß nur für eine praktisch lebenslange Verabreichung am Menschen solche großen Tierversuche dann unternommen werden, die im übrigen auch in einem sehr hohen Dosisbereich vorgenommen werden. Und es ist bis heute überhaupt nicht üblich, solche Untersuchungen zu einem frühen Zeitpunkt zu starten, weil man z.B. bei dem Beginn der Arzneimittelprüfung in der Phase I noch gar nicht weiß, ob dieses Mittel je den Markt erreichen wird.
Interviewer: Sehen Sie - sind Sie Ärztin?
Frau Hildegard Sourgens: Ja, ich bin Ärztin. [Wie war das noch gleich mit dem Eid des Hippokrates? fragt der Setzer.]
Interviewer: Würden Sie denn das Mittel heute noch Probanden verabreichen?
Frau Hildegard Sourgens: Nein.
Moderator: Die Probanden wurden zuerst mündlich informiert, und jetzt kam es auch schriftlich: jährliche Krebsuntersuchungen für die kommenden 20 Jahre. Falls einer Krebs kriegt, ist nicht einmal eine Entschädigung sicher."
Das besagte Medikament der Neusser Pharmafirma stand schon einmal im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion. 1987 verweigerten Ärzte und Krankenschwestern die Forschungs- und Entwicklungsarbeit an dem Präparat BRL 43694. Grund: Das Mittel sollte nicht nur - wie zunächst vorgegeben - gegen die Übelkeitsbeschwerden bei der Chemotherapie gegen Krebserkrankung eingesetzt werden. Es war bekannt geworden, daß die Konzernleitung auf einen "riesigen Markt" bei der Nato spekulierte. Das Präparat könnte auch dazu eingesetzt werden, um die in einem Atomkrieg verstrahlten Soldaten zu befähigen, in ihrer knappen Restlebenszeit ihren Kampfauftrag zuende zu bringen.
Dieter Hink