Heißer Herbst für Rot-Grün

Castoren müssen rollen

War die Anti-Atom-Bewegung einst eine der wichtigsten Springquellen für die Gründer der Grünen-Partei Anfang der 80er Jahre, haben die einstigen Aktivisten - um nur einige zu nennen: Ebermann, Trampert, Ditfurth - längst das "Schiff" verlassen. Zwar teilten auch diese Heroen des "Kampfes gegen AKWs - hier und anderswo" teilweise die Illusionen der Gründerväter und -mütter der grünen Partei. Doch nach wilden Auseinandersetzungen mit Anhängern der Fischer-Gang oder der Ex-Maoisten um Antje Vollmer strichen sie beizeiten die Segel, um entweder selbst einen neuen Laden aufzumachen wie Jutta Ditfurth (Ökologische Linke) oder sie kommentieren nur noch ab und an den Weltenlauf (Trampert/Ebermann).
Doch hin und wieder ruft die Anti-AKW-Bewegung, die nie ganz verschwunden war, ihre ehemaligen Aktivisten wieder auf den Plan, sowie jetzt, wo für die rosa-grüne Bundesregierung möglicherweise ein "heißer Herbst" drohen könnte.
Ab dem 23. Oktober soll der erste Castor-Transport - aktuell in der französischen Version - von Philippsburg aus zur französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague starten.
Das Bundesamt für Strahlenschutz hatte am 22. September den Transport von insgesamt acht Behältern mit abgebrannten Brennelementen genehmigt.

"Atom-Ausstieg? - Alles Lüge!"

Seit dem 22. September gibt es Urlaubssperre für Castor-Gegner, denn die Genehmigung gilt nur bis zum Ende dieses Jahres. Droht möglicherweise ein "heißer Herbst" bzw. "Winter" für Trittin und seine Behörde? Atomkraftgegner kündigten zumindest an, die Transporte verhindern zu wollen. Die Planungen, wusste die "junge welt" Ende September, laufen auf Hochtouren. Sprecher der Initiative "tausendmal quer" und alte Kämpen wie Wolfgang Ehmke von der legendären Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg ließen sich über all die Jahre nicht von rot-grüner Regierungsrhetorik einlullen und hielten an ihren Zielen "Kein AKW hier und anderswo" fest.
Unter der zeitgemäßen Losung: "Atomausstieg? - Alles Lüge!" zogen bereits 5000 entschlossene Atomkraftgegner am 23. September zum Gorlebener Zwischenlager und meldeten sich so als außerparlamentarische Kraft zurück. Zwar glauben noch viele Initiatoren an die grundsätzliche Möglichkeit, über Regierungshandeln einen Schwenk in der Atom-Politik bewerkstelligen zu können, wenn sie wie der Stifter des "Alternativen Nobelpreises", Jakob von Uexhüll, Sprecher auf der Kundgebung in Gorleben, von Regierungsverrat sprechen: "Wenn Regierungen ihre zentralen (sic!) Ziele verraten, müssen wir für mehr Gegendruck im Interesse der Demokratie sorgen", zitiert nach taz 25.9.00.
Thomas Ebermann und Rainer Trampert waren auch zugegen, und man kann nur hoffen, dass die Auftaktmobilisierung nicht nur eine Seifenblase war und die Entschlossenheit und die Breite der Bewegung ausreicht, das mit Leben zu erfüllen, was jetzt noch eher als "Pfeifen im Walde" einzuordnen ist: "Mit der Anti-AKW-Bewegung ist wieder zu rechnen, mit dem Kompromiss zwischen Regierung und AKW-Betreibern findet sie sich nicht ab." (zit. n. ebda.) Andernfalls wird es Staatsapparat (Polizei und Bundesgrenzschutz) und parlamentarischen Vertretern der Regierungsparteien gelingen, einen Spalt in die sich formierenden Widerstandsaktionen zu treiben, der wie einst in Brokdorf/Itzehoe gemeinsame Aktionen verhinderte.
Es sollte ihnen zumindest nicht so ergehen wie den Vertretern von BUND, "Naturfreunden", Basisgrün, Jusos und der Gewerkschaftsjugend, die Ende September auf einer "Halb-Zeit-Konferenz" zwar eine "düstere Zwischenbilanz" der Regierung Rot-Grün zogen, gleichzeitig aber bekannten: "Wir haben kein konkretes Alternativkonzept zur momentanen Politik." (nach taz 25.9.00)
Vielleicht kommt es aber ganz anders, und die französische Regierung hilft der bundesdeutschen und damit Trittin aus der Klemme: Unlängst ließ diese verkünden: Solange Deutschland nicht bereit sei, seinen in La Hague gelagerten Uranschrott zurückzunehmen, kämen Transporte von deutschen AKWs nach La Hague nicht in die Tüte.

HPJ