Im Gedenken an meine Großeltern und all die Menschen, die in der Pogromnacht gezeichnet worden sind

Das ist mein Foto vom
9. November 1938

Günter Hänsel, unser unlängst verstorbenes Redaktionsmitglied, schrieb den folgenden Artikel vor zwei Jahren anlässlich des sechzigsten Jahrestags des Judenpogroms, dem die Faschisten den zynischen Namen Reichskristallnacht gaben. Wir drucken ihn mit freundlicher Genehmigung der UZ nach, weil seine subjektive Perspektive einige Opfer der faschistischen Barbarei aus der Anonymität holt, ihnen ein Gesicht gibt.

Gegen Ende September 1989 stand ich in der DDR vor diesem Foto. Es hing - stark vergrößert - in einem Ausstellungsraum der Museumssynagoge in Gröbzig, einem winzigen Landstädtchen in Sachsen-Anhalt. Und links im Bild - der Mann in der Joppe und rechts neben ihm die kleine Frau mit Kopftuch - das waren meine Großeltern.
Die kleine Museumssynagoge in diesem kleinen Nest ist eine Sehenswürdigkeit. Wo noch hat eine Synagoge in Deutschland die Nazizeit unzerstört überstanden? In Gröbzig, so wurde uns erklärt, waren Sozialdemokraten, Kommunisten und linke Demokraten so einflußreich und die Nazis so schwach, daß dieses Haus zwar geschlossen, aber nicht zerstört wurde. In der DDR-Zeit wurde die Synagoge restauriert und zum Museum gemacht. Der Bet-raum war völlig wieder eingerichtet, die Nebenräume zeigten Opfer und Widerstand und Täter der Nazizeit in Gröbzig.
Irrtümlich nur war, ein Zeitungsfoto, in die Ausstellung geraten, weil die Museumsgestalter angenommen hatten, es zeige jüdische Menschen aus dem Kreis Köthen. Abgebildet aber sind Jeßnitzer Jüdinnen und Juden, aufgereiht am 9. November 1938, veröffentlicht in einer Nazizeitung mit der reingeschmierten Datumszeile als Beweis, daß es den Juden im Reich entgegen der ausländischen Hetze und Verleumdung gut ginge. In Jeßnitz, ein kleines verschlafenes Nest an der Mulde, lebten meine Großeltern, das war die Geburtsstadt meiner Mutter.
Egal wie das Foto nach Gröbzig gekommen war - ich stand rund 50 Jahre später vor diesem Foto und begegnete so wieder einmal dem Pogrom vom November 1938.
Meine erste Begegnung mit diesem Tag war eher harmlos, wenngleich für einen siebenjährigen Jungen so eindrucksvoll, daß sich mir bis heute, 60 Jahre später, Einzelheiten eingeprägt haben.
Die Schwester meiner Mutter wohnte damals in Bitterfeld, und zu ihr durfte ich aus dem fernen sächsischen Sebnitz, wo ich mit meinen Eltern lebte, oft reisen - damals immer eine aufregende Angelegenheit. Diese Tante Erna besuchte mit mir kurz nach dem 9. November eine ebenfalls verwandte Familie Saalmann. Die Erwachsenen flüsterten, der Junge sollte nichts hören, nichts war auffällig - nur jede Viertelstunde krächzte eine große Standuhr. SA-Leute hatten am 9. November in die Uhr getreten.
Ich höre sie heute noch krächzen. Und erst später gesellten sich in meinem Kopf und Gedächtnis zur Bitterfelder Standuhr und zum 9. November solche Bilder: Die SA-Leute, die vor dem kleinen Textilgeschäft meiner Eltern in Sebnitz standen; die Weigerung der Behörden, meinem arischen Vater das kleine rote Schild arisch zu geben, das an den Schaufensterscheiben zu kleben hatte; das Verbot für meine jüdische Mutter, das Geschäft zu betreten. Es ging übrigens dann auch bald kaputt.
Was ich damals nicht wußte an diesem 9. November 1938, an den mich bis heute zu allererst die Standuhr erinnert, gingen meine Mutter, meine Großmutter und viele Lieben aus meiner Familie mit Millionen anderer Menschen einen großen Schritt nach Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt.
50 Jahre nach diesem 9. November also das Foto in Gröbzig. Keiner von denen, die von den Nazis zum Fotografieren aufgereiht wurden, hat die Nazizeit überlebt.
Meine Großeltern lebten in Jeßnitz im Judenhaus. Meine Erinnerungen an sie sind lückenhaft, aber die charakteristischen Kleinigkeiten blieben festgehakt bis in mein Alter. Das Häuschen stand in einer Gasse, im Hof wuchsen Disteln und Gräser auf umgestürzten Steinen. Ich spielte gern in dieser Burg. Es war die zerstörte Synagoge von Jeßnitz. An der Haustür und den einzelnen kleinen Wohnungen klebte der gelbe Stern. Bei meinen Großeltern roch es nach gebratenen Grieben, die zum Brot gegessen wurden; die Großmutter machte aus der Hand mit einer rasenden Schnelligkeit Fadennudeln, die in der ganzen Küche zum Trocknen ausgebreitet waren.
Mein Großvater Jakob gen. Julius Eisenberg - so stand es in seinen Papieren - war Landsturmmann im ersten Weltkrieg, im Zivilleben Handelsmann, der mit dem Fahrrad und einem Karton mit Nähnadeln und Knöpfen über Land fuhr. Er hatte eine spiegelblanke Glatze und erzählte mir, seine beiden Kanarienvögel, die frei in der Wohnung flogen und oft auf seinem Kopf saßen, hätten ihm die Haare weggepickt. Er konnte zu Hause sterben. Aber da hatte er seine Kanarienvögel schon längst nicht mehr, Juden durften keine Haustiere halten.
Meine Großmutter - Johanna Eisenberg - wurde Anfang der vierziger Jahre, sie war weit über 70, nach Theresienstadt gebracht. Mein Vater fuhr zu ihr nach Jeßnitz. Die Großmutter fragte, warum ihre Lieblingstochter - Friedchen, meine Mutter - nicht zu ihr gekommen war. Mein Vater hat der alten Frau erzählt, Friedchen sei krank, aber sie saß zu dieser Zeit auf ihrem Wege nach Auschwitz schon im Dresdner Gestapo-Gefängnis. Die alte Frau hat wahrscheinlich bis zu ihrem Ende nicht verstanden, warum sie sich nicht von ihr verabschiedet hat. Die Großmutter wollte sich das Leben nehmen. Mein Vater und Freunde der Familie haben das verhindert, und so wurde sie ordnungsgemäß über Leipzig, Dresden und Bad Schandau nach Theresienstadt transportiert. Mein Vater hat nie verwunden, daß er dazu beigetragen hat, sie dafür am Leben zu erhalten.
20 Jahre danach stand ich in Theresienstadt, eine potthäßliche k.u.k-Garnisonsstadt, an einem Gleisstück der Anlage, von der die Züge nach Auschwitz fuhren. In einer kleinen Gedenkstätte lag ein Buch mit Namen. Johanna Eisenberg war nicht dabei.
Übrigens war das in der Zeit, da Hans Globke, der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, Staatssekretär beim CDU-Bundeskanzler Adenauer war - der Globke, der erläuterte, daß meinen Großeltern die Kanarienvögel genommen werden sollten und Millionen Menschen ihr Leben, daß ich ein Mischling 1. Grades war, daß meine Mutter nach Ausch-witz-Birkenau zu bringen sei. Das war die Zeit, da Nazijuristen, Nazioffiziere, Nazidiplomaten und Leute wie die Flicks und die Krupps und die IG-Farben-Chefs, Kriegsverbrecher und Sklavenhalter und Profiteure am Krieg und Tod von Menschen ... das war die Zeit also, da solche Lumpen auf allen Ebenen die Bundesrepublik Deutschland auch nach ihrem Bilde prägten.
Es war aber auch die Zeit, da auf den Straßen demonstriert wurde gegen atomare Bewaffnung, gegen Notstandsgesetze, gegen den Muff unter den Talaren der Universitätsprofessoren.
Es war die Zeit, da in der DDR ein Dr. Fischer enttarnt wurde - SS-Obersturmführer und SS-Standortarzt in Auschwitz, der den fingierten Todesschein für meine Mutter unterschrieben hatte. Er wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Und in der DDR erschien eine liebevoll gestaltete und reich illustrierte Broschüre: Synagoge Gröbzig - gerettet und bewahrt. Das Museum, in dem ich 1989 mein Foto fand.
Bei diesem Besuch bat ich die Leiterin des Museums, eine junge Frau Kerstin F., die in Berlin studiert hatte, um eine Kopie dieses Fotos. Sie sagte das zu. Aber am 1. Dezember 1989 schrieb sie, sie habe meinen Wunsch nicht vergessen, nur sei ihr Fotograf abgehauen und mit der Kopie dauere es etwas. Sie schrieb dazu, sie wolle weiter etwas gegen das Vergessen tun, etwas, das die Geister, die einen neuen Zeitgeist (was immer das sein mag!) beschwören, erinnern soll.
Erst im August 1990 hörten wir wieder von ihr. Sie war wieder in Berlin, und bei ihrem letzten Besuch in Gröbzig hat sie durch die Vitrinenscheibe hindurch und nicht sehr professionell das Foto fotografiert, um es uns zu schicken. Und sie schrieb von "Hoffnungen und hochfliegenden Ideen des vergangenen Jahres. Nun es ist, wie es ist, und ein weites Feld... Das Museum gibt es noch. Wie's dem geht, kann ich nicht so genau sagen, weil ich nicht mehr dort arbeite..."
Diese junge Frau, damals mit Hoffnungen und Enttäuschungen, hat bei alledem ihr Versprechen wildfremden Leuten gegenüber nicht vergessen, hat mir mein Foto geschickt. Das werde ich auch nicht vergessen.
Wie es dem Museum heute geht, habe ich nun zum 60. Jahrestag des 9. November 1938 erfragt. Frau Dr. M. leitet es; sie ist festangestellt von einem Verein der Förderer und Freunde der Synagoge Gröbzig. Sie gestaltet das Museum um; auf die Darstellung der demokratischen und Arbeiterbewegung wird in der neuen Konzeption verzichtet; die jüdischen Menschen sollen nicht mehr allein als Opfer dargestellt werden. Das Museum soll nun den Beitrag der jüdischen Deutschen zum geistigen und kulturellen Leben des 18. und 19. Jahrhunderts zeigen.
Na gut, es ist ein anderes Konzept. Warum nicht? Das unterliegt nicht meiner Kritik. Aber bei allem,was in DDR-Zeiten in der Darstellung dieser Problematik kritikwürdig war - mir hat das Konzept damals besser gefallen, das die Juden von Gröbzig eingebettet hatte in die demokratischen Bewegungen der Zeit. Aber das mag Ansichtssache sein.
Nein, sagt Frau Dr. M, Angriffe auf die Museumssynagoge habe es nicht gegeben; sie habe zwar schon mal das Wort Judenschwein gehört, und ihre beiden Kinder - zumal sie Mulatten sind - seien angemacht worden. Aber allmählich werde sie anerkannt. Alle guten Wünsche für diese Frau und und ihre Kinder und ihre Arbeit!
Das Foto, mein Foto, ist wegen der neuen Konzeption abgehängt worden. Frau Dr. M. will es suchen und mir eine bessere Kopie schicken. Aber wahrscheinlich werde ich mein altes, das unprofessionelle, hängen lassen.
Von der Bitterfelder Standuhr wurde für mich krächzend die private und globale Katastrophe eingeläutet. Und in dem Foto, so spät ich es entdeckt habe, konzentriert sich das alles für mich, von ihm geht alles weitere aus. Und deshalb ist das eben mein Foto. Wie in diesem Sinne mein Tag immer der 9. November sein wird. Und zwar der 9. November vor 60 Jahren.

Günter Hänsel