Was andernorts als Leichenfrevel juristisch geahndet würde, gilt in Neuss
als höchst löbliches Tun. Unter Absingen zweier Strophen des Quirinusliedes
machte sich eine verschworene Gemeinschaft Anfang September mit Laubsäge
und anderen Werkzeugen am Schädel des Stadtpatrons zu schaffen. Vorher
gab es Festgeläute, galt es doch ein Jahrhundertereignis zu feiern: Die
erste Öffnung des Quirinus-Schreins seit 113 Jahren!
Der Chef des Quirinus-Münsters und Oberzeremonienmeister, Oberpfarrer Schelauske,
hauchte ergriffen: "Ich hatte immer erhofft, eine Öffnung des Quirinus-Schreins
zu erleben." (NGZ 6.9.00).
Der Grund dieser vorsätzlichen Knochenbrecherei war - so die NGZ - der
sehnliche Wunsch des durch den Quirinus-Ritt bekannten Ortes Perl an der Mosel
sowie einer weiteren pfälzischen Gemeinde, jeweils eine Reliquie des Heiligen
Mannes zu erhalten. Monsignore war bereit, zwei Knochenstücke herauszurücken.
Und so ging man also ans grausige Werk. Beruhigend für die Rechtgläubigen
dieser Stadt ist, dass zum Abschluss der handwerklichen Übung, ein Arzt
war zu Rate gezogen worden, ein "Vater Unser" sowie ein "Gegrüßet
seist Du Maria" ertönte und Frieden wieder einkehren konnte.
Inzwischen wurde zumindest ein Teil der Knöchelchen per feierlichem Umzug,
dem ein zünftiges Platzkonzert der Dießfurter Blaskapelle voranging,
der Gemeinde St. Quirin in Pückersreuth übergeben. Nicht ganz glaubensfest
flehte Weihbischof Wilhelm Schraml seine Schäfchen an: "Kommt zahlreich
und lasst ihn (!) nicht allein." (NGZ, 27.9.00)
Kluge Worte steuerte auch der ehemalige Leiter der Volkshochschule Neuss, Dr.
Peter Hommers, in seiner Eigenschaft als Vizebaas der Schötzejeselle bei:
"Heilige sind uns Wegweiser für die Pilgerfahrt unseres Lebens."
Ein Anwärter auf den nächsten Lyrikerpreis? Detlef Fleischer, übernehmen
Sie!
HPJ