Rasender Reporter in Eire

Nordirland im Friedensprozeß?

Geht man dieser Tage durch Derry, eine im Norden Irlands gelegene Kleinstadt, die in den sechziger und siebziger Jahren Hauptschauplatz des Unabhängigkeitskampfes republikanischer Iren gegen die Repressionspolitik der britischen Regierung war, stellt sich die Frage, ob die Situation dem in der Öffentlichkeit so positiv bewerteten Friedenprozeß entspricht?
Polizisten der britischen Sondereinheit RUC oder bewaffnete Soldaten der Armee patrouillieren nicht mehr durch die Straßen der ärmlichen katholischen Arbeiterviertel. Die installierten Kontrollposten in der Stadt, deren Überwachungstürme zur Zeit Gegenstand einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sind, existieren allerdings noch immer. Und immer noch werden die Infrarotkameras durch jede Bewegung in ihrer Nähe aktiviert. Die ganze Zeit über kreisen Militärhubschrauber im Tiefflug über der Stadt und verfolgen willkürlich Menschen, die sich außerhalb ihrer Viertel bewegen.
Am 31. August 1994 hat die Irisch-Republikanische Armee (IRA), die seit dem Osteraufstand 1919 bewaffnet gegen die britische Besatzungsmacht zu Felde zieht, einen unbefristeten Waffenstillstand erklärt, "um den demokratischen Friedensprozeß zu befördern". Infolge dessen haben am 11. April 1998 bis auf zwei Ausnahmen alle an dem Konflikt beteiligten Parteien das Karfreitags-Abkommen unterzeichnet, das die Einrichtung einer unabhängigen Regierung Nordirlands unter Beteiligung der Sinn Féin, dem sogenannten politischen Arm der IRA, vorsieht.
Die schwerste Erschütterung erleidet der Friedensprozeß am 15. August 1998, als eine Autobombe im Einkaufzentrum der nordirischen Stadt Omagh 29 Menschen tötet. Das erstemal kritisiert die Sinn Féin-Führung offiziell eine mutmaßlich republikanische Aktion. Drei Tage später bekennt sich eine Abspaltung der IRA, die Real IRA, zu dem Anschlag und entschuldigt die zivilen Opfer; das Desaster sei auf einen Fehler zurückzuführen. Auch die Irische Nationale Befreiungsarmee (INLA), der bewaffnete Arme der Irisch-Republikanischen Sozialistischen Partei (IRSP), distanziert sich von dem Anschlag und erklärt noch im gleichen Monat eine "dauerhafte Waffenruhe". Im September schließlich erklärt auch die RIRA einen permanenten und totalen Waffenstillstand. Lediglich die IRA-Abspaltung Continuity IRA und loyalistische Splittergruppen akzeptieren den Waffenstillstand nicht.
Ende des Jahres 1999 kommt es endlich zur lang ersehnten Regierungsbildung in Nordirland, das seit 1972 als Reaktion auf die in Derry begonnenen "Troubles" direkt der britischen Regierung unterstellt und von ihr verwaltet wurde. Die Regierungsbildung wurde möglich nach einem langen Streit über die Entwaffnungsfrage der IRA, nachdem diese erklärt hatte, ihre Waffenbestände von einer unabhängigen Kommission kontrollieren zu lassen, der ein Politiker des südafrikanischen ANC vorsitzt.
Nur schleppend geht der Friedenprozeß voran, was vor allem den Kräften geschuldet ist, die definitiv keinen Frieden wollen. Hier ist neben den massiven Provokationen aus dem loyalistsichen Lager eben auch die CIRA zu nennen, die am bewaffneten Kampf festhält, obwohl über 80 % der gesamtirischen Bevölkerung zur Zeit keine Perspektive mehr in ihm sehen.
Mit dem Versuch, die Oranier-Märsche im Juni diesen Jahres gewaltsam durchzusetzen und der Verherrlichung der loyalistischen Terrororganisationen UDA und UVF, haben die Loyalisten deutlich gemacht, dass sie am Frieden nicht interessiert sind. Das Argument, das oftmals zu ihrer Verteidigung ins Feld geführt wird, sie hätten Angst unter einer von Großbritannien unabhängig arbeitenden Regierung benachteiligt zu werden, dürfte zu kurz greifen. Die Aktionen der irischen Befreiungsbewegung richteten sich niemals gegen die protestantische Zivilbevölkerung, von wenigen Ausnahmen einiger Splittergruppen abgesehen. Im Gegenteil zielten die Angriffe in der Regel gegen die diskriminierende Politik der britischen Zentralregierung, gegen militärische Einrichtungen oder paramilitärische Terrororganisationen, die oftmals vom britischen Geheimdienst und der sogenannten "Anti-Terror-Einheit" SAS (Pendant zur deutschen GSG 9) unterstützt worden sind.
Die 1905 gegründete Sinn Féin sieht sich in der sozialistischen Tradition James Conollys, dem Gründer der Irish Citizen Army, der Vorläuferorganisation der IRA, die Lenin als die "erste Rote Armee in Europa" bezeichnet hat. Die Sinn Féin vertritt insbesondere die Bevölkerungsgruppen, die am meisten unter der Teilung Irland zu leiden hatten und haben, allen voran die irische Arbeiterklasse. Schon Ende der sechziger Jahre ist die spätere Gründerin der IRSP, Bernadette Devlin, in ihrem Buch "Religionskrieg oder Klassenkampf?" zu dem Ergebnis gekommen, dass der Befreiungskampf der verelendeten Arbeiterschaft in einen religiösen Scheinkonflikt kanalisiert werden soll. Und noch heute unterscheiden sich die Wohngebiete der Loyalisten deutlich von den republikanischen Vierteln. In der Stadt Derry, die faktisch zweigeteilt ist, wird das besonders deutlich: auf der Waterside östlich vom River Foyle befinden sich die relativ gut situierten Wohnsiedlungen der protestantisch dominierten Bevölkerung und auf der Bogside, wo damals die Troubels begannen und am Bloody Sunday 1972 ihren traurigen Höhepunkt erreichten, als britische Fallschirmjäger 14 Zivilisten aus der Luft erschossen haben, stehen die ärmlichen Reihensiedlungen der katholischen Mehrheit. Entgegen anders lautenden Gerüchten ist die Sinn Féin interkonfessionell ausgerichtet und tritt für die Trennung von Staat und Kirche ein (Säkularisation). Im Gegensatz zu anderen Parteien ist die Sinn Féin in beiden Teilen Irlands vertreten und tritt nach wie vor für eine unabhängige, föderal ausgerichtete und demokratisch-sozialistische Republik im vereinigten Irland ein. Auch die IRA war - bis auf einige wenige Ausnahmen - eine von der sozialistischen Linken dominierte Organisation. In den siebziger Jahren warfen die Provisionals (PIRA) der offiziellen IRA zwar eine marxistische Orientierung und defensive Haltung vor. Mit der Entstehung der INLA wuchs aber auch in der (P)IRA wieder der Einfluß der Linken.
In jedem Fall gibt es heute keinen Grund, dem irischen Befreiungskampf die Solidarität zu entsagen. Gab es noch bis in die frühen neunziger Jahre Irland-Gruppen in der Bundesrepublik, ist diese Bewegung heute so bedeutungslos wie alle anderen internationalistischen Solidaritätskomitees, die zu den verschiedenen weltweiten Kämpfen um Befreiung ins Leben gerufen worden sind.
Kein Linker dürfte heute plausibel erklären können, warum die jetzt dringlichsten Forderungen nicht unterstützt werden sollten: die Freilassung der irischen politischen und Kriegsgefangenen, die konsequente Umsetzung des Karfreitags-Abkommens als ersten Schritt, die dauerhafte Etablierung der neuen nordirischen Regierung, die Auflösung der polizeilichen Sondereinheiten und den sofortigen Abzug des britischen Militärs samt seiner Einrichtungen aus Nordirland.
Jedenfalls sind Stacheldraht, Stahlgitter, Überwachungstürme und Kontrollflüge nicht förderlich für einen Friedensprozeß, wie ein junger Mitarbeiter des örtlichen Sinn Féin Büros in Derry feststellt.

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Literatur:
Peio Aierbe: Bewaffneter Kampf in Europa, Schwarze Risse Verlag, Berlin 1991
Bernadette Devlin: Irland: Religionskrieg oder Klassenkampf?, Rowohlt Verlag, Hamburg 1969
Spirit of Resistance, deutschsprachige halbjährlich erscheinende Irland-Zeitung (sehr gut!)
Irisch-Republikanische Nachrichten, Übersetzungen der An Phoblacht - Republican News (republikanische Wochenzeitung)
Marxistische Blätter Nr. 4 / 2000: Irischer Republikanismus
Gute aktuelle Informationen und viele (internationale) Kontaktadressen gibt es über http://www.irlandinit-hd.de.