Kreis Neuss ist ein ruhiges Pflaster

Rechte - gibt's die?


Der Kommissariatsleiter für Rechtsextremismus beim Düsseldorfer Polizeipräsidenten wusste den Kreistag zu beruhigen: Neuss sei "kein Zentrum rechtsextremistischer Gewalttaten". Auch in der Landesstatistik wird der Kreis als "ein in dieser Beziehung eher ruhiges Pflaster ausgewiesen".

DVU-Anhänger, Bürgerforum & Co.

Der Bericht des Kommissariatsleiters ist lückenhaft. So fällt unter den Tisch, dass bei den Landtagswahlen im Mai über 1000 Wählerinnen und Wähler im Kreis Neuss den rechtsextremen "Republikanern" die Stimme gaben. Jedes Jahr fahren Anhänger der faschistischen "Deutschen Volksunion" aus Neuss und Umgebung mit einem eigens angemieteten Bus zu einer zentralen Kundgebung mit dem DVU-Chef und Verleger Gerhard Frey.
Ein Grundstück in der Neusser Nordstadt ist seit Jahren überregionaler Treffpunkt der militant-neofaschistischen Szene. Und das "Nationale Infotelefon Rheinland", mit dem die Stiefelfascho-Szene ihr Umfeld mobilisiert, hatte jahrelang ein Neusser Postfach als Kontaktadresse.

NPD-Kreisvorsitzender Vielmal

Vor wenigen Wochen wurde der NPD-Kreisverband Neuss wiedergegründet, Vorsitzender ist Reinhard Vielmal aus Dormagen. Der 52-jährige Vielmal hat auch die bundesweite Nazi-Demonstration am 28. Oktober in Düsseldorf angemeldet. Das "Bürgerforum", das sich als "Sammelbewegung aller nationalen Kräfte" versteht, trifft sich monatlich in einer Kneipe auf der Zollstraße. Von hier werden die Leserbriefkampagnen mit ausländerfeindlichen und geschichtsrevisionistischen Inhalten organisiert, für die die NGZ ihre Spalten gerne zur Verfügung stellt, die aber auch in überregionalen rechtsextremistischen Publikationen erscheinen. Besondere Beachtung verdienen die regelmäßigen Beiträge eines Holzheimer Oberstudienrats - ehemaliger NPD-Funktionär - in faschistischen Zeitungen und Zeitschriften.

Diotima & Gerhard Frey

Wie breit der Sumpf ist, belegt auch, dass die Vorsitzende des "Diotima Literaturvereins" in der "Deutschen National-Zeitung" des Gerhard Frey als Interviewpartnerin und Leserbriefschreiberin auftritt. Der Vorsitzende eines Vereins "Rauchfrei leben" unterschrieb einen ausländerfeindlichen Aufruf, gegen dessen Urheber polizeilich ermittelt wird.
Als rechtsextrem stufen Polizei und "Verfassungsschutz" die Aktivitäten des Meerbuscher Betreibers einer "Germania"-Internetseite ein.
Der "Bund der Vertriebenen" erwog Anfang der 90er, den über zahlreiche Neonazi-Kontakte verfügenden britischen Auschwitzleugner David Irving zu seinem "Tag der Heimat" einzuladen. Für das Neusser "Herbst- und Baudenfest" der "Landsmannschaft Schlesien" wird in rechtsextremen Publikationen geworben.

Rechtsaußen & Neusser CDU

Die Grenzen von Rechtsaußen zu den Konservativen sind fließend. Die Neusser CDU ist vor eineinhalb Jahren auf den Zug der rassistischen Doppelpass-Kampagne gesprungen, mit der der hessische Oberkorrupti Koch seine Landtagswahl gewann. Jetzt unterlief die Neusser CDU die Sanktionen der EU gegen die österreichische Regierung wegen der Regierungsbeteiligung der ausländerfeindlichen FPÖ. Provokativ lud sie eine Gesandte der österreichischen Botschaft ein und bekundete damit ihre Solidarität mit der FPÖ/ÖVP-Koalition. Vorschlag für ein neues Schützenfestlied: "Heute blau und morgen braun..."
"Die Menschen im Kreis Neuss sind tolerant und weltoffen, und sie sind wachsam gegenüber allen Versuchen, die zivilen Couragen (!?) unseres demokratischen Gemeinwesens auszuhöhlen." Der Kreistag kann sich beruhigt auf seinem fadendünnen, teilweise in Kauderwelsch verfassten Aufruf zu Toleranz und Zivilcourage ausruhen. Solange nur Vorbereitungen getroffen werden Menschen zu töten und Häuser anzuzünden, ist alles im grünen Bereich. Bernd Redlich