Wer am 3. Oktober gegen 20 Uhr über die Drususallee ging oder fuhr, dem
bot sich ein wahrlich ungewöhnliches Bild. Unzählige Menschen jeden
Alters standen vor dem Eingang des Rheinischen Landestheaters und winkten mit
roten Fahnen - und das ausgerechnet am 10. Jahrestag der Deutschen Einheit!
Wer verweilte und diesen in Neuss ungewöhnlichen Auflauf linken Gesindels
weiter beobachtete, sah einen Trabbi vorfahren, aus dem ein alter gebrechlicher
Mann stieg, geleitet von einem Volkspolizisten und FDJlern. Man traute seinen
Augen nicht, es war Erich Honecker, der von den Toten auferstanden war und sein
sozialistisches Neuss besuchte unter dem Jubel seiner zahlreichen Neusser Fans.
Wer diese Geschichte nicht glauben kann, dem muss Recht gegeben werden. Leider
war diese Szene gespielt! Es handelte sich um die 14. Neusser Kabarett-Nacht,
die sich anlässlich des besonderen Datums ihrer Veranstaltung ein ungewöhnliches
wie auch - zumal in Neuss - gewagtes Thema gegeben hatte: "10 Jahre Sozialismus
in Neuss". Zahlreiche Gäste waren in Blauhemd mit rotem Halstuch erschienen,
um den Abend der Einheit gebührlich zu feiern und wurden mit einem Freigetränk
belohnt. Neusser "volkseigene" Kabarettisten unter Führung ihres
"informellen Mitarbeiters" Martin Maier-Bode versuchten, dem geneigten
Publikum eine Vorstellung davon zu machen, wie es gewesen wäre, wenn Deutschland
/ Neuss 1989 der DDR angegliedert worden wäre, was aufgrund der hier in
Neuss vorhandenen sehr starken Blockpartei CDU vor Ort sicherlich relativ unkompliziert
gewesen wäre. Dem unvoreingenommenen Zuschauer wurde ein humoristisches
interaktives Schaustück geboten, das sicherlich nicht unbedingt ein allzu
positives Bild eines vereinigten sozialistisches Deutschland vermittelte, aber
zum Nachdenken anregte. Man hätte vielleicht den Schwestern und Brüdern
im Osten doch etwas Neues und etwas Besseres gegönnt als den westdeutschen
Kapitalismus. Vielleicht hätte man dann selbst noch "rübergemacht"?
U. Ippers