Der Tibeter Tamdin Sithar sitzt seit sieben Jahren in der Autonomen Region Tibet der Volksrepublik China im Gefängnis. Zu der insgesamt zwölfjährigen Haftstrafe wurde er offenkundig nur deshalb verurteilt, weil er sich im Besitz einer Erklärung des tibetischen Exilführers und Fiedensnobelpreisträgers Dalai Lama befunden haben soll.
Bereits zum zweiten Mal lebt der 45jährige damit als gewaltloser politischer
Gefangener hinter Gittern: Schon die Jahre 1970 bis 1975 hatte er ohne Gerichtsverfahren
im Gefängnis verbracht, nachdem die chinesische Regierung 1971 eine Kampagne
zur Ausmerzung "reaktionärer Kräfte" durchgeführt hatte.
Tamdin Sithar wurde am 26. August 1983 in der Nähe von Lhasa festgenommen.
Mutmaßliche Gründe für seine Inhaftierung im Jahre 1971 - ein
Gerichtsverfahren fand nie statt - waren seine angebliche Mitgliedschaft in
einer für die Unabhängigkeit Tibets eintretenden Jugendgruppe und
sein familiärer Hintergrund: Tamdin Sithar ist mit dem früheren Erzieher
des Dalai Lama verwandt. Sithars derzeitige Gefängnishaft, die er dem Vernehmen
nach in Drapchi, dem Hauptgefängnis Lhasas, verbringen muß, basiert
allein auf seinen familiären Beziehungen und auf der gewaltlosen Ausübung
seines Menschenrechts auf freie Meinungsäußerung.
Vermutlich wurde Tamdin Sithar im August oder November 1984 vom Mittleren Volksgericht
in Lhasa verurteilt; die genaue Anklage ist nach wie vor unbekannt. Ein Anhaltspunkt
sind die Berichte über die Verfahren verschiedener anderer Tibeter. Sie
waren 1983 vermutlich im Zuge einer Arrestwelle während einer nationalen
"Anti-Verbrecherkampagne" festgenommen und wegen "konterrevolutionärer
Verbrechen" angeklagt worden, weil sie sich für eine Unabhängigkeit
Tibets ausgesprochen hatten.
Die Anklage gegen Tamdin Sithar könnte ähnlich gelautet haben. Seit
der Flucht des Dalai Lama nach Indien im Jahr 1959 gelten in Tibet jedes Schriftstück
und jede Tonbandaufzeichnung, die im Zusammenhang mit der tibetischen Unabhängigkeit
oder mit dem Dalai Lama stehen, als Grund zur Festnahme; der Wille zur Freiheit
als konterrevolutionär.
Tamdin Sithar kann durch das Schreiben von Briefen geholfen werden. Interessenten melden sich bitte bei der Gruppenleitung von ai-Neuss: Stefan Zellnig, Weißenberger Weg 195, 4040 Neuss.