Neuer Film von Claude Chabrol

Madame Bovary

Daß Literaturverfilmungen grundsätzlich problematisch sind, hat nicht erst die verfehlte Homo Faber-Präsentation gezeigt. Zusätzlich schwierig wird es, wenn der Roman oder die Novelle zu den bekannteren gehört, wie es bei Gustave Flauberts Roman "Madame Bovary" der Fall ist. Trotzdem wagte sich nun Claude Chabrol, längst etablierter Regisseur, an dieses Meisterwerk.
Emma, Tochter eines reichen Bauern, heiratet Charles Bovary, einen Arzt. Kurz nach der Hochzeit stellt sie fest, daß er nicht der Mann ist, der ihre Bedürfniss erfüllen kann. Sie sehnt sich nach einem Geliebten, den sie bald in Rodolphe findet. Nachdem dieser sie verläßt, beginnt sie eine Liaison mit Leon, einem Notargehilfen. Um dieses Leben finanzieren zu können, nimmt sie immense Kredite auf, die schließlich von den Gläubigern eingefordert werden. Resigniert begeht sie mit Arsen Selbstmord.
Obwohl der Film sich eng an die textvorlage hält - er zitiert über einen Erzähler sogar Passagen aus dem Roman - ist die Umsetzung enttäuschend. Die dezente, aber treffende Ironie des Buches wird von Chabrol durch die plumpe Lächerlichkeit Charles Bovarys ersetzt. Charles Bovary (Jean-Francois Balmer) ist im Film nur ein naiver Spießer, wogegen das Buch auch eine nach Freiheit sich sehnende Seite des Charakters zeichnet.
Isabelle Huppert in der Rolle der Emma Bovary spielt überzeugend und bringt auch die Zwiespältigkeit der Person, vor allem in den Szenen, die die Operation eines Klumpfüßigen behandeln, gekonnt zum Ausdruck. Die Sehnsucht nach Ruhm und sozialem Aufstieg sowie die damit verbundene Abwertung der Menschen bleiben auch heute ein aktuelles Phänomen.
Interessant ist auch Chabrols Diskussion des Konfliktes zwischen Aufklärung und Religion, die Flaubert an den Figuren des Apothekers und des Pfarrers festmachte. Chabrol verschiebt die Sympathien zuungunsten des Apothekers, eine sicherlich zu diskutierende Entscheidung.
Letztlich sollte auch bemerkt werden, wie geschickt Chabrol die Begriffe des Naturalismus einbringt. Nicht nur Leon bemerkt: "Man hat es nicht leicht als Idealist", sondern auch Worte, wie Temperamat, Mitrer etc. tauchen auf. Die Konsequenz und den Leitsatz formuliert Bovary in seinen letzten Worten: "Es ist fatal."
Ein Film, der trotz allem die Betrachtung lohnt, nicht zuletzt aufgrund der Möglichkeit, z.B. die Frage des Schicksalsbegriffes weiterführend zu diskustieren.

Andreas Niederberger