Im Wortlaut:

Wer Müllverbrennung will, braucht Abfall

Der Kreistag hat sich am 17. September für den Einstieg in die Müllverbrennung entschieden, mit den Stimmen der CDU, der FPD und der SPD. Lediglich die fünf Kreistagsabgeordneten der Grünen stimmten gegen das neue Abfallkonzept, weil es von vornherein auf diesen Entsorgungsweg zugeschnitten war. Kurt Christian, Sprecher der Grünen Kreistagsfraktion, hielt anläßlich der Verabschiedung des neuen Abfallkonzepts nachfolgenden Redebeitrag, der nach Darstellung der anderen Fraktionen polemisch und ideologisierend, aber nicht hilfreich war. Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil!

"Meine Damen und Herren,
spätestens seit dem Moment, als die Verwaltung den Gutachtentext für ein neues Abfallkonzept vorlegte, war endgültig klar: im Kreis Neuss wird es in Zukunft keine ernstzunehmende Diskussion über Abfallentsorgung ohne Müllverbrennung (im folgendem MV) mehr geben. Die parallel zu den Konzeptberatungen gestartete PR-Kampagne verfolgte entgegen den Darstellungen des Umweltdezernenten ("ich werde bis zum Exzeß diskutieren" - O-Ton Dr. Rainer Fontayn) nie und an keiner Stelle den Zweck, die Diskussion mit den BürgerInnen so offen zu halten, daß sich die Verwaltung und die Altparteien am Ende möglicherweise auf eine Abfallentsorgung verständigen könnten, die eben ohne MV auskommt. Insbesondere die kreisweite Fragebogenaktion fungierte lediglich als Verkaufsstrategie für das Verbrennungskonzept. Geschickt nutzte die Verwaltung fehlendes Wissen bei den BürgerInnen, z.B. in Bezug auf die Frage, ob es denn eine gesetzliche Verpflichtung zur MV gebe, aus, um mit der entsprechenden Behauptung die öffentliche Meinung in die gewünschte Richtung zu manipulieren. Unverhohlen werden kritische Stimmen gegen die MV weiterhin mit der ignoranten Behauptung, es handele sich lediglich um "emotionale Widerstände", diffamiert. Seien Sie jedoch sicher: kritisches Fachwissen zur MV ist im Grevenbroicher Süden [Anmerkung der Redaktion: Es ist seit langem ein offenes Geheimnis, daß die geplante MVA hier errichtet werden soll] inzwischen häufiger zu finden, als bei denen, die heute ihr Ja zu diesem Entsorgungsweg im Kreis Neuss bekunden. Sie entscheiden heute nicht über ein noch irgendwie offenes Müllkonzept (so wie es die SPD gerne sieht), sondern Sie entscheiden sich heute für oder gegen MV. Ich erspare mir aufgrund dieser eingeengten Perspektive, nochmal die Kritikpunkte an dem vorliegendem Zahlenmaterial, an den zur MV hin orientierten und hochgerechneten Abfallströme zu wiederholen.
Ebenso wie die Bürgerinitiative Grevenbroich und der BUND halten wir es für nachweisbar, daß im Kreis Neuss eine MVA nicht notwendig wäre, wenn Verwertung in ausreichendem und möglichem Maße berücksichtigt worden wäre.

Müllverbrennung ist eine Scheinlösung

Da die Mehrheitsverhältnisse in diesem Gremium so sind, wie sie sind, versuche ich denjenigen, die heute die MV in den Kreis Neuss holen, in deutlicher Sprache zu sagen, worauf Sie damit die BürgerInnen festlegen:
Die MV schafft nicht eine qualitativ neue Abfallentsorgung. Das Verbrennen und Vergessen unterscheidet sich in seiner Wirkungslosigkeit auf die Lebens- und Produktionsweisen, die ursächlich sind für wachsende Abfallberge, in keiner Weise vom bisherigen Vergraben und Vergessen. Ganz im Gegenteil: überall dort, wo bereits MVA's betrieben werden, weiß man heute: wer Müll verbrennen will, will Abfall, weil er den Erzeugern signalisiert: Ihr könnt so weitermachen wie bisher.
Die MV wird von interessierter Seite aus Politik und Wirtschaft (der Grevenbroicher Bürgermeister und das dort ansässige RWE) den entsorgungspflichtigen Körperschaften als scheinbare Lösung angeboten, die die Abfallberge quasi weghext. Begleitet wird dieses Angebot mit ganz neuen Sprachregelungen, die an Orwells Neusprech erinnern: Nullemissionen, thermische Verwertung oder Abfallverringerung durch thermische Vorbehandlung. Ich sehe in dieser Sprachverwirrung lediglich den raffinierten Versuch, den BürgerInnen erneut den steinzeitlichen Irrtum zu vermitteln: was ich verbrenne, ist nicht mehr da. Da ist der Abfall weiterhin: als Emissionen, als Filterstäube, als Schlacke etc.

Achillesferse der Produktion

Ineressiert an der Verbreitung dieser Technologie sind auch Bundes- und Landesregierung, weil querbeet und unterschiedslos alle Altparteien die populistische Scheu umtreibt, daß konkrete gesetzliche Rahmenbedingungen zur Abfallvermeidung an der Quelle (z.B. konkrete Produktionsauflagen) quasi umstürzlerische Qualität hätten. Diese Furcht ist nicht ganz unverständlich, denn der Abfall gilt gesellschaftlich als die Achillesferse einer auf Verschleiß, Verbrauch und Vernutzung ausgerichteten Produktions- und Lebensweise. Insoweit halte ich das Ja aus den Reihen der SPD zur Abfallverbrennung für besonders entlarvend, denn in ihrem Programm "Fortschritt 90" ist doch eigentlich vom ökologischen Umbau der Industriegesellschft die Rede. Wer vor diesem Hintergrund, wie Sie im letzten Kreisausschuß, Herr Heckelmann, behauptet, das NEUE Abfallkonzept sei ein Akt der Daseinsfürsorge für künftige Generationen, der muß sich den Vorwurf der Volksverdummung gefallen lassen.

Großunternehmen RWE

Was bedeutet nun der Einstieg in die MV für den Kreis Neuss?
Mit diesem Müllverbrennungskonzept werden die BürgerInnen genau wie in der Energiefrage auch in der Abfallentsorgung in die totale Abhängigkeit vom gleichen Großunternehmen RWE geführt. Dieser Prozeß ist zwangsläufig, denn die immensen Kosten für die entsprechenden Behandlungsanlagen kann keine Kommune und kein Kreis aufbringen. Alleine die avisierte Verbrennunsanlage erreicht nach jetzigem Stand mit 700 Millionen DM Baukosten mehr als das 1,5fache des Kreisetats. Darüber hinaus sind die Anbieter bestens bestückt mit technischem und planerischem Know-how, besser jedenfalls als die Umwelt- und Planungsbehörden in Ihrem Umfeld, Herr Oberkreisdirektor!
Und die Anbieter haben sich in zahlreichen Genehmigungs- und Anhörungsverfahren eine Menge an Erfahrungen angeeignet, widerspenstige Bürgerinitiativen stellvertretend für die örtliche Politik und Verwaltung über den Tisch zu ziehen.

Gesundheitsgefährdung

An diesem Punkt möchte ich abschließen mit der Feststellung, daß Sie heute über ein Müllverbrennungskonzept entscheiden, das nur noch die Standortfrage beinhaltet. Was die zu erwartenden Bürgerproteste betrifft, Herr Oberkreisdirektor, wäre noch eine von Ihne des öfteren erhobene Beschuldigung im Vorfeld zu widerlegen. Wer, wie Sie behauptet, Bürgerinitiativen würden immer nur Partialinteressen und nicht Allgemeininteressen vertreten, ist einem fatalen Fehlschluß aufgesessen. Wer sich gerade im Abfallbereich Planungen widersetzt, von denen er seine persönliche Gesundheit und die Umwelt gefährdet sieht, verfolgt, wenn auch aus persönlichem Anlaß, eher öffentliche Interessen als so mancher in Politik oder Verwaltung. Egal, wo die MVA im Kreisgebiet errichtet wird: diese Planung provoziert an jedem Standort die gleichen Auswirkungen auf die Gesundheit, Umwelt und auf die Gedanken.
In diesem Sinne wünsche ich den anstehenden Standortverfahren, daß Sie von vielen persönlichen Interessen im Interesse der Allgemeinheit aufmerksam und kritisch, wenn nötig auch mit juristischen Schritten, verfolgt werden."

Kurt Christian