Seit nahezu 375 Jahren werden am Quirinus-Gymnasium zu Neuss Knaben monoedukativ für die Hierarchie der Berufe sortiert. Auf diese Weise werden die Buben fürsorglich vor der Versuchung in Gestalt von holden Mägdelein bewahrt. Weil die Anmeldezahlen rückläufig sind, soll nun diese Bastion des christlichen Geistes geschliffen werden, indem die Schulpforte auch für Mädchen sich öffnet.
Pädagogik und Schöpfungsplan
Als Anno Domini 1616 wackere Schulmeister aus dem Jesuitenorden das Quirinus-Gymnasium gründeten, handelten die Pfaffen in Übereinstimmung mit dem göttlichen Schöpfungsplan. Sie ließen ihre Erziehung nur den Knaben, nicht aber den Mädchen angedeihen, weil die göttliche Vorsehung den Geschlechtern unterschiedliche Funktionen zuweist. Während der Mann als Ernährer der Familie auserkoren ist, soll das Weib Heim und Kinder hüten.
Non scolae, sed vitae discimus!
Seither ist das "Quirinus" seiner Aufgabe als höhere Lehranstalt
für Knaben immer wieder gerecht geworden. Die schulmeisterlichen Anstrengungen
zielen seit fast vier Jahrhunderten darauf ab, die Buben mittels Verabreichung
von Unterrichtsstoff für die verschiedenen Berufe in der Gesellschaft zu
selektieren. Wer imstande ist, den Lehrstoff in angemessener Weise wiederzugeben,
erhält gute Noten und erwirbt irgendwann das Reifezeugnis, welches ihm
den Weg zu den Jobs der Elite öffnet. Die anderen Schüler werden aussortiert
und müssen sich für niedere Tätigkeiten verdingen.
Daß die Wissensvermittlung nicht Ziel, sondern lediglich Mittel der pädagogischen
Veranstaltung ist, macht die Sache so anstrengend und langweilig zugleich. Der
Schülerjargon spiegelt diesen Sachverhalt korrekt wider: Penne steht für
Schule und Pauker für Lehrer.
Der Fluch der Koedukation
Doch um derlei Kleinigkeiten geht es im Neusser Schulstreit A.D. 1991 nicht.
Höheres nämlich steht auf dem Spiel: Sollen die Knaben fortan gemeinsam
mit den oder wie bisher getrennt von den Mädchen für die Hierarchie
der Berufe sortiert werden?
Leicht tun sich bei der Beantwortung dieser Schicksalsfrage die technokratischen
Modernisierer. Weil die Anmeldungen drastisch zurück gingen und infolgedessen
die Existenz des Quirinus-Gymnasiums gefährdet sei, müsse man Mädchen
an die Jungen-Schule holen.
Hiermit einverstanden ist der zuständige Regierungspräsident in Düsseldorf.
Allerdings weist er eindringlich darauf hin, "daß die sanitären
Einrichtungen für beide Geschlechter ausreichen müssen".
Und selbst der wortgewaltige NGZ-Redakteur Chris Stoffels sorgt sich lediglich
um "die Vielfalt in der Neusser Schullandschaft". Neben dem Jungengymnasium
könne nämlich auch die Schule Marienberg, ein reines Mädchengymnasium,
verloren gehen, weil die Öffnung des "Quirinus" dort Mädchen
weglocke.
Einzig Johannes Sticker, Nievenheimer Amtsdirektor a.D., trotzt dem Zeitgeist.
Vehement ergreift er Partei für die göttliche Vorsehung und verkündet,
"daß die Koedukation jenem Schöpfungsplan widerspricht",
der beiden Geschlechtern in Familie und Gesellschaft je verschiedene Aufgaben
zuweise.
Mahnung zur Umkehr
Verloren jedoch ist die Sache des Schöpfers noch nicht. Nachdem die Stadtratsmehrheit
zunächst für die Koedukation in der Sexta sich ausgesprochen hatte,
wurde die Entscheidung nach einem "Abstimmungskrimi" auf den 8. November
diesen Jahres vertagt.
Alle aufrechten Christenmenschen dürfen also hoffen, daß die Neusser
Knaben im Quirinus-Gymnasium auch fürderhin bedarfsgerecht für die
Arbeitswelt sortiert werden, ohne dabei von modernen Evas versucht zu werden.
Der Herr wird's wohl richten - eventuell mit Hilfe der braven Neusser Sozialdemokraten.
Franz Anger