Am 11. September eröffnete das Rheinische Landestheater die Saison mit
"Lulu" von Frank Wedekind. 1898 war die Uraufführung ein Skandal,
und ein Teil des Stückes, welches ursprünglich aus zweien besteht,
wird aufgrund pornographischen Charakters verboten. Darüber hinaus gilt
die Tragödie in Theaterkreisen als schwer spielbares Stück.
Das Leben einer jungen Frau wird oberflächlich vom Sterben ihrer Gatten
begleitet. In Wahrheit ist sie jedoch einem Mann in Liebe verbunden, der sie
als junges Mädchen von der Straße holte. Nachdem sie endlich mit
ihm verheiratet ist, sieht sie sich eines Tages einer Situation gegenüber,
in der sie aus Notwehr den Geliebten erschießt. Auf der Flucht endet sie
in einer Londoner Dachkammer, wo sie schließlich Jack the Ripper zum Opfer
fällt.
Dies alles ist Grund genug, die Aufführung des Neusser Theaters mit großem
Interesse zu betrachten. Egmont Elschner beschränkt die Inszenierung auf
den Prolog, den ersten, zweiten und vierten Akt der Tragödie "Erdgeist"
sowie den dritten Akt aus "Die Büchse der Pandora". Diese Einschränkung
verhindert die komplette Erkenntnis der grundlegenden Zusammenhänge und
erschwert das Verständnis. Auf diese Weise kommt auch die Gräfin Geschwitz
(Heidi Rathgeber), die zwar gut gespielt ist, nicht zu der Bedeutung, die Wedekind
in ihr sah. Er bezeichnet im Vorwort die in Lulu verliebte Adlige als tatsächlich
"tragische Hauptfigur".
Eva Rittel in der Rolle der Lulu bemüht sich zwar, bleibt aber letztendlich
zu blaß. Lulu wird so zum Objekt der agierenden Männer, die Andeutungen
über ihre kognitiven Fähigkeiten und die sich daraus ergebenden Konsquenzen
für ihr Handeln bleiben unverständlich.
Die männlichen Rollen sind nur mäßig besetzt, wobei lediglich
Dieter Bölter-Mardt als Chefredakteur Schön und Sack überzeugen
kann. Die Entkleidungsszenen mit Uli Mokrusch wirken nur lächerlich, haben
keinen modernen Ansatz (vielleicht ist das in Neuss modernes Theater...).
Egmont Elschner bleibt seinem Stil treu und inszeniert auch dieses Stück
klassisch und frei von modernen Aspekten. Dabei hätte gerade dises Stück
die Möglichkeit geboten, den traditionellen Rahmen zu brechen.
Andreas Niederberger