Alte Schlachten neu geschlagen

oder: die Notwendigkeit der Wiederholung

Was gibt es zu berichten, wenn sich Sahra Wagenknecht und Gerhard Zwerenz zu einem Streitgespräch über mögliche Alternativen zum sich als "Sieger der Geschichte" dünkenden globalen Kapitalismus (=potenzierter Imperialismus) treffen? Für denjenigen, der die Diskussionen in der "Post-89er-Linken" bisher verfolgt hat, sind die Namen bereits Programm, bzw. Programmlosigkeit. Die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Polen konnte am 24.03.1997 im "Künstlerhaus 188" zu Halle im Rahmen einer öffentlichen Diskussion verfolgt werden. Nachzulesen ist die Kontroverse nun im jüngst erschienenen Buch des Querfurter Dingsda-Verlages "Die grundsätzliche Differenz", mit dem sich auch das folgende Resümee beschäftigt.
Ausgangspunkt der Streits um die Zukunft ist auch hier - wie könnte es anders sein - die Analyse der Vergangenheit, konkret des realsozialistischen Versuchs der DDR. Die PDS-Bundestagskandidatin und prominente Genossin der Kommunistischen Plattform der PDS (KPF) Sahra Wagenknecht bemüht sich offensichtlich um eine differenzierte Sichtweise der Dinge. In gewohnter Opposition zum Zeitgeist streicht sie die unbestreitbaren, vor allem sozialen Errungenschaften der DDR heraus, um dann aber auch zur Kritik überzugehen an Demokratiedefizit, geistiger Stagnation und der unter Honecker einsetzenden starren Überzentralisierung der Wirtschaft, der sie vor allem Ulbrichts erfolgreiche Reform der 60er Jahre im Zeichen des "Neuen Ökonomischen Systems" entgegenstellt.
Der Schriftsteller und parteilose PDS-Bundestagsabgeordnete Zwerenz hingegen zieht seine persönlichen DDR-Erfahrungen zur pauschalen Verdammung des anderen Deutschland heran, dabei unterschlagend, daß dessen unbestreitbare Gebrechen vor allem (wenn auch nicht nur) im Lichte des damaligen ökonomischen Kräfteverhältnisses gesehen werden müssen.
Lässt sich eine derartige Position noch relativ klar dem mittlerweile auch in der Linken grassierenden rückwirkenden Antikommunismus zuordnen, so gleitet Zwerenz anschließend in vollends konfusen Eklektizismus ab. Einerseits sei eine "neue revolutionäre Strategie", gestützt auf die "Selbstbefreiungsbewegungen der Unterdrückten verschiedener Schichten und Klassen" nötig, um den globalisierten Kapitalismus "zurückzuschlagen", andererseits sei jeder Gedanke an eine alternative Gesellschaftsordnung ein für allemal als barer Unsinn entlarvt und es könne nur noch um einen gebändigten Kapitalismus im "Einverständnis mit lokalen Kapitalgruppen" gehen. Die Bezeichnung "Wirrkopf" angesichts eines solch eigentümlichen (Miss-)Verständnisses von "Volksfrontpolitik" verbietet sich hier nur noch aus Gründen der Höflichkeit. Zwerenz favorisiert für die Sozialisten (die keinen Sozialismus mehr wollen sollen) die individuelle Revolte, Alternativleben und die "Kunst des Freischwebens, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren." Ein "hilfreicher" Ratschlag für Sozialhilfeempfänger am Rande des Existenzminimums, wie auch Sahra Wagenknecht treffend anmerkt.
Für sie besitzt Rosa Luxemburgs Formulierung "Sozialismus oder Barbarei" nach wie vor Aktualität. Organisierter, klassenkämpferischer Widerstand, orientiert an den realen Bedürfnissen der Lohnabhängigen und ausgestattet mit dem analytischen Instrumentarium des nicht nur von Norbert Blüm, sondern auch von Zwerenz totgesagten Marxismus - all das erscheint Sahra Wagenknecht unverzichtbar zur Überwindung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, ohne die keine grundlegenden sozialen Veränderungen vorstellbar seien. Und nachdem die Staatsverschuldung dem klassischen, an Keynes orientierten Rezept sozialdemokratischen Krisenmanagements das Genick gebrochen habe, sei es vor allem das Einschwenken der SPD-geführten Bundesregierung auf den "neoliberalen" Kurs, der alle Träume vom sozialen, aufgeklärten Kapitalismus zerplatzten lasse.
Leichtfüßige Freigeister vom Schlage Gerhard Zwerenz' mögen derartige Überlegungen langweilig, altbacken und phantasielos finden. Allerdings sollte eine Gesellschaftsanalyse nicht an ihrem Unterhaltungswert gemessen werden, sondern daran, wie sie sich mit der Realität verträgt, mit der sich herumzuschlagen Herrn Zwerenz offensichtlich zu banal ist. Ein geschlossenes Konzept hat er nicht, und die lokalen Kapitalgruppen, die er zur Einsicht bringen will, wird er vermutlich noch lange suchen. So weit kann es kommen, wenn man vor dem substanzlosen, großmäuligen Siegesgetöse des Kapitals in die Knie geht.
Sicher ist nicht alles in Sahra Wagenknechts Ausführungen neu. Schließlich hat schon Rosa Luxemburg vor ca. 100 Jahren Eduard Bernstein zu erklären versucht, daß man die Kapitalisten nicht in aller Freundlichkeit von der Verderblichkeit ihres Waltens überzeugen und sie so zur Besserung bewegen kann. Daß der kreative Geist des freischwebenden Herrn Zwerenz sich derartigen Tatsachen bislang aber verschloss, kann Sahra Wagenknecht nicht angelastet werden. Und so erklärt sich der Umstand, daß manche Dinge mehr als einmal gesagt werden müssen. Manchmal auch ein Jahrhundert hindurch.

Erik Penner


(Sahra Wagenknecht/ Gerhard Zwerenz:
Die grundsätzliche Differenz, 112 Seiten,
gebunden,
DM 20,00,
Dingsda-Verlag 1999,
ISBN 3-928498-72-X)