Rheinisches Landestheater Neuss

Interview mit Sewan Latchinian und Gernot Hertel

Zu Beginn der diesjährigen Theatersaison hatte der Neusser Monat Gelegenheit, mit dem Oberspielleiter Sewan Latchinian und dem Schauspieler Gernot Hertel einen Blick hinter die Kulissen des RLT zu werfen und unseren LeserInnen einen kleinen Einblick in die Schwierigkeiten der Schauspielerei unter den heutigen Bedingungen, über ,,begabte und unbegabte Kritik", über gesellschaffliche Perspektiven auf dem Theater, über Agitproptheater alten Stils usw. usf. zu geben.

NM: Theater muss sein - muss Theater sein?
Sewan Latchinian (S.L.): Theater ist für mich so selbstverständlich dazugehörend zum Leben, gehört seit Urzeiten zum Menschen. Deswegen muss heute niemand sagen, Theater muss sein, wird immer sein. Ich brauche diesen Nachdruck nicht, well man sich dadurch in eine Verteidigungs- und Rechtfertigungsposition bringt, als sei Theater ein notwendiges Übel.
NM: Zehn Jahre nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch des ostlichen Sozialismusmodells. Welche zur hiesigen Marktwirtschaft alternativen gesellschaftlichen Perspektiven könnten heute im Theater deutlich gemacht werden?
Gernot Hertel (GH): Gesellschaftliche Alternativen auf dem Theater ergeben sich einfach durch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn man dieses von Sewan jetzt inszenierte Stück, ,,Ladies Night", betrachtet, wenn das keinen gesellschaftlichen Background hat?! Denn gerade die Arbeitslosigkeit wird da auf die beste Art und Weise dargesteilt. Man kann die Arbeitslosigkeit nicht dadurch darstellen, dass man Arbeitslose auf die Bühne bringt. Für mich ist es auch ein tieftrauriges Stück, aber auch ein sehr optimistisches Stück, weil die Arbeitslosen etwas unternehmen. Sie entwickeln Energien, sie investieren was. Das ist ein Stück, das in unsere Zeit prima draufpasst.
Selbst wenn ich jetzt so ein altes Stück wie ,,Minna von Barnhelm" unter den Gegebenheiten des Krieges auf dem Balkan betrachte. Einen ganz ähnlichen Konflikt gab es in Deutschland vor 250 Jahren, als die Preußen auf die Sachsen losgingen. Was da für Verletzungen innerhalb der Volksstämme passiert sind. Also dies ist gar nicht so furchtbar weit weg.
NM: Noch einmal zu "Ladies Night". Die Akteure bewegen sich ja letztlich innerhalb des bestehenden Systems. Sie werden Unternehmer in eigener Sache. Perspektivisch gibt es keine Alternativen dazu. Die Frage nach den Ursachen der Arbeitslosigkeit wird nicht gestellt, und dementsprechend wird daran auch nicht gedreht. Sie verdingen sich nur anders und schaffen in ihrem neuen Job aber nicht die Professionalität, die nötig wäre.
SL: Rein kräfte- und talentmäßig hätten sie es geschafft. Doch, sie haben nur keine Lust, es zu schaffen. Der Mensch in ihnen siegt. Sie finden Unwohlsein in diesem Sexbusiness.
In der vorletzten Szene sind sie auf einer Höhe, wo das auf der Bühne schon ganz gut läuft. Aber hinter den Kulissen fangen die Zerreißprozesse an, fangen sie an, sich zu betrügen. Die alte Solidarität des Aufbruchs ist vorbei. Sie sind von dem System, in dem sie nun inzwischen angekommen sind, vergiftet und spüren das auch. Bei der ersten besten Gelegenheit sagt einer: ,,Wir hören auf." Ohne genaues Bewußtsein.
Sic sind nicht gescheitert, weil sie keine Profis sind, sondern weil sie Menschen sind, die sich nicht einpassen lassen wollen in diesen Sexbusinessbetrieb. Sic schlafen lieber wieder unter den Brücken, als im Geld zu schwimmen. Wieder im Arbeitsamt, überlegen sie, und das liegt in der Natur der Sache, was man nun tun könnte, eine neue Show.
Ich denke, dass da im Publikum so ein Punkt getroffen worden ist, dass man einen Aufbruch spürt, aber auch noch nicht genau weiß, wie der weiter gehen wird.
NM: Was wäre mit der Möglichkeit, wirkliche Arbeitslose in das Stück miteinzubeziehen? Die könnten sich dann zu dem Stück äußern bzw. ihre möglichen Lösungen vorschlagen.
GH: Wir haben früher bei solchen Produktionen Arbeitslose eingeladen, mit ihnen im Zusammenhang mit der lnszenierung oder hinterher diskutiert. Aber ich glaube nicht, dass das dienlich ist.
Das Theater ist nicht gut beraten, wenn es Lösungen vorzeigt. Das Theater ist da wichtig, wo es die richtigen Fragen stellt. Die Zuschauer müssen die selber beantworten. Das gezielte Agitproptheater hat sich nicht bewährt, denn es stößt auf Widerstand, weil der Zuschauer sich sofort entmündigt fühlt. Davon müssen wir wegkommen. Das ist ja auch die Grundfrage von Brecht: ,,Wir sind nicht da, hier die Probleme zu lösen. Unsere vornehmliche Pflicht ist es zu unterhalten. Entscheidend ist das Niveau und die richtigen Fragen zu stellen." Ein wunderbarer Stückschluss aus ,,Guter Mensch von Sezuan", gebraucht immer Reich-Ranicki, ,,Der Vorhang zu und alle fragen offen".
SL: Ich würde mich beschissen fühlen, wenn wir im Theater versuchen würden, die Widersprüche der Gesellschaft zu lindem. Wir würden sie lindern, wenn wir jetzt eine kostenlose Vorstellung für Arbeitslose machen würden. Ich hätte das dumme Gefühl, wir würden dem Staat zwei, drei Tage seiner Existenz verlängern. Ich würde geme die Wut steigern und die Widersprüche nicht verkleistern.
NM: Das RLT wurde bei der Kritikerumfrage zur Theatersaison 98/99 in der Zeitschrift ,,neues rheinland" mehrfach positiv, u.a. als Theater im Aufwärtstrend" hervorgehoben. Welche Rolle spielt die Kritik, ob positiv oder negativ, für Ihre Arbeit?
SL: Eine große Rolle, weil erst einmal damit Öffentlichkeit für uns geschaffen wird. Das ist mir das Wichtigste. Ob die Kritik gut ist oder schlecht, begabt oder nicht, ist fast zweitrangig. Es ist ganz wichtig, dass über unser kleines Theater überhaupt geschrieben wird. Wir freuen uns, dass das zunimmt. Die Kritik ist oft ein wichtiger Partner. Über jede produktive Kritik sind wir alle froh. Aber oft stellt sich für uns in Neuss oder in den Abstecherorten die Frage, was sind das für Menschen, die da mal kurz eine Kritik geschrieben haben. Wie steht es da um die Professionalität der Kritik? Auch Kritik ist große Kunst. Es gibt ja keine Kritik der Kritik. Ich finde immer Zeitungen am allerbesten, die zwei Kritiker schicken - pro- und contramäßig. Denn dieser Papststandpunkt, der der Kritik oft zukommt, ist sehr ungünstig.
GH: Es geht nicht darurn, dass wir als Schauspieler jetzt mehr Lob bekommen. Je konstruktiver die Kritik ist, desto mehr kann sie bewirken. Kritik schreckt weder die Zuschauer noch uns ab. Die Kritik muss unterscheiden, was ist das Stück, was ist die Regie und was sind die schauspielerischen Leistungen. Diese drei Sachen auseinanderzuhalten, daran mangelt es.
SL: Da gibt es oft den ganz ärgerlichen Satz für Regisseure: Die Schauspieler waren toll, aber die Regie war schlecht. Es wird nicht begriffen, dass es ganz viele Regisseure gibt, die sich eigentlich nur uber die Schauspieler verkörpern. Ich bin ein Regisseur, der absolut in seinen Schauspielern aufgeht, weil ich selbst aus der Schauspielerei komme und auch den Schauspieler für den Mittelpunkt des Theaters halte. Andere halten das Konzept für den Mittelpunkt des Theaters oder die Regiephantasie.
Ich würde mich also freuen, wenn Neuss also auch noch um eine Kritik im NEUSSER MONAT bereichert würde, um so eine linke kritische Position. Das fände ich für uns Alle und auch die Stadt sehr spannend.
NM: Gibt es eine fruchtbare Konkurrenz zu anderen Theaterprojekten, wie dem Theater am Schlachthof?
SL: Ja, natürlich. Aber wir sind so eitel zu denken, dass wir letztendlich dann doch schon die professionellste Bühne hier in der Stadt sind. Wir empfinden andere Projekte eher als freundliche Bereicherung. Manchmal staunen wir, wie nassforsch diese Halb- oder Gar-nicht--Profis sich an Stücke wie ,,Nora" heranwagen. Wo wir im RLT, wo ja Schauspieler sind, die mindestens vier Jahre studiert haben und oft zehn Jahre Praxis haben, wo wir sagen, so weit sind wir noch nicht. Wir wollen unsere Schauspieler langsam daraufhin entwickeln. Das gebietet der Respekt vor dem Stück.
Also, wir finden es gut, dass es eine reiche, halbprofessionelle Szene gibt.
GH: Es gibt da auch eine freundschaftliche Beziehung. Es arbeiten ab und zu Leute vom Schlachthof bei uns mit...
SL: ...oder werden dann ganz und gar Vollmitglieder bei uns, wie z.B. Jürgen Eick, der jetzt Regieassistent bei uns ist und auch bald seine erste eigene Regie machen wird.
NM: Im Vorfeld der Premiere von ,,Ladies Night" gab es Probleme um die Rechte mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus. Was steckt hinter solchen Vorgängen?
SL: Geld. Geld und Macht von reicheren Theatern, die erst mal 25 Millionen Mark mehr als wir pro Jahr zur Verfügung haben, die 1200 Plätze haben, wir nur 400. Und jeder besuchte P!atz bedeutet nicht nur für den Autor, sondern auch für den Verlag Tantiemen. Da ist die Versuchung für so einen kleinen Verlag wie den Hartmann & Stauffacher Verlag in Köln sehr groß, zu sagen, wenn jetzt die Düsseldorfer das Stück spielen wollen, dann geben wir denen das eher. Es gibt größere öffentliche Beachtung und auch mehr Geld. Es ist ja auch die Pflicht eines Verlages, etwas für ein Stück und dessen Autor zu tun. Aber es wird an dem Punkt arnoralisch. Da wird dann für den Profit das Kapital kühn und stampft alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß. Es war nicht anständig. Wir haben dieses Stück auch für das Düisseldorfer Schauspielhaus entdeckt und da hätte man uns das Recht der ersten Aufführung schon lassen sollen.
Es gibt da eine wirkliche Grauzone. Das Problem ist folgendes: Man meldet eine Erstaufführung bei einem Verlag an und bekommt die auch. Aber dieses Recht wird nicht erkauft wie in Amerika als Exklusivrecht. Man zahlt auch nicht dafür, dass man das Erstaufführungsrecht bekommt.
Wenn nun eine andere Bühne - ärmer oder reicher - das Stück vorher aufführen möchte, kann der Verlag die Erstaufführung dieser Bühne überlassen.
Wir als Landestheater haben das Problem, dass wir uns immer zwei Jahre vor den anderen Bühnen outen müssen mit unserem Programm, weil wir dieses vorzeitig anbieten und verkaufen müssen. Wir sind auf diese Weise Ideenlieferant für Köln, Düsseldorf, Dortmund und Bochum. Wir haben die Ideen zwei Jahre im Voraus und die können innerhalb eines halben Jahres für sich entscheiden und es so anderthalb Jahre vor uns herausbringen mit all der publizistischen Begleitung bei Erstaufführungen. Da kommt dann die FAZ und die WAZ und das "Theater heute" und das Fernsehen. Da wäre dann ein noch viel hochkarätigerer Kritikerblock in der Premiere von "Ladies Night" gewesen, als es nun war. Das Interesse ist dann durch wie der neue Audi A8. Wenn man den einmal gesehen hat, ist es egal, wer ihn wo verkauft. Das ist auch so ein Gesetz dieser Marktwirtschaft: Wer ist der Erste? Der hat das Interesse, der hat den Fokus.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe