Kästnerabend mit Gabi Strahl und Christian Koxholt

Eine erfreuliche Überraschung war dieser Abend, am 19.8. im Edith-Stein-Haus, da man in dieser Institution eher mit konservativ Biblischem rechnet. Hiervon war aber keine Spur zu merken und hätte natürlich auch zu Kästner nicht gepaßt. Mit ihrer Zusammenstellung polemischer politischer Gedichte und interessanter Hintergrunderläuterungen gelang Gabi Strahl ein faszinierender Abend und das relativ zahlreiche Publikum war begeistert. Der Vortrag lebte von Gabis humorvoller, überzeugender Art der Darbietung und wurde hervorragend ergänzt von den einfühlsamen Musikeinlagen Christian Koxholts mit dem Sopran-Saxophon.
Wie wir von Gabi erfuhren, strebt sie Lesungen auch in anderen Neusser Lokalitäten an. Dies dürfte sicherlich das magere Kulturleben unserer Stadt bereichern. Der NEUSSER MONAT wird Gabi eine Dichterecke auf der Kulturseite einrichten, in der von ihr ausgewählte politische Gedichte veröffentlicht werden.

U. Ippers

Erich Kästner
Die deutsche Einheitspartei

Als die Extreme zusammenstießen, begriff Max Müller, wie nötig er sei. Und er gründete die Partei aller Menschen, die Müller hießen.
Müller liebte alle Klassen. Politische Meinungen hatte er keine. Wichtig war ihm nur das eine: Sämtliche Müllers zusammenzufassen.
Seinem Aufruf entströmte Kraft. »Wir verteidigen«, schrieb er entschieden, »Rück- und Fortschritt, Krieg und Frieden, Arbeitgeber und Arbeiterschaft.
Freier Handel und Hochschutzzoll haben unsere Sympathie. Republik und Monarchie sind die Staatsform, die herrschen soll!«
Alle Müllers traten ihm bei. Und die andern kamen in Haufen, 1ießen sich eiligst Müller taufen und verstärkten die neue Partei.
Und sie wuchs, trotz vieler Brüller. Kurzerhand ging sie in Führung. In der nächsten Reichsregierung hießen zehn Minister Müller.
Diese Müllermehrheit wies alle aus, die anders hießen und sich nicht rasch taufen ließen. Bis ganz Deutschland Müller hieß!
Von Memel bis zum Rande des Rheins feierten nun die Deutschen Versöhnung. Im alten Aachen gabs Kaiserkrönung. Und der Kaiser hieß: Müller Eins.
Festlich krachten Kanonen und Böller. Doch das Glück war bald vorbei. Denn am Tag darauf kam Möller, und es entstand eine Gegenpartei.

25.8.1930 Simplicissimus