Kommunalwahlen in NRW am 12. September 1999

Neuss hat gewählt - und Neuss bleibt schwarz!

Dieser Tag wird als "Schwarzer Sonntag" in die Geschichte dieses Landes eingehen. Die CDU hat in Neuss mit weit über fünfzig Prozent ihre absolute Mehrheit ausgebaut und stellt bereits - bis zu den Stichwahlen am 26. September - vier Bürgermeister im Kreis. Die SPD hat ihr schlechtestes Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte eingefahren und bekommt damit ihren bundespolitischen Denkzettel. Mit der SPD verloren haben die Bündnisgrünen, denen zunehmend ihr Wählerpotential abhanden kommt, seitdem sie sich als staatstragend erweisen. Die FDP hingegen konnte in Kaarst und in der Millionärshochburg Meerbusch ihre Ergebnisse verbessern.
Der einzige erfreuliche Lichtblick bei dieser Wahl ist der durch den Wegfall der antidemokratischen Fünf-Prozent-Hürde bedingte Einzug von DKP und PDS in immerhin rund dreißig Kommunalvertretungen in NRW. In Neuss sitzt damit erstmals seit den fünfziger Jahren wieder ein Sozialist im Stadtrat.

Auch wenn der von der SPD designierte Neusser Bürgermeister Kissenkoetter von dem Schroeder-Kurs seiner Partei abzulenken versucht und erklärt: "Verloren haben wir hier", ist das - wenn überhaupt - nur die halbe Wahrheit. Die BundesbürgerInnen haben letztes Jahr der Kohl-Regierung eine entschiedene Abfuhr erteilt. Sie wollten einen Politikwechsel in dieser Republik. Die Warnung der Linken, daß es unter dem Vorsitz von Schroeder lediglich einen politischen Machtwechsel gebe, wurde wie so oft nicht ernst genommen. Und dann kam alles Schlag auf Schlag. Der "Kanzler aller Autos" erklärte, in keinem Fall die Macht des Kapitals anzutasten, sondern im Gegenteil, was spätestens jetzt klar sein dürfte, die Sanierung der BRD auf Kosten der Lohnabhängigen und An-den-Rand-Gedrängten vorzunehmen. Das Sparprogramm belastet vor allem RentnerInnen, Arbeitslose und SozialhilfeempfängerInnen.
Hinzu kam der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der NATO gegen die souveräne Republik Jugoslawien. Damit haben SPD und Grüne die Lehren aus dem Faschismus missachtet und dieses Deutschland, von dessen Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte, ein drittes Mal in diesem Jahrhundert gegen die Völker des Ostens gehetzt.

Wenn Wahlen etwas ändern würden...

Die Antwort auf dieses Politik drückt sich im Wahlverhalten der BundesbürgerInnen aus. In den meisten Kommunen lag die Wahlbeteiligung unter fünfzig Prozent. Die Zahl der NichtwählerInnen hat sich verdreifacht. Damit sind sie, wie die WZ vom 14. September treffend titelte: die "stärkste Kraft". Das zeigt im besonderen, daß die BürgerInnen das Vertrauen in den Nutzen parlamentarischer Demokratie verlieren. Andererseits führt die neoliberale Politik der SPD zu einer Stärkung der radikalen Linken. Immerhin zog die DKP mit fast fünf Prozent in Bottrop und Gladbeck in die Räte ein. Die PDS konnte in Duisburg 4,2 % verzeichnen und die Demokratische Linke Wülfrath (DLW) erreichte mit knapp elf Prozent das beste Ergebnis der Linken in NRW.
Kaum nachvollziehbar aber sind die Gewinne der Konservativen. Daß ausgerechnet die CDU, die sechzehn Jahre lang für Sozialabbau verantwortlich zeichnete, heute von den BürgerInnen wieder herbeigerufen wird, lässt sich nur mit Perspektivlosigkeit oder Dummheit erklären. Fraglich ist nur, ob wirklich jemand so dumm sein kann, dem CDU-Gewäsch von "sozialer Gerechtigkeit" Glauben zu schenken, wo doch gerade jetzt die SPD die "Arroganz der Macht" bewiesen hat.

Behinderter gegen Behinderte

Noch auf der Wahlkampfabschlusskundgebung der CDU auf dem Neusser Markt am 10. September, wo sie ihren Fraktionsvorsitzenden Schäuble eingeladen hatte, erklärte dieser deutlich, worum es geht: Ausländerfeindlichkeit, Hetze gegen Linke und Sozialabbau wurden von den Neusser Parteisoldaten mit ordentlichem Applaus quittiert. Der Protest dagegen war verhalten. Und wenn es welchen gab, so wurde dieser strikt unterbunden von Ordnern, welche die Junge Union stellte, Staatsschutzbeamten und dem BGS. Ein Behinderter, der per Flugblatt auf Menschenrechtsverletzungen und die Ausgrenzung kranker Menschen aufmerksam machen wollte, wurde vorübergehend festgenommen und erhielt einen Platzverweis.
Und trotz alledem erzielte die CDU in Erfttal, dem größten Armenviertel von Neuss, mit fast siebzig (!) Prozent ihr bestes Ergebnis - das verstehe wer will.

Rote Welle über Neuss

Doch mit der PDS haben sie nicht gerechnet, und die sitzt jetzt im Rat. Wurde die PDS in Neuss zehn Jahre lang erfolgreich ignoriert, kommen sie an ihr nun nicht mehr vorbei. Niederschlag fand dieser Schock für Neuss dann auch in den beiden großen Lokalzeitungen. Die NGZ schrieb am Tag nach der Wahl: "Mit dem Absingen der Internationale schlugen sie im Rathaus schon jetzt völlig neue Töne an." Und die WZ zitierte gar am 14. September einen CDU-Anhänger mit den Worten: "Jetzt rollt die rote Welle auch über Neuss hinweg." Na, wollen wir es hoffen.
Daß aber die Abgrenzungsallüren der PDS gegen die DKP in Witten ihren Einzug in den Stadtrat verhinderten, daß ein Herr Brie sich um die schwache SPD sorgt und ein Herr Bisky darüber sinniert, mit der CDU zusammenzuarbeiten, weil es dort "mehr sozialdemokratische Tradition gibt als bei der SPD", lässt an der roten Welle doch einige Zweifel aufkommen. Lassen wir uns überraschen.

M. Weber