Wir schreiben das Jahr 1944. Ein amerikanischer Offizier namens Saul K. Padover
gehört zu den amerikanischen Truppen, die nach Deutschland vorstoßen.
Er ist Oberleutnant einer Spezialeinheit für psychologische Kriegsführung,
spricht deutsch und hat die Aufgabe, die Besiegten egal welcher Gesinnung und
gesellschaftlichen Stellung zu befragen - verhören - seine Abteilung: der
Vorläufer der CIA.
Welches Bild hatte das Europa des 2.Weltkrieges von den Deutschen? Wie gut war
die Goebbelsche Propaganda bezüglich der Herrenrasse? Padover wollte ein
Stimmungs- und Situationsbild der deutschen Bevölkerung angesichts der
Niederlage entstehen lassen.
Er hat mit zahlreichen Einzelpersonen gesprochen: Männern und Frauen, Jungen
und Mädchen, Nazis und Nazigegnern, Lehrern, Fabrikarbeitern, Kaufleuten,
Fabrikanten, Hausfrauen...
Erwartet hatte die Abteilung für psychologische Kriegsführung überzeugte
Nationalsozialisten, eine Herrenrasse, die sich nicht unterwerfen ließ.
Gefunden haben sie ein Volk, bestehend hauptsächlich aus Muss-Nazis, die
angeblich vom System missbraucht wurden und daher keine Schuldgefühle hatten,
die oft reden wollten und sich an die Amerikaner klammerten in der Hoffnung
überleben zu können.
Fast alle gestehen ein, dass an den Juden und den Zwangsarbeitern großes
Unrecht verübt worden ist, aber Befehle, die erteilt wurden, müssten
auch befolgt werden. Sie zeigten sich hart und gefühllos in ihrem Eingeständnis.
Eine NSDAP-Mitgliedschaft betraf fast die Hälfte der Bevölkerung der
jeweiligen Dörfer und Gemeinden und war innerhalb der Jugend unbeliebt.
Die jungen Leute wissen nichts von der Weimarer Republik und anderen geschichtlichen
Ereignissen, sie bewundern Amerika und haben Angst vor den Russen. Die Gruppe
um die Zwanzig weist die typischen NS-Merkmale auf.
Es gibt tatsächlich noch Sozialisten und Kommunisten, viele von ihnen sind
Antifaschisten und vielleicht die einzigen Freunde der Alliierten - auch der
Russen. Trotz ihres Antifaschismus' war kaum jemand in der Lage, Widerstand
zu leisten. Selbstmitleid, Angst, Egoismus war die Entschuldigung ihrer Handlungsunfähigkeit.
In all den Kriegsjahren waren die Deutschen die Wohlgenährtesten in Europa
und bis auf die Ausgebombten und Flüchtlinge haben sie weniger gelitten
als alle Anderen. Aber kaum geht es ihnen etwas schlechter, klagen sie, als
käme die Apokalypse.
Die einflussreichen NSDAP-Mitglieder hatten auch nach dem Einmarsch der Alliierten
die Kühnheit besessen, sich mit Billigung der Besatzungsmacht in wichtige
Positionen einsetzen zu lassen. Der Fall Aachen ist beispielhaft: Eine total
zerstörte Stadt mit nur ca. 11 000 von ehemals 160 000 lebenden Einwohnern
besteht hauptsächlich in der Führung aus alten NSDAP-Mitgliedern,
die keine Reue zeigen und trotzdem von den alliierten Behörden als kompetent
angesehen wurden. Der eigentliche Stadtherr von Aachen und Umgebung, Bischof
van der Velden, wollte im Sinne seiner Kirche keine Märtyrer. Er kann einen
Kampf um Freiheit nicht verstehen und darauf angesprochen, dass Jesus keine
Angst hatte, die Wahrheit trotz der bestehenden Macht zu propagieren, antwortete
er: "Ja, das stimmt, aber schauen Sie, was man mit ihm gemacht hat."
Padover fragt überall: Eupen, Würselen, Mönchengladbach, Grevenbroich,
Röttgen, Monschau, Krefeld...
Sein Bericht ist oft episch und spannend geschrieben. Er versucht, die Politik
der Alliierten zu erklären, er kritisiert jede Zusammenarbeit zwischen
Nazis und der Besatzungsmacht. Er hat Verständnis für die Linke, er
versteht den Hass der russischen und anderen Zwangsarbeiter auf die Deutschen
und die Parole: "Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher".
Zynisch beurteilt er Hitler als großen Staatsmann, der es schaffte, ein
Volk von "Nicht-Hitler-Anhängern" zu regieren.
Er hofft, einen kleinen Beitrag für das Bild des besiegten Deutschland
weg von der Propaganda gegeben zu haben.
J.F., Dormagen
Saul K. Padover
Lügendetektor,
Eichborn Verlag 1999
ISBN 3-8218-4478-7, DM 44,-