Nur selten gelingt es dem Verbindungsoffizier, den Überblick über
die Staatsformen der Deutschen zu behalten. Rasch wechseln die Regime, wendet
sich die Bevölkerung von Königen ab und Führern zu, steigen Reichskanzler
auf und fallen Bundeskanzler, von Bismarck bis zu Gerhard Schröder ist
es - historisch gesehen - nur ein kleiner Schritt.
Völlig verwirrend ist die Lage in Berlin, dessen Einwohner Regierungswechsel
und Staatszusammenbrüche nur noch mit einem Achselzucken abtun - es gab
zu viele davon in jüngerer Zeit. Die politischen Verhältnisse sind
dementsprechend durcheinander. In Ostberlin erhält die PDS mittlerweile
bei Wahlen fast die absolute Mehrheit, obwohl oder gerade weil die Leute so
gern in den Westen wollen. Immerhin hatte schon am 9. November 1989 ein SED-Politbüromitglied
das Signal zur Erstürmung der Mauer gegeben. In Westberlin wird die dort
eingesessene Baumafia langsam von der russischen verdrängt, was politisch
keine Rolle spielt: Beide unterstützen die CDU. Es herrscht jedenfalls
Durcheinander und die Berliner Politik ist ebenso schlecht wie ein SFB-Tatort.
Wie gut hat es dagegen Neuss mit seinen zweitausend Jahren Nebligkeit. Die schöne
Dauerhaftigkeit des stets gleich feuchten Wetters prägt alle Gemütszustände
und andere öffentlichen Angelegenheiten. Wenn der Neusser politisch wird,
denkt er ans Ewige und wird gruftig. Im allgemeinen hängt er dem "normalen
Glauben" (Konrad Beikircher) an und erhebt nur selten die Stimme im politischen
Getümmel. Die Welt ist hier nicht böse, sie ist einfach weit weg.
Seit fast zweitausend Jahren bestimmt eine kleine Gruppe von milden Kirchenfürsten
den Gang der Dinge und schirmt ihre Schäfchen von Unbill aller Art ab -
von Pestilenz und PDS, von Protestantismus und SPD. 1933 übertrugen die
Sachwalter des Himmlischen die kommunalen Amtsgeschäfte in Neuss einer
politischen Laienspielschar, die ungefähr seit dieser Zeit als CDU firmiert.
So blieb alles unterm Kirchendach.
Das Leben in drei Diktaturen - Kirche, Kirche und CDU - wird auch das nächste
Jahrtausend von Neuss prägen. Das verheißt der "Plan für
Neuss", mit dem der Totalitärenverein im diesjährigen Kommunalwahlkampf
drohte. "In Neuss leben wir, weil wir uns hier wohlfühlen" hebt
das Schriftstück drohend an. Das kann nur heißen: Wer sich hier nicht
wohlfühlt hat hier nicht zu leben oder lebt nicht mehr hier oder lebt nicht
mehr. Denn mit dem Tod hat es die Partei - kein Wunder in einer Stadt, die das
alljährliche Ertränken der Neusser Kanalratten durch Schützenfesturin
mit einem martialischen Zwangsaufzug der Bevölkerung feiert. "Das
Leben in der Stadt soll lebendig sein.", lautet der nächste Satz des
"Plans für Neuss". Das zielt auf Äonen, auf mindestens tausend
Jahre. Denn totes Leben gab es bisher nur in Papieren der Neusser CDU, auf jeden
Fall töteres als anderswo. Nur sie ist so beständig wie der Tod. Den
Ruf nach Lebendigkeit sollte man daher auch im angemessenen Rahmen sehen. Der
"Plan für Neuss" nennt "liebevoll gestaltete Plätze,
historische Gebäude, schöne und angenehme Wege, über die wir
unser Ziel erreichen können", Menschen, Tiere, Infusorien und Spermien
werden nicht erwähnt, lebende Organismen sind tabu. Auch das ist kein Wunder,
sieht man sich das Gruppenfoto der CDU-Mannschaft an, mit dem das Planwerk verziert
ist: Leben sieht anders aus. In der Kirche ist belebtes Eiweiß überhaupt
ein unpopuläres Thema, dort hebt man sich den meisten Spaß fürs
Jenseits auf. Menschen stören.
Worin besteht aber das Ziel, das über "angenehme Wege" erreicht
werden soll, nachdem man menschenleere Plätze und verlassene Häuser
hinter sich hat? Wo gibt es "angenehme Wege" außer auf Friedhöfen
in Neuss? Die Wahrheit ist: 55 Prozent der Neusser haben bei den Wahlen einem
Bestattungsverein ihre Stimme gegeben. Das ist menschlich verständlich,
nach zweitausend Jahren Klerus sehnt man sich nach der ewigen Ruhe, nach echter
Beständigkeit. Wenn Napp daher "lebendiges Neuss" sagt, meint
er das auf großen schönen Grabfeldern. Sonst wird es nichts mit den
nächsten tausend Jahren CDU.
Arnold Schölzel, VOibE